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Rainer Berg (Frankfurt am Main)

 "Man stelle sich einmal vor ..." -
Tucholsky, eine Morddrohung und der Völkische Beobachter

 Von der Tucholsky-Forschung wurden bis dato lediglich zwei öffentliche Stellungnahmen Kurt Tucholskys im Disput um dessen am 6. August 1929 erschienenes "Bilderbuch" Deutschland, Deutschland über alles registriert. Erstens: Tucholskys Weltbühne-Artikel "Das Buchhändler-Börsenblatt" (GW 7, 1929, 192-195), eine Reaktion auf die Zurückweisung des Inserates für das 15. bis 25. Tausend von Deutschland, Deutschland über alles durch das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. Zweitens: Tucholskys Artikel "Hoppe-hoppe-Reiter!", eine ausführliche Replik auf die einschlägige Polemik, die der Journalist Walter Fabian am 31. August 1929 in der sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung veröffentlicht hatte (Vgl. hierzu: Gregor Ackermann: "Hoppe-hoppe-Reiter" oder "Die Wiederentdeckung des Nordpols". In: TB, Jg. 3, Heft 2/1992, S. 22-29).

Indessen hat Tucholsky sich in diesem Zusammenhang noch mindestens ein weiteres Mal öffentlich zu Wort gemeldet. So sinniert der Journalist und Schriftsteller im Rahmen eines im Jahre 1930 publizierten Weltbühne-Beitrags, der sich mit den Nationalsozialisten und dem sogenannten "Zweiten Republikschutzgesetz" auseinandersetzt ("Die deutsche Pest", GW 8, 1930, 129-133, hier: 131): "Man stelle sich einmal vor, was geschähe, wenn in der "Weltbühne" stände, man müsse den Führer der Zentrumspartei zum ,Schweigen bringen ... Nie davon sprechen - immer daran denkenë -: zwölf Juristen erster Klasse zerbrächen sich die Dialektik, um aus diesen Sätzen herauszulesen, was sie für eine Verurteilung brauchten, und die Urteilsbegründung wäre eine reine Freude für jeden Kandidaten der großen Staatsprüfung." 

Ein Tucholskysches Gedankenspiel, nicht mehr und nicht weniger, so möchte man zunächst vermuten, zumal auch die Tucholsky-Forschung mit den oben angeführten Zeilen bislang nur wenig anzufangen wußte. Doch es steckt noch wesentlich mehr hinter der zitierten Passage. Genauer gesagt: Auch in diesem Fall hat es der Leser mit einer der bekanntermaßen raren öffentlichen Äußerungen Kurt Tucholskys im - teilweise äußerst heftig geführten - Disput um das ,Deutschlandbuchë zu tun. Eine Tatsache, der freilich nicht leicht auf die Spur zu kommen war.

Die Zusammenhänge sind rasch skizziert: In der Redaktionsstube des nationalsozialistischen Völkischen Beobachters wollte man es im Dezember des Jahres 1929 offenbar nicht dabei belassen, den in rechtsextremen Kreisen äußerst unbeliebten jüdischen Literaten allein mit visuellen Mitteln (bereits am 18. September 1929 war auf der Titelseite des Völkischen Beobachters eine kommentierte Tucholsky-Karikatur veröffentlicht worden) und knappen Polemiken zu bekämpfen, und so durfte ein Mitarbeiter des "Zentralorgans der Bewegung", ein gewisser Helmut Schütting, schließlich für Abhilfe sorgen. Schüttings Rezension des “Deutschlandbuches” (Völkischer Beobachter, 42. Jahrgang, Nr. 295 vom 20.12.1929) dürfte Tucholsky dann auch in der Tat nachhaltig beeindruckt haben - doch bestimmt nicht aufgrund bewiesener Sachkenntnis. Nein, eine indirekte Morddrohung war es, die Tucholsky, obschon der kritische Weltbühne-Mitarbeiter Anfeindungen jeglicher Art gewohnt war, allem Anschein nach über mehrere Monate beschäftigte. Und das beileibe nicht von ungefähr. So war schon so mancher Exponent der linksintellektuellen Szene der Weimarer Republik von rechtsradikalen Attentätern "zum Schweigen" (vgl. XI. Abschnitt des nachfolgenden Artikels) gebracht worden. Die "Angelegenheit" (vgl. XII. Abschnitt) war also durchaus ernst zu nehmen: 

"Deutschland, Deutschland über alles" 

Drückeberger Tucholskys neueste Deutschenbeschimpfung 

Von Helmut Schütting

 I.

 Was ist das? Das ist das Lied der deutschen Nation. Wer wird das nicht kennen!

 II.

 Diesmal aber meine ich ein ganzes Buch, was so heißt. John Heartfield hatís photomontiert. Auf dem Einband steht links oben: Kurt Tucholsky. Hinten rechts unten: brüderlich zusammen hält [sic!].

 III.

 "Ein wirklich schlechtes Gedicht", nenntís Tucholsky alias Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Caspar [sic!] Hauser und Peter Panter. Und all diese "Pseudonyma" sehen uns an, wenn man im Literarikum unserer Tage forscht.

Deshalb meine ich: Hoffmann von Fallersleben wird solchen Zerriß ertragen können.  

IV. 

"Das eine von allen guten Geistern verlassene Republik zu ihrer Nationalhymne erkor ..." Sieh einer an. Und wie oft hört man diesen Pseudonymiker in allen "republiken" Blättern sein garstig Liedchen trällern! Und dort macht man doch sonst überm Strich nur in einer Republik mit allen guten Geistern. Was sagt da die republikanische Beschwerdestelle dazu? 

V. 

In solchem Ton istís gestimmt, das arg montierte "Bilderbuch". Vor allem Unflat hat man den Namen Hölderlin montiert. Hölderlin sagt uns harte Wahrheiten. Man muß sie sich zu Herzen nehmen. Aber darum braucht man sich nicht an solchem Band die Hände zu besudeln. Hölderlin sagtís im erträglichen Rahmen. Und dazu noch im Original.

Geschickt mißbraucht steht da sein Name. Man läßt vorn Hölderlin sprechen, um hinten in seinem Namen Gemeinheiten zu begehen. Wenn man dann auf die Finger klopft, sagt man: na, was denn, Hölderlin sagtís doch auch. 

VI. 

Dieses "Bilderbuch" ist eine Tollheit. Eine Ausgeburt unserer Zeit. Unserer Zeit, die angefressen und krank literarisch dahinsiecht. Für wen montiert? Für unsere Jugend? Es steht nicht am Anfang, daß es für Jugendliche verboten ist. Und so besteht die Aussicht, daß unsere zensurlose Zeit dem gesunden Instinkt unserer Jugend keinen Abbruch tut. 

VII. 

Da ist ein Bild "1918" am Rhein. Truppen ziehen zurück. Noch sind die Fahnen schwarzweißrot. Sollte John Heartfielden hier eine Retouchierung durch die Lappen gegangen sein? - Da steht drunter: "Sie ziehen zurück - wozu sind sie hinausgezogen? Für wen? -"

Als ob das nicht jeder deutsche Schulbub wüßte!

Ich erinnere mich da einer "wrobelschen" Antwort: "Für einen Dreck."

Welcher deutsche Feldsoldat heißt das gut? Eine Identifizierung mit den Geschehnissen am 9. November 1918 rückt hier in greifbare Nähe.

Pour une merde! - Drüben unter der Trikolore. Kann man sich das denken? Jedem Lästermaul würde die Flamme des Arc de Triomphe die Zunge aus dem Rachen brennen.

Aber die deutschen Toten brennen ja noch nicht! 

VIII: 

Das Buch wühlt noch im Schlamm des Spießbürgers, satirelt laienhaft am Strafvollzug, läßt Steinklopfer ein furchtbar Lied auf Hilferdings Kopf prasseln, zeichnet uns die Generale der Verantwortung als Tiere, vergleicht wortlos Ludendorff mit Schweik [sic!]. Und es will bald so scheinen, als habe der Drückeberger Tucholsky bei Tannenberg gesiegt. 

IX. 

Neben Politik, in der am meisten abgestiegen wird, halten wehrlos ruhig: Kirche, Untergrundbahn, Glockenspiel, Babies [sic!], Richter, möblierte Zimmer, Pissoirs, bayrische Madels und Buam und noch vieles mehr.

Und nun begeht das Buch noch den Kapitalfehler, der es totschlägt: es nennt das alles, gut durchgerührt unter Zugabe bitterböser Persiflage, Deutschland!

Merkwürdig: wenn man ein bißchen über die Grenzen der Nationen rutscht, dann trifft man das alles mit nur anderen Vorzeichen der Nationalität an. Ist also absolut niemals Maßstab für ein Volk. 

X. 

Das Buch ist noch nicht einmal ein Witz. Nur ein doppeltes Geschäft auf einen Schlag. Einmal erscheinen die Beiträge ohne Monteur in der ["]Weltbühne["], eine Bühne ohne Welt und ohne Raum, der eine Bühne sein könnte. Ein andermal eben in dieses Buch montiert. Aber nicht genug der kapitalistischen Ausbeute. Man kann die tigerschen Songs noch in anderer gebundener Umgebung antreffen. 

XI. 

Warum spricht nun unsereiner darüber? Weilís die Spatzen von jedem Dach pfeifen, daß man das Nationale in Deutschland besudeln kann, wie man gerade will. Das muß aber endlich einmal aufhören. Nicht die Spatzen zum Schweigen bringen, sondern den Lästerer. 

XII. 

Und was können wir heute in dieser Angelegenheit tun? "Immer daran denken, nie davon sprechen." (Die durch Fettdruck hervorgehobenen Textpassagen sind im Original gesperrt gedruckt. Eine moderatere Fassung der Rezension Helmut Schüttings (" ,Deutschland, Deutschland über allesë. Tucholsky unter aller Kritik") war bereits am 20. September 1929 in der Berliner Deutschen Zeitung (34. Jg., Nr. 221a, Morgenausgabe) erschienen. Dort lautet die im Mittelpunkt des Interesses stehende Passage: "Nicht die Spatzen abschießen, sondern den Lästerer beim Wickel packen. Fußtritt. Und über die Grenze!")

 

 

WWW-Erstveröffentlichung: 13.04.1998