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Gerhard Müller (Oestrich-Winkel)

Kurt Tucholsky: Werke – Briefe – Materialien.

Gesammelte Werke im Volltext. CD-ROM
Berlin: Directmedia 1999 (= Digitale Bibliothek 15),
ISBN 3-932544-19-6, 99 DM

Als der Berliner Verlag Directmedia 1997 den ersten Band seiner ”Digitalen Bibliothek”, Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka, vorgelegt hatte, erntete er Lob von allen Seiten und bekam sogar einen großen Wurf bescheinigt. Jene CD-ROM enthielt eine riesige Textsammlung mit ausgewählten Werken von 58 deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, versehen mit einer ausgereiften, leistungsfähigen, zudem leicht zu handhabenden Software. Die weitverbreitete Skepsis digitalen Ausgaben von Literatur gegenüber wich. Der Herausgeber Mathias Bertram (er ist auch für die vorliegende digitale Tucholsky-Edition mitverantwortlich) schrieb damals einleitend, die CD-ROM ”will gedruckte Bücher nicht ersetzen oder gar überflüssig machen, sondern die spezifischen, bislang kaum ausgeschöpften Möglichkeiten der elektronischen Erfassung und Verarbeitung von Texten nutzen. [...] Ihr [der CD-ROM] markantester Vorzug ist zweifellos das schnelle und präzise Auffinden von Textstellen. [...] Nicht zuletzt [liefert sie] auch umfassende Register zu jeder vorhandenen Bibliothek.”

Die Beschäftigung mit der Deutschen Literatur von Lessing bis Kafka bestätigte schnell, wie berechtigt diese Selbsteinschätzung war und wie viele Vorteile eine digitale Textausgabe – in Verbindung mit den gedruckten Werken – haben kann. Nach einer weiteren Großausgabe – Philosophie von Platon bis Nietzsche – legte Directmedia verschiedene Autorenausgaben vor, u. a. zu Lessing, Goethe, E. T. A. Hoffmann und Fontane, und Anfang des Jahres 1999 ist der 15. Band erschienen, die Tucholsky-Auswahl. Zu den neuesten Bänden gehören z. B. ein Lexikon der Antike und eine Enzyklopädie des Nationalsozialismus.

Hat man sich auch nur kurze Zeit mit einer CD-ROM von Directmedia beschäftigt – vorausgesetzt man besitzt einen PC mit dem entsprechenden Laufwerk –, so wird man ihren spezifischen Vorzug kennen und schätzen gelernt haben und wird sie nicht mehr missen wollen. Der bis vor kurzem geführte Streit um Sinn oder Unsinn digitalisierter Bücher ist schal geworden. Es geht nicht um die Alternative Buch – CD-ROM (Ist eine Literatur-CD ein optimales Medium oder ein Irrweg, ein blinder technizistischer Glaube an elektronisches Publizieren?). Es geht um die spezielle Edition, um die Intelligenz, mit der sie erarbeitet wurde, und um die Möglichkeiten, die sie in Ergänzung zu den ”Papierausgaben” bietet. Und so ist, um vorweg das Wichtigste zu sagen, (auch) diese Literatur-CD-ROM gelungen; sie ist durchdacht, ihre Software funktioniert ausgezeichnet, und sie zeugt von einem literaturtheoretisch plausiblen Konzept. Sie bietet Literatur- und Sprachwissenschaftlern, Tucholsky-Freunden und Kennern und obendrein allen zeitgeschichtlich Interessierten eine ganze Menge. Sie ist hervorragend zu kombinieren mit den anderen Bänden der ”Digitalen Bibliothek”, und obendrein ist sie recht preiswert.

Der prägnanteste Vorzug ist die bequeme und schnelle Suche nach Wörtern im weitesten Sinne: nach Einzelwörtern, seien sie Titeln, seien sie dem Text zugehörig; nach Personen, die von Tucholsky genannt oder die von Herausgebern und Monographen (hier, es ist darauf zurückzukommen: von Michael Hepp) erwähnt werden, oder nach Siglen. Die Suchwerkzeuge (wie es – abseits aller anglisierter PC-Terminologie – so schön praktisch heißt) sind sehr praktisch, differenziert und schnell, so dass ein Experte seitenlang ihre positiven Effekte darlegen könnte. Kein traditionelles Register, kein noch so vollgepackter Zettelkasten kann das leisten, was eine Stellensuche via CD-ROM bietet. Der gesamte Textbestand dieser CD ist zu durchsuchen, oder die Suche ist (per ”Suchfilter”) auf bestimmte Partien zu beschränken (z. B. Titel, Signaturen, Erstdrucke oder die Texte selbst); man kann sich eine Fundstellen-Liste aufbauen, Notizen einfügen ... Was von manchen schon längst gewünscht wurde: ein Tucholsky-Wörterbuch – mithilfe dieser elektronischen Edition ist ein Schritt in diese Richtung getan, d. h., die technisch-praktischen Voraussetzungen sind nun ohne weiteres gegeben.

Hatten, um zum Inhalt überzuleiten, die traditionellen Tucholsky-Ausgaben Register geboten – diese sind übrigens kumuliert und leicht überarbeitet hier übernommen worden –, so ist jetzt über die Suchfunktionen eine weitergehende und äußerst effiziente Recherchemöglichkeit vorhanden, und Beleg- und Vergleichsstellen sind in Sekundenschnelle verfügbar.

Und: die Suche ist zuverlässig; gerade bei einem hochmodernen und technifizierten Arbeitsinstrument wie einer CD-ROM ist Präzision und Verlässlichkeit wegen des Anspruchs und der Erwartung unabdingbar. Nicht nur einfache Wortformen wie ”Deutschland”, ”Kolbanette” oder ”Stresemann” werden im Nu gefunden, sondern einerseits auch Mehrfachausdrücke wie ”Deutschland über alles”, andererseits dialektale bzw. Tucholsky-eigene Formen (die vom Druckbild her sich schwieriger darstellen) wie ”Ick weesss nich”, ”Ihr ajehmster” oder ”OOOOooohrfeigen”. Auch französische Stichwörter, z. B. ”diffamé” oder ”payé”, werden ohne weiteres angezeigt, und ein Ausdruck mit dem Sonderzeichen î wie ”Enchaîné” lässt sich per Stellvertreter * suchen.

Und wo bleibt denn nun das Negative? Es steckt im Inhalt, der Textauswahl. Kennern der Tucholsky-Editionen – wie den Lesern dieser Zeitschrift, die immer wieder Neuerscheinungen vorstellt und unentdeckte Texte aufspürt – muss jetzt kaum etwas erläutert werden. Nennen wir rasch diejenigen Ausgaben, die der CD-ROM zugrunde liegen (korrekt heißt es ja Gesammelte Werke ...):

1. Den Grundstock bilden die Gesammelten Werke in zehn Bänden, hrsg. von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek 1975.

2. Hinzu kommen die im selben Verlag 1985 bzw. 1989 erschienenen Ergänzungsbände Deutsches Tempo  und Republik wider Willen.

3. Weiterhin wurde elektronisch erschlossen: Briefe. Auswahl 1913–1935, hrsg. von Roland Links, Berlin 1983, als ”weitere[r] Zugang zu Kurt Tucholsky und seinem Werk”, wie es Bertram einleitend umschreibt.

4. Als darstellend-kommentierender Text ist aufgenommen: Michael Hepp, Kurt Tucholsky, die rororo-Monographie aus dem Jahr 1998. Die Bilddokumente sind gesondert – und erweitert – zusammengestellt.

Also: Fünf, nur fünf Bücher/Buchausgaben auf überholtem Stand könnte man, mit einem lachenden und einem weinenden Auge diese Tucholsky-CD betrachtend, sagen – und bedauern, dass somit etliche Möglichkeiten, die dieses mächtige elektronische Medium bietet, außer acht gelassen wurden. Wissen die Kundigen doch, welche Fortschritte die Tucholsky-Philologie und -Editionspraxis gemacht hat, wie viele Werke seit 1975 bzw. 1983/1985 vorliegen, an denen diese CD-ROM sozusagen vorbeigeht. Dies gilt nicht nur für die publizistischen und poetischen Texte, sondern auch für die Briefe und die Q-Tagebücher. Von der Gesamtausgabe, die seit 1996 erscheint, gar nicht zu reden. (So ist z. B. Deutschland, Deutschland über alles, das Raddatz 1975 in die Gesammelten Werke ohne die ausschlaggebenden Montagen John Heartfields plus Tucholskys Kurztexte einbezogen hatte, das aber 1973 als Taschenbuch separat veröffentlicht worden ist, auch hier als Ganzes nicht aufgenommen worden. Und wenn auch Roland Links’ Auswahl aus den Briefen und Q-Tagebüchern seinerzeit nützlich war, so ist nicht zu übergehen, dass mehrere andere, z. T. anders gruppierte bzw. umfangreichere Teilausgaben zu beiden Textkategorien seit Jahren greifbar sind.) Und dies gilt ja auch für monographischen Arbeiten und für Materialien wie etwa ”Splitter, Spuren, Stoffe” der TB.

Man könnte also bequem einwenden, dass die Herausgeber der Tucholskyschen ”Gesammelten Werke im Volltext” eine große Chance vertan hätten. Wären da nicht Urheberrechte zu beachten. So heißt es denn auch im Vorspann ”Zu dieser Ausgabe”, bislang habe es keine elektronischen Werkausgaben ”urheberrechtlich geschützter Autoren” gegeben. Dies muss es sein; hier liegt der Schlüssel für das Dilemma, was auch schlicht eine quantitative Seite hat. Die eingangs erwähnten großen digitalen Textausgaben zur deutschen Literatur und zur Philosophie bieten rund 70.000 Bildschirmseiten Umfang, die Ausgabe mit Goethes Briefen, Tagebüchern und Gesprächen rund 32.000 – und die vorliegende Tucholsky-Ausgabe kommt (lediglich) auf rund 12.700 Bildschirmseiten. Immer spielt natürlich auch die Verlagskalkulation eine Rolle (der Erwerb von Abdruck-, hier: Verwertungsrechten kostet Geld), und kein Verlag kann sie ignorieren: Mit 99 DM liegt der Ladenpreis recht niedrig, was anerkannt werden sollte, da so die Verbreitung dieser Tucholsky-CD-ROM gefördert wird.

Und alles, was der weiteren Verbreitung des Tucholskyschen weitgefächerten Oevres dient und das Interesse an seinen Glossen, Satiren, Bildern, an seiner Sprachkraft und seinem Witz wachhält, sollten wir nicht tadeln, sondern achten und loben, auf dass es wachse und sich mehre.