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Christoph J. Geißler (CJG):

Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe - Texte und Briefe, Bd. 4: Texte 1920.
Hg.: Bärbel Boldt, Gisela Enzmann-Kraiker, Christian Jäger.

1. Aufl. Reinbek: Rowohlt, 1996. 911 S.
ISBN: 3-06533-5 Preis: 78 DM.

Endlich ist sie da: die lang erwartete, für philologische Textarbeit unbedingt notwendige historisch-kritische Gesamtausgabe (GA) der Texte und Briefe Kurt Tucholskys (1890-1935). Bisher liegen bereits die Bände Nr. 4 und Nr. 20 vor, und weitere Bände in der auf 22 Teile angelegten Serie werden sicher bald folgen.

Den fachlich versierten und engagierten Herausgebern der GA (Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp, Gerhard Kraiker) ist bereits vorab zu gratulieren. Allein das Unternehmen als solches, nämlich die Sichtung, Edition, Indexierung, Kommentierung und Erschließung des umfangreichen, weit verstreut vorliegenden Materials ist schon eine gewaltige Aufgabe. Der produktivste Journalist, Essayist und Literat der Weimarer Republik hat seine Beiträge in einer Vielzahl von Publikationen und Pseudonymen veröffentlicht, die es zu finden galt (und teilweise noch gilt). Die Förderung durch die DFG (Deutsche Forschungsgesellschaft), das niedersächsische Wissenschaftsministerium, den Kultursenator des Landes Berlin, das Literaturarchiv in Marbach und die Kurt-Tucholsky-Stiftung in Hamburg ist daher gerechtfertig, ja nötig.

Die äußerliche Aufmachung der GA mit festem Einband, Schutzumschlag und Buchseiten aus Umweltpapier, solider Bindung und Lesezeichen ist auf Benutzerfreundlichkeit hin angelegt. Trotzdem hätte zumindest der Schutzumschlag ruhig etwas weniger spartanisch ausfallen können, da er schon bald recht abgegriffen aussieht (die GA ist ja zum häufigen Gebrauch gedacht).

Die Texte im vierten Teilband, zusammengestellt und kommentiert von Bärbel Boldt, Gisela Enzmann-Kraiker und Christian Jäger sind leicht erschließbar und zugänglich, und das aus mehreren Gründen. Erstens erleichtern Zeilenzählung und durchgängige Numerierung der Beiträge das Auffinden einer Textstelle. Zweitens hilft die Verfasserangabe und präzise Datierung der Erstveröffentlichung am Ende jeden Textes dem Leser bei der zeitkritischen Zuordnung. Gelegentliche Ablichtungen von Originalbeiträgen lockern das Schriftbild auf und ermöglichen zusätzlich visuelle Orientierungen (z.B. über Photos).

Allein der Anhang in Bd.4 der GA umfaßt 330 Seiten. Neben Benutzungshinweisen, Danksagungen, Siglen- und Abkürzungsverzeichnis erschließen vor allem der Kommentar, ein Personen- und Werkregister, ein alphabetisches sowie ein chronologisches Titelverzeichnis das Textcorpus. Als zusätzliche Dreingabe gibt es noch 3 Verzeichnisse (zitierte Literatur, [von Tucholsky] rezensierte Bücher sowie besprochene Aufführungen und Filme) und eine Übersicht zu den durch Tucholsky belieferten Publikationsorganen.

Nützlich ist vor allem der Kommentar: genaue Verfasserangaben, Datum der Erstveröffentlichung, bibliographische Notizen und zeitgeschichtlich-kulturell-biographische Erklärungen helfen bei der Orientierung. Denn Tucholsky war ein politisch engagierter Chronograph und Kritiker der Weimarer Republik - und viele Anspielungen seinerseits bleiben dem heutigen Leser ohne Erklärungen unverständlich. Wer weiß z.B. noch, was ein "Drugulin"-Druck oder ein "Makartstrauß" waren bzw. sind? Für das Personenregister gilt Ähnliches.

Im Vergleich zwischen der 10-bändigen Ausgabe der "Gesammelten Werke" (GW; Reinbek: Rowohlt, 1975) mit 2 Ergänzungsbänden und der neuen GA fallen Unterschiede auf. Vieles fehlt in den GW, was es jetzt eben gibt: Zeilenzählung, Numerierung, Kommentare, Originalbeiträge, zum Beispiel. 108 Texten im 2. Teil des 2. Teilbandes der GW (1919-1920) stehen 268 Beiträge in der GA gegenüber. In den Ergänzungsbänden "Deutsches Tempo" (Reinbek: Rowohlt, 1985) und "Republik wider Willen" (Reinbek: Rowohlt, 1989) sind zwar noch weitere 72 Texte für das Jahr 1920 aufgeführt. Aber das diasporale Verteilungsprinzip und die autoritative Textzensur von den GW-Herausgebern Raddatz/Gerold-Tucholsky macht die Arbeit mit den Texten schwer und unnötig kompliziert. Diese Nachteile sind nun beseitigt.

Insgesamt wird mit der neuen Gesamtausgabe Tucholskys Werk endlich systematisch und verständlich erschlossen. Das Auffinden, Korrelieren und Interpretieren des Lebenswerks Tucholskys wird so erheblich erleichtert. Zusammem mit der von Antje Bonitz und Thomas Wirtz erstellten Personalbibliographie und den vollständigen Nachdrucken der "Weltbühne"-Ausgaben wird die GA wohl in Zukunft der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen und textkritischen Auseinandersetzung mit und über Tucholsky sein. Der für studentische Geldbörsen etwas teuren Gesamtausgabe ist bei der immer noch vorherrschenden Popularität Tucholskys und nach den jüngsten Politdebatten um Abrüstung, Wehrdienstverweigerung, Pazifismus und die Ehre der Bundeswehr (Motto Tucholskys: Soldaten sind Mörder) eine große Wirkung sicher.

 

WWW-Erstveröffentlichung: 9.Januar 1997