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Viktor Otto, Berlin:

Christoph Schottes: Die Friedensnobelpreiskampagne
für Carl von Ossietzky in Schweden.

Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg 1997. 233 S. (Schriftenreihe des Fritz Küster-Archivs)
ISBN: 3-8142-0587-1, Preis: 14 DM.

Der Sozialwissenschaftler Christoph Schottes machte es zum Thema seiner Dissertation, den schwedischen Anteil der Friedensnobelpreiskampagne für Carl von Ossietzky zu untersuchen, nachdem durch die Ossietzky-Ausgabe (1994) sowie eine Dokumentation der Hamburger Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur (1988) wertvolle und materialreiche Vorarbeiten in Sachen Nobelpreiskampagne geleistet worden sind. Neu ist somit die länderspezifische Perspektive, sieht man einmal von den Studien Brinsons und Malets (1990 und 1991) ab, die sich den Aktivitäten für Ossietzky in Großbritannien widmeten.

Schottes sichtete die schwedische Presse, befragte an der Kampagne in Schweden Beteiligte und beförderte bisher unbekannte Archivalien ans Licht. Die Studie kontextualisiert das Geschehen ausführlich. Zahlreiche Exkurse führen dem Leser den größeren Zusammenhang vor Augen: Die Geschichte des Friedensnobelpreises wird kurz referiert, nach der Bedeutung Schwedens als Exilland gefragt, das politische Klima im Schweden der 30er Jahre vorgestellt, der hohe Anteil von Frauen an der Kampagne gewürdigt.

Doch vermag der weite Blick der Studie nicht zu verhehlen, daß sie sich einem Gegenstand verschrieben hat, der sichtlich mager ist: Das Wort "Kampagne" ist in bezug auf die wenigen Aktivitäten, die in Schweden zugunsten Ossietzkys initiiert worden sind, nahezu euphemistisch. Neben einigen wenigen Versuchen Tucholskys, der seit 1929 im schwedischen Exil lebte, stehen die Aktivitäten eines um die Schriftstellerin Mia Leche Löfgren entstandenen schwedischen "Ossietzky-Komitees", das aber bei weitem keine so straffe Organisation war, wie es der Name nahelegt. Auch die Durchsicht der Presse warf einen wenig spektakulären Ertrag ab: Die Artikel gehen nur in Einzelfällen über bloße Pressemeldungen hinaus. Allein die Bemühungen des Emigranten Kurt Singer zeitigten wahrnehmbare Folgen. Singer schrieb ein kleines Ossietzky-Buch, das 1936 in schwedischer Sprache erschien und innerhalb kürzester Zeit drei Auflagen erlebte. Außerdem bemühte sich Singer erfolgreich um Übersiedlung und Unterbringung der Tochter Ossietzkys, die seitdem in Schweden lebt.
Schottes selbst resümiert mit Blick auf die weit wirkungsvollere Nobelpreiskampagne im benachbarten Norwegen: "Die Wirkung der Aktionen für Ossietzky in Schweden blieb begrenzt."

Wenn auch die von Tucholsky unternommenen Schritte letztlich keine Früchte trugen, so offenbaren sie doch einiges über die Seelenlage Tucholskys in seinen letzten Jahren sowie über sein Verhältnis zu dem früheren Kollegen und Mitkämpfer Ossietzky, das Schottes "zwar nicht als tiefe Freundschaft" beschreibt, aber doch von einer "großen Achtung und verhaltenen Zuneigung" geprägt sieht. Während Tucholskys Einsatz für die Nobelpreiskampagne eher halbherzig war und er die Aktivitäten anderer in wenig konkreter oder konstruktiver Form kritisierte ("Da ist kein Mark, kein Wille, kein Blut ­ das ist alles so lasch"), ließ ihn der gegen Ossietzky gerichtete Angriff des Schriftstellers Knut Hamsun, der im Alter mit den Nationalsozialisten zu sympathisieren begann, nach Jahren des Schweigens wieder ans Schreiben denken. Tucholsky fragte bei mehreren Zeitungen an, ob sie an einer Entgegnung auf Hamsuns Pamphlet Interesse hätten, war aber erfolglos. Noch einen Tag vor seinem Tode schrieb Tucholsky im Fall Hamsun an die Norwegische Studentengemeinschaft: "Halten Sie es für richtig, wenn ich an einer von Ihnen zu bestimmenden Stelle noch einmal mit einem Aufsatz hervortrete?" Trotz Wirkungslosigkeit: Selbst die letzten Gedanken galten Ossietzky.

Viktor Otto, Berlin

 

WWW-Erstveröffentlichung: 14.02.1999