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Antje Bonitz (Oldenburg) und Renke Siems (Freiburg)

Onomastische Notizen

Pseudonymie ist, nach einem Wort von Jean Starobinski, eine "Kunst des Erscheinens" (Jean Starobinski: "Stendhal Pseudonym". In: J.S.: Das Leben der Augen. Berlin 1984, S. 147 - 184; hier S. 147). Eine Kunst, die Tucholsky bekanntlich nicht nur in seiner Publizistik verfolgte - kaum ein Zwanzigstel der Texte sind unter dem vollen bürgerlichen Namen ihres Verfassers erschienen - sondern auch in seinen Privatbriefen. Das zugrundeliegende Prinzip bleibt sich jedoch in allen Bereichen gleich: es ist die in den Bereich der Signatur gespiegelte kontrollierte Präsentation von Autorschaft. In der Publizistik vollzieht sich die Bearbeitung der Signatur dabei unter den Vorgaben des Individualjournalismus, bei dem ein erschriebener Name ein Markenartikel ist, weshalb auch Theobald Tiger exklusiv an den Ulk verkauft werden kann. In der Geschäfts- und Redaktionspost ist die Signatur dagegen kein Problem, da in einer arbeitsteiligen Gesellschaft via Identifikation durch den Beruf dort ohnehin der Autor Tucholsky spricht. In der Geschäfts- und Redaktionspost ist die Signatur dagegen kein Problem, da in einer arbeitsteiligen Gesellschaft via Identifikation durch den Beruf dort ohnehin der Autor Tucholsky spricht. Erst in der Privatpost muß, soll die ästhetische Ebene gehalten werden, die Bearbeitung der Signatur wieder hervortreten. Überdies ergibt sich dann dabei die Möglichkeit, auch die Adressatenseite miteinzubeziehen und folglich den epistolaren Kosmos in Alleinregie zu entwerfen.

Der Einführung von "Max" für Walter Hasenclever und "Adolf" bzw." Edgar" für sich selbst kommt unter den vielen Umbenennungen seiner Korrespondenzpartner angesichts der Gewichtung dieser Verbindung eine hervorzuhebende Bedeutung zu. Die Namensgebung erfolgte offensichtlich während der gemeinsamen Bearbeitung des Kolumbus in Hindäs November 1931 bis Januar 1932, weil sich als früheste Quelle eine auf diese Zeit zurückblickende, wenn auch versehentlich rückdatierte Widmung Hasenclevers an Gertrude Meyer erhalten hat:

"Frl. Tydde, der freundlichen Samariterin im Spital der Junggesellen, wo Adolf und Max immer "uunvaschämt" krank waren, herzlichst überreicht vom Verfasser Walter Hasenclever, Hindäs Januar 1931." (Mitgeteilt von Beate Schmeichel-Falkenberg in ihrem Essay "'Berliner Schmäh und Wiener Schnauze'. Über Jura Soyfer und Kurt Tucholsky". In: Jura Soyfer - Europa und multikulturelle Existenz. Internationales Kolloquium. St. Ingbert 1993, S. 90-108, hier S. 102. «Internationales Kolloquium. St. Ingbert 1993, S. 90 - 108, hier S.102.»).

Überliefert ist auch eine Notiz Tucholskys an Hasenclever aus Le Lavandou (o.D., Mai/Juni 1932) mit der Anrede "Max" und der Unterschrift "Ton Adolphe" (Kopie DLA). Drittens findet sich diese ursprüngliche Verbindung von "Max" und "Adolf" auch im undatierten Exposézum nichtrealisierten Folgeprojekt des Kolumbus, der "Casanova"-Komödie. Bernd Kasties vermutet die Entstehung des Exposés im Frühjahr 1935, da Hasenclever sich in der Zeit nachweislich intensiv mit dem Casanova-Stoff beschäftigt habe (Vgl. Bernd Kasties: Walter Hasenclever. Eine Biographie der deutschen Moderne. Tübingen 1994, S. 289).

Dies erscheint nicht haltbar, da erstens "Adolf" seit März 1933 lückenlos durch "Edgar" ersetzt ist und zweitens der Text augenfällig unter dem direkten Nachhall des Kolumbus«verfaßt wurde. Die Datierung dürfte daher eher auf die dem Besuch Tucholskys bei Hasenclever in Le Lavandou im April - Juni 1932, wo wahrscheinlich der Grundstock zu dem Projekt gelegt wurde, unmittelbar folgenden Wochen gelegt werden, bis Tucholsky im »verfaßt wurde. Die Datierung dürfte eher auf die dem Besuch Tucholskys bei Hasenclever in Le Lavandou von April - Juni 1932, wo wahrscheinlich der Grundstock zu dem Projekt gelegt wurde, unmittelbar folgenden Wochen gelegt werden, bis Tucholsky im Oktober des Jahres angesichts des Fehlschlags der Kolumbus-Inszenierung zum Schluß"ich bin kein Theatermann" (UL, 1932, 541) kam, und das Projekt als Gemeinschaftsarbeit nicht weiterverfolgt wurde.

Die Umbenennungen gehen also auf die Zeit und wohl auch auf die Form der Zusammenarbeit am Kolumbus zurück. Als Quelle für "Max" scheint daher am wahrscheinlichsten die entsprechende Figur in Schnitzlers Anatol , die für die Titelfigur als Stichwortgeber und Kommentator dient. Tucholsky war ja bekanntermaßen 1928 bei der Gestaltung des Kolumbus -Stoffes im Alleingang gescheitert (vgl. UL, 1928, 499) und bei Abfassung der Komödie anstelle des ursprünglich geplanten parodistischen Romans auf das architektonische Gespür des Theatermanns Hasenclever angewiesen. Für "Adolf" lassen sich keine so klaren Bezüge finden. Vielleicht ist die Namensgebung eine Art ironischer Rache Hasenclevers angesichts der handfesten Bekanntschaft mit Tucholskys Vorstellungen von Teamarbeit, welcher ja bekanntlich mit den "Kollektiven" (vgl. GW 7, 1929, 202-207) Schlitten fuhr und in solchen Fällen empfahl, die Leute müßten "eben von einem Führer zusammengerissen werden (AB 1, 1928, 198). Solcher Spaßhat dann für Tucholsky nach dem Reichstagsbrand, als mit der Verhaftungswelle, die auch Ossietzky erfaßte, der blutige Ernst des nationalsozialistischen Terrors auch im Ausland nur allzu offenbar wurde, ein Ende: Er erscheint ab dem 4.3.1933 als "Edgar" wobei der Sprung durch ein "formalz Adof" gemildert wird. Der Name "Adolf" und worauf er verweist wird dabei überschrieben, jedoch nicht zum Verschwinden gebracht. Er bleibt präsent als durchschimmerndes Palimpsest, wenn Tucholsky unter dem Datum des Briefes vom 20.4.1933 schreibt: "an Edgars Geburtstag" (AB 1, 1933, 254).

Dies könnte einen Hinweis darauf geben, auf welche Vorlage die Namensgebung "Edgar" verweist, da die Weltliteratur mehrere Figuren dieses Namens kennt. Die bekanntesten dürften der "Edgar" aus Strindbergs Totentanz (GW E 2, 1913, 59 f.), derjenige aus Stefan Zweigs Novelle Brennendes Geheimnis und jener aus Shakespeares King Lear sein. Eine Kenntnis der beiden ersten Figuren ist bei Tucholsky belegbar durch den frühen Text "Strindbergs 'Totentanz'" (GW E2, 1913, 59 f.) und der Wendung im Brief an Hasenclever vom 17.8.1933: "Inschrift am Reichstag: BRENNENDES GEHEIMNIS ODER: EIGENER HERD IST GOLDES WERT" (AB 1, 1933, 269). Wir möchten als Hauptquelle dennoch letzteren vorschlagen, da hierdurch die Überschreibung als parodistische Vorführung Hitlers in mehrfacher Hinsicht sich erklären könnte: Shakespeares "Edgar" wird nämlich von seinem Vater geächtet, weil er von seinem Halbbruder verleumdet wurde, nicht der "Echtgeborene" zu sein. Erst nach einer Phase der Tarnungen als Bettler und Bauer kann er seinen Bruder besiegen, den Vater retten und nach der Vernichtung der Familie Lears zur Herrschaft aufsteigen

Nun war der Reichstagsbrand das Signal für die verschärfte Verfolgung der Juden als nicht "Echtgeborene" wie es auch im Nazi-Jargon hieß(Und nicht nur dort, sondern auch in Paul Alverdes' am 19.7.1934 vor der Münchner Studentenschaft gehaltenen "Rede vom inneren Reich der Deutschen" abgedruckt in Das Innere Reich , Jg. 1 (1934/35), H. 7 vom Oktober 1934, S. 829 - 843.«Internationales Kolloquium. St. Ingbert 1993, S. 90 - 108, hier S.102.»«Internationales Kolloquium. St. Ingbert 1993, S. 90 - 108, hier S.102.»). Hitler als "Edgar" zu persiflieren greift dabei den weitverbreiteten Spott über die Nazi-Größen auf, die so gar nicht ihren eigenen Rasseidealen gleichsahen. Kaspar Hauser spricht ja von "«zu persiflieren greift dabei den weitver_breiteten Spott über die Nazi-Größen auf, die so gar nicht ihren eigenen Rasseidealen gleichsahen. Kaspar Hauser spricht ja von »Jehuda Joissip Goebbeles aus Bialystock" (vgl. GW 10, 1932, 51 f.) und Peter Panter bilanziert: "Zur Rassenfrage. Die Blonden sind ganz umgängliche Menschen. Aber die Dunkeln, die gern blond sein möchten ... !" (Ebd., 48). Ferner läßt sich Shakespeares "Edgar" improvisierend mit dem Kampf des staatenlosen Hitler um die Einbürgerung als Reichsdeutscher und die Machtergreifung parallelisieren, weshalb "Adolf" als palimpseste Signatur weiterbestehen kann, auch wenn der Name unmöglich geworden ist.