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Antje Bonitz(Oldenburg) und Viktor Otto (Berlin)

Zur Artikelserie "Die Justiz" und ihrem Verfasser
"Kommissar Piesecke" löst den Fall Hugo Grotius

"Pseudonyme sind wie kleine Menschen; es ist gefährlich, Namen zu erfinden, sich für jemand anders auszugeben, Namen anzulegen - ein Name lebt," so schrieb Tucholsky einst über die Brisanz von Homunkuli (1) . Nach der Dekuvrierung mehrerer Kaspar-Hauser-Texte als Werke des Musikers und Gelegenheitsdichters Jörg Mager (2) soll nun ein ganzes Pseudonym, das vor einigen Jahren reanimiert wurde und seitdem als Deckname Tucholskys im Gespräch ist, (3) seinem rechtmäßigen Urheber zuerkannt werden. Die Rede ist von Hugo Grotius, dem Namen, hinter welchem sich der Autor der Artikelserie "Die Justiz" (4) bislang durchaus erfolgreich verstecken konnte.

Nachdem Dietrich Pinkerneil 1979 dieses Pseudonym mit gebotener Vorsicht und ohne jeden Begründungsversuch mit Tucholsky in Verbindung gebracht hatte, (
5)meinte Elmar E. Holly zehn Jahre später, den Mann mit den "5 PS" anhand von Biographik und "literarischem Fingerabdruck" der Verfasserschaft überführen zu können und erklärte: "Der Fall Hugo Grotius ist somit gelöst." (6)

Diese Auffassung ist verschiedentlich angezweifelt worden, (
7) doch bewegte sich die Kritik eher im Rahmen guter Intuition als auf dem Boden widerlegender Tatsachen. Die von dem Autor der Hugo-Grotius-Texte in seine Artikel eingeflochtenen autobiographischen Details, in denen Holly eindeutige Parallelen zur Biographie Tucholskys erblickte, weisen vielmehr frappante Übereinstimmungen auf mit dem Werdegang des langjährigen Weltbühne-Mitarbeiters Dr. jur. Ferdinand Nübell.

Einer eigenhändigen Vita Nübells aus dem Jahre 1950, die uns als Original vorliegt, ist zu entnehmen, daß Nübell in Berlin Jura unter anderem bei den Professoren Kipp, Seckel und Liszt studiert hatte. (
8)Hugo Grotius schreibt in dem Artikel "Die juristische Fakultät":

"Verschwiegen werden soll ferner nicht, daß manche Professoren infolge Überalterung oder aus natürlicher Begabung zum Auswachsen langweilig ,vortragen', so daß sich der Gast mit Grausen wendet. Aber das können auch ,Praktiker', zum Beispiel der selige Dickel, der ein praktischer Amtsgerichtsrat und ein höchst langweiliger Dozent war, im Gegensatz zu reinen Theoretikern wie etwa Kipp, Seckel oder gar Liszt." (
9)

Während des Krieges war Nübell Beamtenstellvertreter im Kriegsministerium gewesen, (
10)während Tucholsky bekanntlich im Osten stationiert war. Hugo Grotius aber berichtet über seine militärische Laufbahn:

"War er [d.i. General von Wrisberg] doch einer von denen, die, zu ihrem tiefen Kummer, zu unserm besondern Glück, von Gott auf den Posten eines Departementsdirektors im Kriegsministerium gestellt, das große Werk mitzuleiten berufen und ausersehen waren [...]. Mich selbst hatte der liebe Gott zur selben Zeit in der gleichen hohen Behörde auf das meiner Winzigkeit natürlich entsprechende Pöstchen eines Hilfskalkulators oder Hilfsbeamtenstellvertreters, oder wie das Ding sonst hieß, gestellt." (
11)

In seinem Artikel "Justiz und Presse" setzt Hugo Grotius einen "Kriminalkommissar Piesecke" ein. (
12) Laut Holly ist "Piesecke" ein Neologismus Tucholskyscher Provenienz:

"Da der Name ,Piesecke' weder ein typisch Berliner Ausdruck ist noch in einem anderen Dialekt vorkommt, da er weder im Gauner-, Seemanns-, Handwerker- oder Militärjargon zu finden ist, kann ein ,Hugo Grotius' nur dann diesen Namen verwenden, wenn Tucholsky sich hinter ihm verbirgt.' (
13)

Gregor Ackermann und Wolfgang Hering haben nachgewiesen, daß "Piesecke" schon Jahre vor Tucholskys erster Verwendung des Namens (
14) in anderen Kontexten zu finden war: Im Ulk, der Unterhaltungsbeilage des Berliner Tageblattes und der Berliner Volkszeitung, findet sich bereits 1915 ein "Piesecke", (15) 1917 erscheint das Buch Piesecke schreibt aus'n Krieg (16)und in der neunten Auflage der Sammlung Der Richtige Berliner in Wörtern und Redensarten aus dem Jahre 1925 ist ebenfalls von einem "Piesecke" die Rede. (17)

Unternimmt man jedoch einen Vergleich der Hugo-Grotius-Texte mit den Artikeln Nübells, so lassen sich evidente sprachliche und inhaltliche Gemeinsamkeiten ausmachen. Sowohl Hugo Grotius als auch Nübell sprechen sich in mehreren Artikeln für eine höhere Beteiligung von Laienrichtern an der Rechtsprechung aus. Hierbei lockern beide Verfasser ihre Argumentation auf durch Wendungen wie "à la bonheur" (
18)und "nützt es nichts, so schadet es gewiß nicht" .(19)

Über den von Berufsrichtern dominierten Richterstand schreibt Hugo Grotius:

"Die drei Grundübel unsrer Strafrechtspflege sind somit: die abstumpfende Gewohnheit; die aus der Aktenkenntnis resultierende Voreingenommenheit zu Ungunsten des Angeklagten; die enge Verbindung zwischen Staatsanwalt und Richter." (
20)

Ferdinand Nübell bezeichnet dieselben drei Mißstände mit nahezu den gleichen Worten:

"Die drei Hauptfehlerquellen des ganz oder teilweise aus Berufsrichtern zusammengesetzten Gerichts: die abstumpfende Gewohnheit; die zu enge Verbindung zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht und die aus der Aktenkenntnis resultierende Voreingenommenheit zuungunsten des Angeklagten fallen weg beim reinen Laiengericht." (
21)

Wenn auch keine Verbindungslinie zwischen den Hugo-Grotius-Texten und Tucholsky auszumachen ist, so bestand sie doch zwischen Tucholsky und Ferdinand Nübell: In gleich zwei Artikeln zitiert und lobt Hugo Grotius alias Ferdinand Nübell ausgiebig seinen Kollegen Ignaz Wrobel alias Kurt Tucholsky, (
22)und 1921 ist Nübell als Verteidiger Tucholskys im Offiziersbeleidigungsprozeß vor Gericht aufgetreten. (23). Der Sohn Hans Nübell erinnert sich noch an die Besuche Kurt Tucholskys in der Wohnung der Nübells in der Leipziger Straße.

 

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1) Kurt Tucholsky: "Start". In: WB 52, 27.12.1927, 964. (
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2 ) Vgl. Gregor Ackermann, Mathias Bertram, Antje Bonitz: "Ein zweiter Kaspar Hauser. Anmerkungen zum Verfasser der ,Verkehrten Welt'". In: TB 2, 1993, 1-14. (
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3 ) Vgl. u.a. Joachim Widmann: "Tucholsky schrieb auch unter ,Old Shatterhand'. Literarische Fingerabdrücke führten auf die Spur unbekannter Pseudonyme in der ,Weltbühne'". In: Der Tagesspiegel, 19.11.1989, S. 57; Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Bd. 11. Hrsg. von Walther Killy. Gütersloh, München 1991, S. 449. (
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4) Hugo Grotius: "Anwaltsnot". In: WB 45, 4.11.1920, 517f.; "Die Justiz I. Einleitung". In: WB 1, 6.1.1921, 7-10; "Die Justiz II. Der alte und der neue Geist". In: WB 2, 13.1.1921, 43-45; "Die Justiz III. Die Richter". In: WB 3, 20.1.1921, 69-71; "Die Justiz IV. Weltfremdheit und Rückständigkeit". In: WB 4, 27.1.1921, 98-100; "Die Justiz V. Berufs- und Laienrichter". In: WB 5, 3.2.1921, 131-133; "Die Justiz VI. Intermezzo". In: WB 6, 10.2.1921, 161-164; "Die Justiz VII. Die Staatsanwaltschaft". In: WB 7, 17.2.1921, 195-197; "Die Justiz VIII. Die Kriminalpolizei". In: WB 8, 24.2.1921, 215-218; "Die Justiz IX. Das Reichsgericht". In: WB 9, 3.3.1921, 245-247; "Die Justiz X. Staatsgerichtshof". In: WB 10, 10.3.1921, 273-275; "Die Justiz XI. Die Anwaltschaft". In: WB 11, 17.3.1921, 306-308; "Die Justiz XII. Juristen in der Politik". In: WB 12, 24.3.1921, 328-330; "Die Justiz XIII. Die juristische Fakultät". In: WB 13, 31.3.1921, 356f.; "Die Justiz XIV. Politische Justiz". In: WB 14, 7.4.1921, 381-383; "Die Justiz XV. Aulock, Hiller und die Kommunisten". In: WB 15, 14.4.1921, 406-408; "Die Justiz XVI. Prinz, Kessel, Sylt". In: WB 16, 21.4.1921, 432-435; "Die Justiz XVII. Referendar und Assessor". In: WB 18, 5.5.1921, 492-494; "Die Justiz XVIII. Verfassung und Grundrechte". In: WB 19, 12.5.1921, 519-521; "Die Justiz XIX. Justiz und Publikum". In: WB 20, 19.5.1921, 551f.; "Die Justiz XX. Justiz und Presse". In: WB 21, 26.5.1921, 576-578; "Die Justiz XXI. Reformen". In: WB 22, 2.6.1921, 601-604. Ferner erschienen folgende Texte unter dem Namen Hugo Grotius in der Weltbühne: "Juristentag". In: WB 39, 29.9.1921, 329f.; "Aus großer Zeit". In: WB 26, 29.6.1922, 664-666; "Adel, Tanz und Strafjustiz". In: WB 51, 21.12.1922, 655-657; "Aus Klein-Dalldorf". In: WB 23, 7.6.1923, 673. Hugo Grotius war auch Mitherausgeber und Autor der Faschingssondernummer der Weltbühne: "Die Kriegsverbrecher vor Gericht". In: Die Welt- Wald- und Wiesen-Bühne, 17.2.1921, 3-5. (
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5) Vgl. Dietrich Pinkerneil: Anmerkungen zur Weltbühne. In: Das Drama der Republik. Zum Neudruck der Weltbühne zwei Essays von Axel Eggebrecht und Dietrich Pinkerneil. Königstein/Taunus 1979, S. 89. (
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6) Vgl. Elmar E. Holly: Die Weltbühne 1918-1933. Ein Register sämtlicher Autoren und Beiträge. Berlin 1989, S. 34-39. Auch in: TB 1, 1990, 3-5. (
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7 ) Vgl. u.a. TB 2, 1990, 5; zuletzt: Ernst Unckenbolt: "Bemerkungen zu ,Paulus Bünzly' und zu angeblichen weiteren Pseudonymen Kurt Tucholskys". In: TB 15, 1995, 12f. (
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8 ) Vgl. Nübells eigenhändige siebenseitige Vita aus dem Jahre 1950, die - ebenso wie den Militärpaß - Hans Nübell (Berlin) freundlicherweise zur Verfügung stellte. (
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9) Hugo Grotius: "Die Justiz XIII. Die juristische Fakultät". In: WB 13, 31.3.1921, 357. (
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10 ) Vgl. Vita sowie Militärpaß, S. 2. Die folgenden Angaben zu Nübells Biographie sind der Vita entnommen: 1882 Geburt in Schwerte/Ruhr; 1901 Abitur am Luisengymnasium zu Berlin; 1902-1905 Studium der Rechtswissenschaft und Nationalökonomie in Berlin; seit 1910 Rechtsanwalt in Berlin; im Krieg erst Beamtenstellvertreter im Kriegsministerium, dann Dezernent im Range eines Regierungsrates beim Reichskommissar für Aus- und Einfuhr; seit Ende 1916 Mitarbeiter der Deutschen Nachrichten Verkehrs GmbH; 1919-1930 Mitarbeiter der Weltbühne; in der Zeit der Weimarer Republik Verteidiger in bedeutenden politischen Prozessen; nach 1933 Verteidiger mehrerer KZ-Häftlinge; ab 1945 zunächst Richter in Werder/Havel, dann bis zum Tode im Jahre 1955 Rechtsanwalt und Notar in Berlin. (
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11) Hugo Grotius: "Aus großer Zeit". In WB 26, 29.6.1922, 664. (
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12) Vgl. Hugo Grotius: "Die Justiz XX. Justiz und Presse". In: WB 21, 26.5.1921, 578. (
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13) Holly, Anm. 6, S. 39 (
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14 ) Vgl. Peter Panter: "Südliche Nacht". In: WB 43, 24.10.1918, 394. (
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15) Vgl. -nz [d.i. Hugo Frenz?]: "17 Töpfe mit Wasser". In: Ulk 11, 14.3.1915, 5. (
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16 ) Piesecke schreibt aus'n Krieg. Kriegserlebnisse eines Berliner Rollwagenkutschers. Hrsg. von Ernst Rudolphi. Berlin 1917. Vgl. Gregor Ackermann: "Tucholsky, Hugo Grotius und Fritz Piesecke. Über neue Zuschreibungen". In: TB 2, 1991, 3f. (
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17) Vgl. Der Richtige Berliner in Wörtern und Redensarten. Von Hans Meyer. Neunte Auflage von Siegfried Mauermann. Berlin 1925, S. 244. Die Hinweise auf den Ulk und den Richtigen Berliner gab uns freundlicherweise Wolfgang Hering. (
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18) Ferdinand Nübell: "Bankrott der Rechtspflege". In: WB 31, 4.8.1921, 116; Hugo Grotius: "Die Justiz VII. Die Staatsanwaltschaft". In: WB 7,17.2.1921, 195. (
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19) Ferdinand Nübell: "Bankrott der Rechtspflege". In: WB 31, 4.8.1921, 116; Hugo Grotius: "Die Justiz V. Berufs- und Laienrichter". In: WB 5, 3.2.1921, 132. (
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20) Hugo Grotius: "Die Justiz V. Berufs- und Laienrichter". In: WB 5, 3.2.1921, 132. (
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21) Ferdinand Nübell: "Pour les assises!". In: WB 8, 18.2.1930, 273. (
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22) Vgl. Hugo Grotius: "Die Justiz III. Die Richter". In: WB 3, 20.1.1921, 70; "Die Justiz XIV. Politische Justiz". In: WB 14, 7.4.1921, 382f. (
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23 ) Vgl. "Offiziere. Beleidigungsklage gegen Ignaz Wrobel". In: Die Freiheit, 16.9.1921. Auch in:"Entlaufene Bürger". Kurt Tucholsky und die Seinen. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. Ausstellung und Katalog: Jochen Meyer in Zusammenarbeit mit Antje Bonitz. Marbach/Neckar 1990 (= Marbacher Kataloge 45), S. 335-339. (
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