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Friedrich Winterhager, Hildesheim

Klaus-Peter Schulz: Wer war Tucholsky?

Stuttgart: Neske ( im Verlag Klett-Cotta) 1996,
geb. 299 S. mit 24 Bildtafeln, 38.00 DM.

Der Verfasser der bekannten Rowohlt-Monographie legt hier ein weiteres Buch über Tucholsky vor. Auch dieses Werk enthält zahlreiche Selbstzeugnisse Tucholskys; mit deren Hilfe wird dem Leser dargestellt: Kindheit und Schulzeit in Berlin und Stettin, Jurastudium in Berlin und Genf, Promotion in Jena. Dienst als Soldat und Militärpolizist im besetzten Rußland und in Rumänien. Zwei Ehen und weitere Liaisons. Erste literarische Erfolge (seit 1912), Weg in die USPD, aber auch kurzzeitig Mitarbeiter an der konservativen Oberschlesien-Propanganda; dauerhafte Mitwirkung an der Weltbühne, zeitweise Herausgeber dieser Zeitschrift. Publizistischer Kampf gegen Reaktion und rechte Sozialdemokratie. Kritik an der Weimarer Republik und ihrer Verfassungswirklichkeit. Eintritt für Frieden und Menschenrechte, massive Vorbehalte gegen die skandalös rechtsstehende Justiz des Weimarer Staates. Attacken gegen Ebert und Stresemann. Zeitweise Hinneigung zur KPD. Mitarbeit an den Publikationsorganen W. Münzenbergs. Weggang nach der Schweiz, Frankreich und Schweden. Mitgliedschaft bei den Freimaurern. Warnung vor dem heraufziehenden Faschismus. Ausbürgerung, Isolation, Sorge um den Mitstreiter Carl von Ossietzky, gesundheitliche Krise, Freitod 1935.

Das Buch enthält die Kapitel "Kurt Tucholsky erzählt sein Leben", "Soziologe-Programmatiker-Polemiker", "Ein unermüdlicher Buchleser", "Der Vielseitige", "Was der Zeitkritiker nicht sah". Eine "Ausgewählte Bibliographie", erstellt von Wolfgang Hering, bildet den Abschluß des Buches.

Schulz weist (S. 250) darauf hin, daß Tucholsky als Buchrezensent eher zurückhaltend und fair und weniger aggressiv auftrat. Er lobt allgemein Tucholskys Stil (S. 251) und veranschlagt dessen Bedeutung höher als den Inhalt der Werke. In dieser Hinsicht, was den Stil anbetrifft, stellt er ihn auf eine Stufe mit Lessing und Heine.

Das ausführliche Schlußkapitel "Was der Zeitkritiker nicht sah" (S. 265-293) enthält eine wohlabgewogene Kritik an Tucholskys Angriffen gegen die Weimarer Republik, gegen Friedrich Ebert und Gustav Stresemann. Seine zeitweise Hinneigung zur Kommunistischen Partei Deutschlands (um 1928) wird kritisch beleuchtet (S. 287) und mit seinen Attacken gegen die Sozialdemokratie kontrastiert (S. 289). Es wird überlegt, was von den Politikern und Publizisten der Weimarer Republik hätte besser gemacht werden können, um das "Versinken der ersten [...] deutschen Freiheitsepoche in unsäglicher Barbarei" (S. 291) zu vermeiden. Hier wird der "hochbegabte[n] Generation der linken Wortgewandten" (S. 292) ein Teil der Verantwortung für den Untergang des demokratischen Staates zugewiesen.

Auf S. 279 behauptet der Autor, die Welt der zwanziger Jahre habe den Begriff "Totalitarismus" noch nicht gekannt. Dem ist entgegenzuhalten: Dieser Begriff entstand um 1925/26 in Rom, als die Kritiker des Faschismus erkannten, daß die herkömmlichen Begriffe (Tyrannis, Absolutismus o. ä.) nicht ausreichten, um das Regime Mussolinis hinreichend zu erklären und zu kennzeichnen. Aber dieser kleine Einwand soll den Wert des vorliegenden, grundgescheiten Buches nicht weiter schmälern. Der Autor hat sich um die Tucholsky-Forschung und -Rezeption erneut verdient gemacht. Auch das Bildmaterial ist gut ausgewählt und reproduziert.
 

WWW-Erstveröffentlichung: 24.01.1997