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Gregor Ackermann (Aachen) / Gunther Nickel (Marbach)

"Frostigkeit im Bibliographischen"

"Der Obermieter" und andere neue
Tucholsky-Funde im "Prager Tagblatt"

I. VORBEMERKUNG

Hätte Tucholsky den bislang unbekannten Artikel "Der Obermieter" nicht geschrieben - der Verlust eines Meisterwerks feuilletonistischer Prosa wäre wohl nicht zu beklagen. Immerhin ließe sich an diesem Beitrag gut demonstrieren, wie Tucholsky über die Jahre immer wieder dieselben Motive aufgegriffen, variiert und mit anderen Themen verknüpft hat. "Lärmschutz", von dem "Der Obermieter" handelt, lautete zum Beispiel schon 1914 die Überschrift eines Artikels im "Kunstwart"(GW E2, S. 69-72). Einen zu hohen Geräuschpegel in Berliner Mietwohnungen kritisierte Tucholsky 1930 noch einmal in seinem "Uhu"-Beitrag "Was machen die Leute da oben eigentlich?".(GW 8, S. 149-151). Während es sich bei diesem Artikel um eine politische Kritik an der Architektur von Mietshäusern handelt, die eine unerfreuliche Teilhabe am Leben anderer mit sich bringt, gehört "Der Obermieter" aber vornehmlich in einen anderen Kontext: jenen der von Tucholsky wiederholt formulierten Aversion gegen Berlin und seine Bewohner (vgl. Renke Siems: Distinktion und Engagement. Kurt Tucholsky im Licht der "Feinen Unterschiede". Oldenburg 1995, S. 63-95).

Möglich ist, daß Tucholsky seinen Artikel "Der Obermieter" nur dort untergebracht hat, wo wir ihn gefunden haben: im "Prager Tagblatt". Möglich ist aber auch, daß hier ein Nachdruck vorliegt, zu dem der Erstdruck noch zu ermitteln ist (Die von Tucholsky vorgenommene Erläuterungen Berliner Spracheigentümlichkeiten läßt jedoch darauf schließen, daß dieser Text nicht für die Veröffentlichung in einer Berliner Zeitung vorgesehen war). Wer allerdings hofft, die neue Tucholsky-Edition, die mit einem Marginalien-Band (Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp und Gerhard Kraiker. Marginalien. Zusammengestellt von Michael Hepp. Reinbek 1996) und den Bänden vier (Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp und Gerhard Kraiker. Texte und Briefe. Band 4: Texte 1920. Hrsg. von Bärbel Boldt, Gisela Enzmann-Kraiker und Christian Jäger. Reinbek 1996) und zwanzig (Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Texte und Briefe. Hrsg. von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp und Gerhard Kraiker. Band 20: Briefe 1933-1934. Hrsg. Von Antje Bonitz und Gustav Huonker. Reinbek 1996) unlängst gestartet wurde, werde in solchen Fragen zuverlässig Auskunft geben, dürfte enttäuscht werden. Denn leider regiert in der Oldenburger Tucholsky-Edition jene "Frostigkeit im Bibliographischen", die Walter Benjamin einst an einem Buch über die Sprachphilosophie der deutschen Romantik kritisiert hat und als "unerzogen" empfand (Walter Benjamin: Gesammelte Schriften Bd. 3. Hrsg. von Hella Tiedemann-Bartels. Frankfurt am Main 1972, S. 97).

Nicht minder unerzogen verfahren die Tucholsky-Editoren dadurch, daß sie keineswegs die notwendigen bibliographischen Recherchen durchgeführt haben. Sie beschränken ihre Angaben im ersten der vorgelegten Textbände auf den bloßen Nachweis des (vermeintlichen) Erstdrucks und verweisen bei den zu Lebzeiten und postum erfolgten Nachdrucken unter summarischer Angabe der Anzahl auf die Tucholsky-Bibliographie von Antje Bonitz und Thomas Wirtz (Antje Bonitz und Thomas Wirtz: Kurt Tucholsky. Ein Verzeichnis seiner Schriften. 3 Bde. Marbach 1991) sowie auf den im Literaturverzeichnis unzutreffend als "Nachtrag zur Tucholsky-Biographie" verzeichneten "Nachtrag zur Tucholsky-Bibliographie", der fast ausschließlich an Abonnenten der "Tucholsky-Blätter" ausgeliefert wurde und daher in vielen wissenschaftlichen Bibliotheken nicht greifbar ist (Gregor Ackermann: Nachtrag zur Tucholsky-Bibliographie. 2., erw. Ausg. Tucholsky-Blätter, Jg. 6, Dossier 1, (Dezember 1995). Unzureichend ist dieses Verfahren allein deshalb, weil innerhalb einer Gesamtausgabe mit textkritischem Anspruch alle erforderlichen Daten zu einem Text zu liefern sind. Zu diesen gehören nun einmal die Angaben über Nachdrucke zu Lebzeiten, zumal solche Nachweise unverzichtbare Informationen sind, um Tucholskys Publikationsstrategie in einer fragmentierten Öffentlichkeit rekonstruieren zu können. (Vgl. Gunther Nickel/Renke Siems: Tucholskys publizistische Strategie in einer fragmentierten ᅱffentlichkeit. Zum Neufund eines frühen Tucholsky-Textes. In: Tucholsky-Blätter, Jg. 6, Heft 15 (Oktober 1995), S. 14-21.) Vollends indiskutabel wird aber der bloße Hinweis auf die bisherigen bibliographischen Verzeichnisse angesichts der Tatsache, daß diese bekanntermaßen unvollständig sind und von der neuen Gesamtausgabe gerade zu erwarten war, sie würde, wenn auch nicht alle, so doch wenigstens die mit vertretbarem Aufwand ermittelbaren Nachweise liefern.

Durch das Aussparen dieser Recherchen entgingen den Tucholsky-Editoren die unten erstmals mitgeteilten Drucke zu Lebzeiten im "Prager Tagblatt", denn sie sind in den bisherigen Verzeichnissen noch nicht aufgeführt. Dabei war nicht nur bekannt, daß Tucholsky regelmäßig Beiträge für das "Prager Tagblatt" geliefert hat, die fehlenden Drucknachweise hätten sich auch spielend leicht ausfindig machen lassen. Diese Editionspraxis verwundert deshalb, weil Michael Hepp, einer der Mitherausgeber, schon 1989 in einem Vortrag vollmundig (und ungeachtet der mustergültigen Editionen beispielsweise der Werke von Friedrich Schiller, Eduard Mörike oder Paul Celan) der Germanistik pauschal vorgeworfen hatte, Archivarbeit stehe wohl nicht auf ihrem Lehrplan. Rätselhaft erschien ihm vor allem, daß die Tucholsky-Forschung "bislang noch fast keine Zeitschrift oder Zeitung gründlich ausgewertet" habe, wisse man doch allein aus den Briefen von Siegfried Jacobsohn, daß Tucholsky nicht nur in der "Weltbühne", sondern auch in anderen Zeitschriften "so viele und so wichtige Beiträge" veröffentlicht habe (Michael Hepp: Mutmaßungen über Tucholsky. In: Dokumentation zur ersten Tucholsky-Tagung in Hamburg vom 16.-18. Juni 1989. Hrsg. von der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft. O.O., o.J., S. 23-29). Angesichts des ersten Textbandes der neuen Tucholsky-Ausgabe läßt sich nun feststellen, daß Hepp seine guten Ratschläge keineswegs selbst befolgt hat. Dabei könne man, hatte er angekündigt, wenn man gründlich forsche, "seine blauen Wunder erleben". Aber in Sachen Tucholsky werde halt nicht recherchiert, sondern immer nur über die desolate Forschungslage geklagt. Darüber habe man "eines weitgehend vergessen: das Arbeiten". So ist es, in der Tat.

Welche Bedeutung solide bibliographische Ermittlungen haben, zeigt sich an zwei neu ermittelten Drucken: So galt bei "Ein deutsches Volkslied" bislang der Abdruck in der "Weltbühne" vom 14. Dezember 1922 als erste Veröffentlichung, tatsächlich erschien der Text aber bereits eine Woche zuvor im "Prager Tagblatt". Und "Geheimnisse des Harems", dessen Erstdruck laut Bonitz/Wirtz im Dezember 1928 in dem Sammelband "Das Lächeln der Mona Lisa" erfolgte, ist von Tucholsky schon sechs Jahre eher veröffentlicht worden: am 3. September 1922, ebenfalls im "Prager Tagblatt". Nicht ganz belanglos ist es darüber hinaus, daß der Abdruck von "Ueberführung" am selben Tag in der "Weltbühne" und im "Prager Tagblatt" erfolgte, es in diesem Fall also zwei gleichberechtigte Drucke gibt.

Diese Angaben mögen bei der Erstellung der weiteren Bände der Tucholsky-Gesamtausgabe dienlich sein. Und sie werden den Herausgebern hoffentlich anzeigen, wie wichtig die bibliographische Arbeit in Sachen Tucholsky nach wie vor ist. Schließlich wäre es doch schade, wenn aufgrund mangelhafter Drucknachweise die entstehende Gesamtausgabe am Ende nicht das ist, was sie sein könnte: ein Meilenstein in der Geschichte germanistischer Editionen.

II. BISLANG NICHT BEKANNTER TUCHOLSKY-TEXT

Peter Panter: Der Obermieter. Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 139 vom 17. Juni 1922, S. 4

III. BISLANG NICHT BEKANNTE TUCHOLSKY-DRUCKE ZU LEBZEITEN

Peter Panter: Die letzte Seite. Prager Tagblatt, 41. Jhg., Nr. 342 vom 10. Dezember 1916, Morgen-Ausgabe, Unterhaltungs-Beilage Nr. 50 [= Bonitz/Wirtz D319]

Kurt Tucholsky: Bei Stadtzauberers. Prager Tagblatt, 43. Jhg., Nr. 238 vom 13. Oktober 1918, Morgen-Ausgabe, S. 3-5 [= Bonitz/Wirtz D380]

Peter Panter: Der Mann mit den Spritzen. Prager Tagblatt, 44. Jhg., Nr. 88 vom 12. April 1919, Morgen-Ausgabe, S. 2 [= Bonitz/Wirtz, D461]

Ignaz Wrobel: Berlin! Berlin! Prager Tagblatt, 44. Jhg., Nr. 174 vom 25. Juli 1919, Morgen-Ausgabe, S. 6 [= Bonitz/Wirtz, D534]

Ignaz Wrobel: Der Griffel der Geschichte. Prager Tagblatt, 45. Jhg., Nr. 173 vom 24. Juli 1920, S. 3 [= Teildruck von Bonitz/Wirtz, D796; der Erstdruck wurde unter dem Titel "Klio mit dem Griffel" veröffentlicht]

Peter Panter: Caput Nili. Prager Tagblatt, 45. Jhg., Nr. 180 vom 1. August 1920, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz D746]

Peter Panter: Gute Witze aus großer Zeit. Prager Tagblatt, 45. Jhg., Nr. 252 vom 24. Oktober 1920, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz, D857]

Ignaz Wrobel: Schwarz-gelbe Henker. Prager Tagblatt, 45. Jhg., Nr. 252 vom 24. Oktober 1920, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz, D835]

Ignaz Wrobel: Offiziersbücher. Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 49 vom 27. Februar 1921, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz, D913]

Peter Panter: Das Bildnis. Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 67 vom 20. März 1921, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz, D906]

Peter Panter: Die neuen Troubadoure. Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 72 vom 26. März 1921, S. 3 [= Bonitz/Wirtz, D925]

Peter Panter: Kleine Nachspeisen. Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 101 vom 1. Mai 1921, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz D928]

Peter Ranter [!]: Kleine Begebenheiten. Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 160 vom 10. Juli 1921, S. 7 [= Bonitz/Wirtz, D938; der Erstdruck wurde unter dem Titel "Kleine Begebenheit" veröffentlicht]

Peter Panter: Was unternehme ich Silvester? Prager Tagblatt, 46. Jhg., Nr. 305 vom 30. Dezember 1921, S. 3 [= Bonitz/Wirtz D992]

Peter Panter: "Wo hast du dich denn . . ." Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 7 vom 8. Januar 1922, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz D898]

Kaspar Hauser: Ueberführung. Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 58 vom 9. März 1922, S. 3-4 [= Bonitz/Wirtz D1018]

Ignaz Wrobel: Herr Adolf Bartels. Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 72 vom 25. März 1922, S. 3-4 [= Bonitz/Wirtz, D1022]

Peter Panter: Affentheater. Prager Tagblatt. 47. Jhg., Nr. 117 vom 21. Mai 1922, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz D933]

Kurt Tucholsky: Was wäre, wenn . . . Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 146 vom 25. Juni 1922, S. 4 [= Bonitz/Wirtz D1066]

Peter Panter: Geheimnisse des Harems. Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 206 vom 3. September 1922, Unterhaltungsbeilage [= Bonitz/Wirtz C11]

Peter Panter: Ein deutsches Volkslied. Prager Tagblatt, 47. Jhg., Nr. 286 vom 7. Dezember 1922, S. 3 [= Bonitz/Wirtz, D1147]

IV. DOKUMENTATION

Der Obermieter.

Von Peter Panter.

"In Deutschland ist es, als ob es ordentlich darauf angelegt wäre,
daß, vor Lärm, niemand zur Besinnung kommen solle."
Schopenhauer

Eines möchte ich wohl um alles in der Welt wissen: Was machen eigentlich den ganzen Tag die Leute über mir? Sie poltern, sie spektakeln, sie scharren, sie stampfen; ich habe die Gedankenverbindungen: Reitstall, Kistenlager, Radrennbahn - - was machen diese Leute nur? Geräusche, deren Urheber man nicht sehen kann, geben uns schnell die Vorstellung von Ungeheuerlichkeiten. (Haben Sie schon einmal ein für Sie unsichtbares Liebespaar belauscht? Sie sollten das nicht versäumen.) Das Gehör ist ein unzuverlässiger soziologischer Sinn; das kontrollierende Auge fehlt, und die Resultate sind meistens etwas kümmerlich. Und nun will ich durch die Decke sehen und mit den Augen hören, was mein Obermieter da treibt. "Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder. . ." Das kann man wohl sagen. Und ob sie waltet! In Berlin haben die Hausfrauen des bürgerlichen Mittelstandes noch den guten, schlechten, alten Reinmachedämon in sich - sie machen nicht rein - "es" macht rein. Sir Galahad, der europäisch-indische Weise, hat einmal festgestellt, daß man im deutschen Kleinhaushalt noch die seltene Gelegenheit habe, die Arbeitsmethoden der Steinzeit zu bewundern; dem Skandal nach zu urteilen, hat er recht. Das Hausmütterchen fegt in alle Ecken - es bürstet, es tobt, es klopft, es scheint den Teppich abzumähen - es ist unerfreulich, was da oben alles getrieben wird. Und dabei müßten Sie die Frau sehen! Sie sieht aus wie ihr Besen. Denn dies hat der liebe Gott mit Recht so eingerichtet: daß man sich nicht ungestraft an einen solchen Mechanismus wegwirft, wie der Haushalt einer ist. Er frißt einen auf. Ratzekahl.

Ich weiß schon: "die Hausfrauen haben es in der jetzigen Zeit nicht leicht". Aber abgesehen davon, daß es keine Zeit gegeben hat, in der sie es jemals leicht gehabt hätten: sie machen es sich auch nicht leicht. Sie nehmen alles viel zu schwer. Nämlich - in Ermangelung eines andern -: als Lebensinhalt. Nimm einer Hausfrau von echtem Schrot den Putzlappen, ihren Kram und ihre Haushaltungssorgen weg: sie geht rettungslos ein. Sie verkümmert langsam, siecht dahin. Und flüstert noch im Erlöschen: "Paulchen soll die Beleuchtung abdrehen -!" Nun hören Sie nur, wie dieses Geschöpf da umhertobt! Ob sie eine Sitzfläche hat? Vielleicht. Aber sie benutzt sie nicht. Sie schlurcht durch die Zimmer, sie wirtschaftet, daß einem angst und bange wird, sie trägt die guten Möbel von der einen Ecke in die andere Ecke, vielleicht, damit sie noch mehr Ornamente bekommen . . . Gott allein weiß, was die Frau da oben treibt. Er weiß es. Aber er sieht gnädig fort. Denn sonst führe der Blitz ins Haus. Liest diese Person eigentlich jemals ein Buch? I bewahre, tut sie das! Die Berliner haben für diesen Fall einen wundervollen Fachausdruck: "Sie kommt nicht dazu." Wozu kommt sie also denn? Zum Lärm.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: manchmal schweigt der Lärm des Haushaltes (der nur läuft, damit er morgen auch laufen kann) - manchmal ruht sich die Familie aus. Und dann hebt allerdings etwas an, das noch schlimmer ist als der dumpfe Stoß der Besen. Dann machen sie Musik. Nun ist das eine ganz merkwürdige Sache: Es gibt nirgends so viel Gesangvereine wie in Deutschland. Und niemand ist - als Einzelperson genommen - so unmusikalisch wie der Deutsche. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob man ein Konzert in sich aufnimmt, oder ob man eine Operettenmelodie vor sich hintrillert, oder gar - unsterbliche Götter! - auf dem Klavier vorspielt. Und das tun sie jetzt da oben. Wenn eine deutsche Hausfrau oder ihr Töchterlein Lehar spielt, dann macht sie Radau. Es ist unbeschreiblich. Gott erfand die Fermaten - aber die sind da oben nicht beliebt. Er erfand die Retardandis, die Abstufungen, die Nuancen - nichts zu machen! Sie paukt - und es ist alles, alles ein Parademarsch. Horch, jetzt hämmert sie. Sie hämmert achtzehn Mal hintereinander die schönen deutschen Volkslieder: "Wer wird denn weinen" - und "Mein Schiff fährt morgen nach Amerika" - und eine neue Melodie, die sie jetzt in Berlin mit dem Text singen, den die Lumpenhändler auf den Höfen ausschreien: "Einkauf von Lumpen, Knochen, Papier . . ." Mütterchen! Mach lieber rein. Es klingt musikalischer.

Das geht so von morgens sieben bis abends elf Uhr. Ich bin davon überzeugt, daß Frau Obermieterin auch im Schlaf sauber macht; sie träumt gewiß von Staubwischen, von Aufwascheimern, Gaskochern und etwas, was man hier in Berlin "Schrubber" nennt, eine Art Bürste, die so aussieht, wie Mütterchens Frisur, wenn sie sichs gemütlich gemacht hat . . . Was machen die Leute da oben bloß? Und ein Gott hält tröstlich die Hand auf meinen Scheitel und antwortet: "Sie leben."

 

WWW-Erstveröffentlichung: 9. Januar 1997