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Gregor Ackermann (Aachen)  und Jürgen Westmann (Berlin)

Über Nationalismus, Leihbüchereien, Rundfunk und “Schulkampf”.

Vier “unbekannte” Tucholsky-Texte
 

Schon mehrmals hatten die Tucholsky-Blätter Gelegenheit, unbekannte Texte Tucholskys mit freundlicher Erlaubnis der Kurt-Tucholsky-Stiftung vorzustellen.

Sieht man sich die Fundumstände genauer an, so lassen sich folgende Kategorien bilden: Da wären zuerst jene Entdeckungen in Zeitungen und Zeitschriften, in denen Tucholsky nicht regelmäßig publizierte, bisweilen nur ein einziges Mal im Druck erschien.  Daneben stehen Funde in solchen Organen, an denen Tucholsky mehr oder weniger regelmäßig   zumindest für bestimmte Zeiträume mitarbeitete, und die, aus welchen Gründen auch immer, bislang noch nicht recherchiert wurden. Die letzte Kategorie bilden “Entdeckungen”, die eigentlich keine sind. Wiederentdeckung oder erneuter Hinweis wären zutreffendere Bezeichnungen. “Die Wiederentdeckung des Nordpols” hieß es in Anlehnung an Werner Sombart einmal in dieser Zeitschrift (Vgl. TB 3. Jg [1992], Heft 2, S. 22 ff). Sie sind also im Grunde ein Hinweis auf Arbeiten, die schon einmal in Zusammenstellungen von Tucholsky-Texten genannt worden waren, die aber keinen Eingang in die grundlegende Bibliographie von Antje Bonitz und Thomas Wirtz gefunden haben. Diesen Kategorien lassen sich auch die hier vorgestellten Texte zuordnen.

“Wie sieht der Deutsche das Ausland?” von Peter Panter erschien  - als einziger Beitrag Tucholskys für diese Zeitschrift - im November 1928 in  Schünemanns Monatsheften(Jg. 1928, Heft 11, S. 1179-1182). Die Publikumszeitschrift Schünemanns Monatshefte  erschien seit Januar 1928 unter dem Titel  Der Schünemann-Monat  in Bremen; schon im Juli des Jahres erfolgte die Titeländerung. Als eigenständiger Titel blieb die Zeitschrift bis August 1929 bestehen, dann erfolgte die Zusammenlegung mit den seit 1856 erscheinenden  Westermanns Monatsheften. Tucholsky greift in diesem Artikel jene Themen auf, die er auch vorher und nachher in zahlreichen Beiträgen geißelte: Chauvinismus, nationalistische Vorurteile und Idiosynkrasien (Textabschrift auf Seiten 6-10).

Ebenfalls singulär ist der Beitrag, der in der Zeitschrift der Leihbücherei abgedruckt wurde (Die Zeitschrift der Leihbücherei, (Berlin), Jg. 2, Heft. 2 vom 25.1.1933, S. 12). Hierbei  handelt es sich um eine Beteiligung an einer Rundfrage, die der “Reichsverband deutscher Leihbüchereien” unter Schriftstellern herbeigeführt hatte (Die Rundfrage lautete: “Der Reichsverband Deutscher Leihbüchereien e.V. hat sich an eine Anzahl Schriftsteller mit der Bitte gewandt, sich über ihre Stellung zum Leihbüchereigewerbe zu äußern.

Wir veröffentlichen die eingegangenen Antworten, desgleichen später eintreffende. Wir enthalten uns vorläufig jeder Kritik und werden uns später hierzu äußern. Wir danken im Namen des Reichsverbandes allen Autoren, die so freundlich waren, unserer Bitte zu entsprechen. Die Schriftleitung.”). Neben Tucholskys Beitrag stehen solche von Alice Berend, Hedwig Courths-Mahler, Joseph Delmont, Josef Maria Frank, Hans Grimm, Manfred Hausmann, Edlef Köppen, Heinrich Mann, Thomas Mann, Rudolf Presber, Hans Richter, Roda Roda, Franz Schauwecker, Ernst Toller, Jakob Wassermann, Fedor von Zobeltitz, Arnold Zweig und Henri Barbusse. Das zitierte Heft wird auf dem Titelblatt als Tagungsausgabe zur “2.Tagung des Reichsverbandes Deutscher Leihbüchereien e.V. zu Berlin am 28. und 30.Januar 1933” ausgewiesen. Nach allem, was wir wissen, ist dies also der letzte von Tucholsky veröffentlichte Beitrag (Textabschrift auf Seite 11). Die Bibliographie von Tucholskys Schriften verzeichnet für 1933 nur zwei Arbeiten: den Beitrag für den  Reichsfilmblatt-Almanach 1933, der wohl schon 1932 ausgeliefert wurde, und Peter Panters Zuschrift an die  Weltbühne vom 17.Januar 1933 (“Liebe Weltbühne!” In: WB 3 vom 17.1.1933, 117 ; s. a. B/W, D 2751 und D 2752).

Unserer zweiten Kategorie zugehörig ist der folgende anzuzeigende Text. Am 7.September 1928 erschienen in der Zeitschrift Der Deutsche Rundfunk  die Antworten von Alfred Polgar, Alexander Granach, Wilhelm Wagner, C. Schapira, Max Dessoir, Kurt Tucholsky, Theodor Däubler, Iwan Goll, Walter von Molo und Hans Bodenstedt auf die Umfrage der Redaktion “Als ich zum erstenmal Rundfunk hörte.”( Der Deutsche Rundfunk, (Berlin), Jg. 6, Heft. 37 vom 7.9.1928, S. 2472-2474). Tucholskys Beitrag, der bislang noch in keiner Edition wiederveröffentlicht wurde, ist unter dem Titel “War es wie Telephon?" in der Tucholsky-Bibliographie nachgewiesen. Am Ende des Rundfragen-Abdrucks findet sich der Hinweis “Diese Beitragsreihe wird im nächsten Heft fortgesetzt.” Heft 38 vom 14.9.1928 (S. 2547-2548) enthält dann auch Äußerungen von Heinrich Brückmann, Cornelis Bronsgeest, Hans Flesch, Rudolf Presber, Walter Schäffer und Ferdinand Gregori. Interessant, weil hier ein wichtiger Hinweis gegeben wird, ist bei dieser Fortschreibung des Rundfragen-Abdrucks der Titel. Dort heißt es: “Unsere Umfragen: ‚Was erwarten Sie von der Zukunft des Rundfunks? Als ich zum erstenmal Rundfunk hörte‘ beenden wir mit folgenden Beiträgen.” Es hatte also eine zweite, parallele Rundfrage in dieser Zeitschrift gegeben. Erschienen war diese im Heft 36 vom 31.August 1928 (S. 2389-2391). In der redaktionellen Einleitung heißt es: “Aus Anlaß der 5.Großen Deutschen Funkausstellung haben wir diese Umfrage an eine Reihe von Persönlichkeit der deutschen Funkbewegung und des Künstlertums gerichtet.” Abgedruckt wurden Beiträge von [Wilhelm] Waetzoldt, Georg Graf von Arco, [Heinrich] Giesecke, Carl Hagemann, [Kurt] Magnus, Cornelis Bronsgeest, F[ritz] W[alther] Bischoff, Fred A. Angermayer, Heinrich Brückmann, Ferdinand Gregori, Rudolf Presber und  - Kurt Tucholsky. Tucholsky hatte also ebenso wie Bronsgeest, Presber u.a. auf beide Umfragen reagiert. Sein Beitrag trägt den Titel “Fort mit der Zensur” (Textabschrift auf Seite 12).

Für die letzte unserer Kategorien steht der vierte hier vorgestellte Text Tucholskys. Am 1.Oktober 1928 erschien in der Weltbühne  Ignaz Wrobels Artikel “Schulkampf”, in dem er über die Zeitschrift  Der Schulkampf. Organ der Sozialistischen Höheren Schüler referiert. Der Schulkampf, herausgegeben vom Sozialistischen Schülerbund (SSB), erschien zwischen Februar 1928 und April 1932 in Berlin-Neukölln.

Verantwortlich für diese Zeitschrift zeichneten (chronologisch):

1928, Februar - November

W. Mayer

1929, Januar - Juni

Walther Karsch

1929, Juli - September

P. Bussemeyer

1929, Oktober - Dezember

Gert Schneider

1930, Januar

P. Bussemeyer

1930, Februar - Mai

Gert Schneider

1930, Juni - Juli

Hans Ekstein

1930, August

Georg W. Manfred

1930, September - Oktober

Rudolf Zöllner

1930, November - 1931, Juli

Heinz Brandt

1931, August - Dezember

Walter Plitt

1932, Januar

Thomas Goldstein

1932, Februar - April

Herbert Pels

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Blättchen des SSB, einer Jugendorganisation der KPD, ist so uninteressant nicht; bisweilen wirkt es, verglichen mit anderen KP-Publikationen, recht frisch. Durch Insertionen wurde die Zeitschrift auch aus dem Weltbühnen-Umfeld, etwa durch den Williams-Verlag von Edith Jacobsohn, gefördert. Auch soll der Schulkampf,  bzw. ein Artikel in demselben, in der Biographie von Stephan Hermlin eine entscheidende Rolle gespielt haben. Karl Corino schrieb dazu in der Zeit vom 4. Oktober 1996 (“Dichtung in eigener Sache”, In:  Die Zeit  , Nr. 41, 4.Oktober 1996 , S. 9 f.): “Als er im Januarheft 1932 des Schulkampfs, des Organs des Sozialistischen Schülerbundes, einen Artikel über Lenin, Liebknecht und Rosa Luxemburg veröffentlichte und darin die ‚Verleumdungen‘ und ‚Entstellungen des bürgerlichen Geschichtsunterrichts‘ angriff, wurde er von der Schulleitung mit dem Consilium abeundi bestraft vielleicht sogar noch vor der Mittleren Reife.”

Nun wird es für die Editoren der Tucholsky-Gesamtausgabe unumgänglich sein, den  Schulkampf zur Kommentierung von Ignaz Wrobels Beitrag heranzuziehen; dies allein schon, um die Zitat-Struktur des Beitrags zu entschlüsseln. Diese Notwendigkeit besteht aber zwingend nur für die bis Oktober 1929 erschienenen Hefte. Bei einer solchen Durchsicht würde auch der Nachdruck von Tucholskys “Deutsche Richter von 1940”, der im November 1929 dort (Der Schulkampf, Jg. 2, Heft 11, S. 6-7) erschien, notiert werden können.

Aus editorischer Sicht besteht aber kein Zwang, auch die späteren Jahrgänge des Schulkampfs  zu konsultieren. So könnte einiges unbekannt bleiben, das wir hier anmerken wollen. Im September 1930 erschien dort (Der Schulkampf, Jg. 3, Heft 9, S. 7). eine Zuschrift Ignaz Wrobels, die wir nachfolgend dokumentieren. Aber schon zuvor, im Mai 1930 (Der Schulkampf, Jg. 3, Heft 5, S. 15 ff..) war Tucholskys Weltbühnen-Artikel “Schulkampf”  unter dem Titel “Nationale Verhetzung oder sozialistische Schulung?” nachgedruckt worden. Merkwürdigerweise erfolgte der Wiederabdruck nicht nach der Weltbühne , sondern nach einem bislang nicht bibliographierten Nachdruck des  Dortmunder General-Anzeigers  vom 10.Oktober 1929 (Ignaz Wrobel: “Schulkampf”. In: General-Anzeiger, Dortmund, Jg. 42, Nr. 278 vom 10.10.1929, 3. Bl., S. [4] ). Aber, wie gesagt, keine Neuentdeckung, sondern eine Wiederentdeckung, ein vielleicht notwendiger Hinweis.
 

* * * * * *

WIE  SIEHT DER  DEUTSCHE  DAS AUSLAND?

VON  PETER PANTER

“Die Einwohner dieser Stadt
haben rote Haare und stottern.”
Alte Anekdote

 

    Deutschland, das Land der Mitte, ist der Zugluft der kulturellen Beeinflussung besonders stark ausgesetzt; hier ist fast immer ein fremdes Land “Mode” gewesen, und war Deutschland einmal dreißig Jahre lang der Kriegsschauplatz wirklicher Soldatenkämpfe, so ist es als geistiges Kraftfeld seit Jahrhunderten der Kriegsschauplatz zahlloser fremder Einflüsse, die es oft zu seinem Schaden, oft zu seinem Nutzen verarbeitet hat.

    Also sieht der kosmopolitische Deutsche die fremden Länder besonders gut, scharf und richtig?

    Leider nein.

*

    Auf der ganzen Welt hat jedes Land den Nachbarn zu einem festen, einfachen Typus verdichtet, und das sieht dann so aus:

    Der Engländer raucht eine Pfeife, legt die Beine auf den Tisch und trägt karierte Hosen (Typus von 1880) - er spielt Fußball und Golf, beherrscht die Erdteile und ist kalt, gemütsroh und eine Krämer-Natur (Ausgabe von 1914); der Franzose hat ein kleines Schwarzes Bärtchen, tanzt auf einem Bein, trinkt bereits zum Frühstück Champagner und hat nichts wie Frauen im Kopf; der Serbe hat Ungeziefer; der Spanier ist edel, wollüstig und kühn; der Italiener singt feurige Volkslieder und trinkt ebensolche Weine ... und so fort und so weiter. An diesen nationalen Charakteristiken ist zweierlei bemerkenswert: das eigene Volk steht stets über dem fremden, und das fremde Volk besteht nur aus einem einzigen Typus, der nicht variiert wird. Beides beruht auf jener fast abergläubischen Verfassung, in die falscher Patriotismus die modernen Völker versetzt hat. Wie sieht es denn in Wirklichkeit aus?

    Die Betrachtung der Welt ohne die Erkenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge ist überhaupt nicht möglich. So unrichtig eine nichts als marxistische Erkenntnis ist, (die die Biologie unberücksichtigt läßt), so unrichtig ist eine in der Luft hängende Rasseneinteilung der Welt, die die Ökonomie vernachlässigt. Es wird immer festzustellen sein, auf welchem Konto die Verschiedenheiten zu verbuchen sind. Schnell fertig aber ist der Reisende mit dem Wort ...

    Sehr viele falsche Urteile der Reisenden beruhen darauf, daß sie die neue Umgebung nicht klassenmäßig sehen und Eigentümlichkeiten, die durch eine ihnen fremde Klasse erklärt werden werden können, mit der Rassen-eigentümlichkeit erklären wollen. Aber daran allein liegts nicht.

    Der Oberlehrer der Vorkriegsgeneration hat den Deutschen einen gradezu fatalen Unterschied eingetrommelt, der nun auch noch falsch gesehen wird: nämlich den zwischen “äußerlich” und “innerlich”. Auf nichts ist der Deutsche so stolz, als darauf, daß er ein “innerlicher”Mensch sei - und nichts ist er einem fremden Volk so schnell abzusprechen geneigt, wie eben die “Innerlichkeit”.

    Er begeht hierbei den großen Denkfehler, die fremde Innerlichkeit, die der seinen natürlich nicht entspricht, überhaupt nicht zu sehen, und er macht sich das Leben zu leicht, indem er das fremde Volk über einen Leisten schlägt: der Franzose ist für ihn “äußerlich”. Wir wollen einmal an diesem Fall studieren, wie das gemacht wird.

    *

    Ich lebe jetzt seit vier Jahren in Frankreich, und die Schwierigkeiten, die Franzosen wirklich zu verstehen, erscheinen mir mit jedem Tag größer. Meine Landsleute, die nach Paris kommen, haben ein fertiges Bild Frankreichs im Kopf und wissen so schön Bescheid, daß mir stets himmelangst wird. Was tun sie?

    Sie nehmen für sich und für ihr eigenes Volk die äußerste Kompliziertheit in Anspruch, verlangen vom Fremden die Kenntnis jeder seelischen Falte und sehen doch immer nur d e n  Franzosen, niemals  d i e Franzosen. Nun gibts  d e n   Franzosen schon - aber wie viel einzelne Franzosen muß man kennen, eine welch genaue Kenntnis der französischen Geschichte ist erforderlich, ehe man sich erlauben darf, den Typus zu zeichnen! Schnell fertig ist der Reisende mit dem Wort ...

    Die deutsche Bildung und die Verbildung haben dazu geführt, daß nur sehr wenige Deutsche imstande sind, das französische Leben   u n b e - f a n g e n   auf sich wirken zu lassen. Schule und Universität haben ihnen etwas Schönes eingebrockt: die Sucht, viel zu früh zu kritisieren und mit jenem Brillenblick zu sehen, der registriert, statt das Lebende lebendig zu sehen. Das ist jener Deutsche, der etwas “feststellt” - damit es sich nicht mehr bewegt, o Genius der Sprache!

    Kennt der Deutsche den Franzosen? Er weiß sehr viel mehr Einzelheiten als der Franzose, der sich für das Ausland nicht übermäßig interessiert, beispielsweise vom Deutschen weiß - aber was fängt der Deutsche mit seinen Kenntnissen an? Er schafft sich einen französischen Typus, und den gibts nicht.

    Das hochmütige Klischee: innerlich-äußerlich ist eine falsche Schablone, die als schöne Entschuldigung dienen kann, als Wappen, als Waffe - nur nicht als Instrument der Erkenntnis. Sie setzt in die Voraussetzung, was in die Behauptung gehört, und taugt zu nichts rechtem. Wie ist denn der Franzose wirklich?

    Seit vier Jahren gebe ich mir die allergrößte Mühe, in Deutschland klar zu machen, daß zum Beispiel Paris eine Stadt ist, die arbeitet. Überlegenes Lächeln auf der anderen Seite. Paris arbeitet? “Wo ich doch selbst auf Montmartre - (zugekniffenes Auge) - gesehen habe, wie voll die Nachtlokale sind? Und was ist denn das überhaupt für eine Ordnung in Frankreich ...!” Und nun gehts los, und wenn selbst begabte Journalisten mitunter gänzlich verzeichnete Bilder der französischen Arbeitsmethoden geben, Schilderungen, die zu den unbeabsichtigt besten Charakteristiken des d e u t s c h e n  Wesens gehören, so wird eben klar, daß es nicht so einfach ist, ein fremdes Land zu erfühlen.

    Der Franzose arbeitet - aber anders als der Deutsche. Er hält auf Ordnung - aber auf eine andere als es die deutsche ist. (Es gibt nämlich mehrere.) Er bereitet seine Geschäfte anders vor als wir, er führt sie anders durch, er verlangt anderes vom Leben, hat ein anderes Lebensgefühl ... wie verkehrt, von außen an diese verwickelten Fragen heranzutreten und nach ein paar Tagen oder nach Kenntnis von ein paar Büchern Klischee-Urteile zu fällen!

    “Der Franzose ist äußerlich.” Das gibts überhaupt nicht. Jede Nation hat ihr Innenleben, das nicht dem deutschen zu entsprechen braucht. Der Franzose legt an die Dinge des äußeren Lebens andere Maßstäbe an, und da er ein sehr fundiertes, fast griechisches Gefühl für Maß hat, so legt er auf manches, um das wir viel Geschrei machen, keinen Wert, weil es ihm nicht lohnt. Die Ausstattung eines Restaurants ist ihm unwichtiger als das Essen, das es dort gibt; die Tatsache, daß er ein kleines Häuschen auf dem Lande hat, wichtiger als die Größe des Häuschens ... sein Kern, seine Lebensauffassung sind dabei unerschütterlich, und in Frankreich bewegt sich wohl immer nur die Oberfläche. Der Charakter der Rasse, ihr Lebensinstinkt sind fest verankert.

    Nichts verkehrter, nichts bösartiger, nichts falscher als jene uns auf der Schule eingeimpfte Behauptung, der Franzose sei “degeneriert”. Frankreich ist ein Bauernland, und ein urgesundes dazu. Gesund die Lebensführung und die Lebensauffassung der mittleren Klassen; gesund der Bauer, gesund der Kleinbürger - vom Verstand diktiert das System, nicht mehr Kinder in die Welt zu setzen , als man bequem ernähren kann; es ist eher erlaubt, zu sagen, daß es sich um ein a l t e s  Volk handelt, nicht so sehr um ein müdes. Ein müdes Volk baut nicht das in Afrika auf, was die Franzosen dort geschaffen haben, wobei die Frage nach der ethischen Berechtigung, Kolonien zu haben, hier nichts gestellt sein soll. Ein müdes Volk improvisiert nicht, seit Jahrhunderten, immer wieder die entscheidende Lösung in äußerster Gefahr, und wenn neulich eine französische Zeitschrift einmal die Untergangsprophezeiungen über Frankreich zusammengestellt hat, so zeigt es sich, daß die von den Zeiten der Gallier bis auf die heutigen Tage reichen. Immer hat man gesagt: “Mit diesen Leuten gehts zu Ende - sie nehmen das Leben so leicht - sie flattern so dahin -“ und wenn es dann zum Klappen kam, dann waren sie da und machten ihre Sache grade so gut wie die andern. Es ist sehr bezeichnend, daß es in Deutschland eine Schicht Leute gibt, die die Franzosen sehr gut und richtig einschätzen: das sind die unzähligen Soldaten, die an der französischen Front gekämpft haben; da gibt es ohne Ansehung der politischen Parteianschauung wohl keinen, der den französischen Soldaten unterschätzt oder gar geschmäht hat.  Und wer ist das: der französische Soldat? Der Durchschnitt der französischen Bauern und Bürger, der französischen Männer.

    Ebenso falsch und geradezu empörend ist die durchgängige Einschätzung der französischen Frau. Die Französin: das ist für den braven Durchschnittsdeutschen, wenn wir die Sache beim Namen nennen dürfen: eine Hure. Was ist sie in Wahrheit?

    Sie ist in Wahrheit die rationalste, verständigste, treusorgende Hausfrau und Mutter, sparsam bis zum Geiz, eine sehr kühle und klare Rechnerin, in tausenden von Fällen das, was der Berliner so schön “die Seele vons Buttergeschäft” nennt und durchaus abgeneigt dem Abenteuer. Was der Deutsche hier verwechselt, ist: Charme und Abenteuerlust. Er versteht ihr Lächeln falsch, er versteht nicht, wie aus dem losen, hingeplauderten Wort nichts folgt; wie die Sprache von selbst flirtet und wie jede Französin instinktsicher weiß, wann es ernst wird ... und da hört es meistens auf. Die Kraft der französischen Bourgeoisie ist viel unerschütterter als man bei uns glaubt, und man sollte weder diese Kraft noch die Kraft des ganzen Landes unterschätzen, weil man ja seinen Partner immer nur zu seinem eigenen Schaden unterschätzt.

    Ist der Franzose gefühlsarm? Er ist arm an u n s e r n  Gefühlen - er hat seine eigenen. Da, wo wir es uns “gemütlich” machen, wird der Fremde nichts finden; wo jener warme Schauer “Heimat” den Franzosen überrieselt, wird der Paris passierende Fremde nichts empfinden und nichts fühlen können, weil ihm die Unterlagen fehlen: er weiß nicht ... Daß der Mensch ein Produkt der wirtschaftlichen Umstände ist, die ihn umgeben, ist richtig; er ist aber auch ein Produkt des Landes: seiner Wolken und seines Wassers, seiner Gemüse und seiner Früchte, seiner Nahrung und seiner Erlebnisse. Die muß man kennen, bevor man über den Franzosen Urteile fällt.

    Ich halte die Kluft zwischen den beiden Völkern für sehr groß. Aber ich glaube, daß man sie nur durch Kenntnisse im einzelnen überwinden kann, nicht durch vorgefaßte Meinungen, die auf beiden Seiten fast alle falsch sind. Der Deutsche ißt nicht den ganzen Tag Sauerkraut (das er in Paris übrigens häufiger vorfinden kann als bei sich zu Hause) - und der Franzose ist kein “disziplinloser Geselle”; er hat nur eine andere Disziplin, andere Vorstellungen vom Leben und andere Vorstellungen vom Glück. Nichts wäre verfehlter als die banale Vorstellung, die durch die große Presse leider stark verbreitet wird: die ganze Welt sei deshalb gleich, weil überall Trambahnen fahren. Ja, es fahren überall solche Bahnen, aber die Leute, die darin sitzen, haben, trotz des gleichen Universalkragens, verschieden geartete Herzen.

    Wenn ihr reist: macht die Bücher zu und die Augen auf.

    Wenn ihr reist: legt den Hochmut ab, die falsche Bildung, die Brillenbildung - und macht die Augen auf. Und laßt das, was ihr da seht, auf euch wirken, als wärt ihr noch zwanzig Jahre. Denn das Köstlichste, das Wertvollste und das, was leider, leider die meisten Leute bei uns verloren haben, ist die Unbefangenheit und eine Naivität, die viele Deutsche zu ihrem Unglück mit “Kindlichkeit” übersetzen und die doch etwas ganz andres ist: nämlich Frische der Seele, Eindrucksfähigkeit und - trotz allem - ein optimistischer Glaube an die Welt.

    aus:

    Schünemanns Monatshefte, (Bremen), Jg. 1928, Heft 11, S. 1179-1182
     

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[Über Leihbüchereien]

    Bücher werden geschrieben, damit sie einer liest. Die deutschen Bücherpreise liegen zum Teil sehr hoch - wer dumm genug ist, sich teure Bücher in den ersten zwei Jahren nach Erscheinen zu kaufen, ist hereingefallen: er bekommt dasselbe Buch später für ein Drittel des Preises im “modernen Antiquariat”. Der Buchhandel torkelt zwischen einer verkehrten Kalkulation und der Verramschung hin und her. Die Preisspanne zwischen einem broschierten und einem gebundenen Buch ist unsinnig. Wenn man diese Preise liest, sollte man meinen, das deutsche Buch sei eine Buchbinderarbeit.

    Die Kaufkraft des Publikums ist durch eine unsinnige Lohnpolitik geschwächt. Kaufleute haben einen kurzen Verstand, sie denken meist nur bis zur nächsten Ecke. Die Produktion für imaginäre Kunden, die törichte Hoffnung, ein Trupp brasilianischer Kaffeeprinzen werde kommen und die Waren aufkaufen, haben dazu geführt, daß der inländische Markt kaum aufnahmefähig ist. Den falsch spekulierenden Kaufleuten geschieht recht, aber wir sind die Leidtragenden.

    Ich wünschte, unsere Bücher würden gekauft.

    Da sie aber nicht in dem Ausmaße gekauft werden können, wie es gut wäre, so werden sie verliehen. Auf diese Weise werden sie wenigstens von denen gelesen, für die sie geschrieben worden sind.

    Ich wünsche dem Reichsverband deutscher Leihbüchereien alles Gute.

Kurt Tucholsky.

 aus:

 Die Zeitschrift der Leihbücherei, (Berlin), Jg. 2, Heft. 2 vom 25.1.1933, S. 12
 

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    Fort mit der Zensur

     Ich erwarte mir von der Zukunft des Rundfunks den Fortfall der Zensur, die Aufgabe eines falschen Ideals: nämlich des unpolitischen Rundfunks, den es nicht gibt und auch nicht geben kann, und die Einführung e i n e s  p o l i t i s c h  n e u t r a l e n  R u n d f u n k s,   den wir nicht haben.

    Dr.Tucholsky

aus:

 Der Deutsche Rundfunk, (Berlin), Jg. 6, Heft. 37 vom 7.9.1928, S. 2472-2474.
 

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Kurt Tucholsky (Ignaz Wrobel) schreibt uns:

 

    “D e r   S c h u l k a m p f   i s t   e i n   F a n a l , angezündet in dem dunklen Raum der deutschen Schule. Hier tut Licht not und Erkenntnis  – insbesondere gegen den behördlich konzessionierten Faschismus aller Farben, vom VDA bis Hitler.

    Wer die Jugend hat, hat die Zukunft  –  l a s s e n  S i e  s i c h  n i c h t  v o n  
    d e n  S c h r e i e r n  v e r w i r r e n ,  die Ihnen vorwerfen, einer “Partei” zu dienen.

    D i e n e n  S i e  e i n e r  P a r t e i  –  w e n n  S i e  n u r  d e r 

    J u g e n d  d i e n e n !  Gegen die falschen Autoritäten – gegen die Bauern- dumpfheit  – f ü r  d i e   F r e i h e i t   d e r   w i r t s c h a f t l i c h  
    V e r s k l a v t e n !

I g n a z  W r o b e l.”

aus:

Der Schulkampf, Jg. 3