tucholsky-blätter
Home
Text-Archiv
Workshop
Bücher
Rezensionen
Die Autoren
Impressum


Stefanie Brauer (Berlin)

Rheinsberg. Eine Marginalie zur Rezeptionsgeschichte

"Sehssu, mein Affgen, das is nu deine Heimat. Sag mal: würdest du für dieselbe in den Tod gehen?" "Du hast es schriftlich, liebes Weib, daß ich nur für dich in den Tod gehe. Verwirre die Begriffe nicht. Amor patriae ist nicht gleichzusetzen mit der "amor" als solcher. Die Gefühle sind andere." (GW 1, 1912, 56)

Trotz aller Ironie in dieser vielzitierten Passage, macht Tucholsky hier doch eines sehr deutlich: Seine Absage an jeden Militarismus, seinen Ekel vor der Landesverteidigung, die ihre Motivation durch die "Liebe zum Vaterland" begründet. Ein gewisses Paradox liegt darin, daß gerade die "Rheinsberg"-Erzählung während des Ersten Weltkriegs offenbar zu einem Bestseller für Frontsoldaten werden sollte. Absurd, daß dieser Text, der die Vaterlandsliebe so offensichtlich zurückweist, den Soldaten mit ins Feld gegeben wurde, um Gefühle von Heimweh hervorzurufen und sie (möglicherweise) zum Kampf zu motivieren. Unter dem Titel "Rheinsberg" schrieb Fred Hildenbrandt am 1.Juli 1917 in den Frankfurter Nachrichten:

"Seit vier Wochen stöbere ich alle einschlägigen und besseren Buchhandlungen und auch solche, die so aussehen, als ob sie's nicht wären nach dem entzückenden Büchlein durch. Aber schließlich wird doch nichts anderes übrig bleiben als zu glauben, was sie alle sagen: daß die Auflage vollständig vergriffen ist. Das sagt der Geschäftsinhaber mit der gütigen Nachsicht des geruhigen alten Herrn, der einem Jüngling auf Abenteuerwegen nachlächelt. Das versichert der Gehilfe mit dem überzeugenden Stehkragen und dem klebrigen Augenzwinkern des ‚Kenners', und das beteuert der Lehrjunge mit den roten prallen Händen, die so zudringlich mit den schmalen Büchern herumtasten.

Ich resigniere.

Aber mir tun die Kanoniere so leid und die Infantristen und die Schipper, denen ich Rheinsberg ins Feld schicken wollte und die nun warten müssen bis zur neuen Auflage. Dutzendweis ist das kleine farbige Büchlein an Freunde und Bekannte draußen gegangen. Und wie haben sie gedankt! Wie wird immer das Bild dasselbe gewesen sein: da haben sie gehockt in Kellern und Höhlen oder im Sumpf gelegen, oder in irgend einem heißen Gestrüpp, todmüde von den brennenden Stunden zwischen Nacht und Tag, und haben geträumt über diesem dünnen, nichtigen Bändchen, dieser albernen dummen lieben Tändelei.

Was ist daran, daß zwei junge Menschen, die sich lieb haben, aus der großen Stadt für wenige Tage nach Rheinsberg fahren: Warum ist darüber so viel Musik und Tanz und hüpfende Gedanken und warum träumen die im Feld darüber, die das Träumen beinahe verlernt haben im Lärm ihrer furchtbaren Werkstatt?

Es gibt eine rasche und heimliche Antwort, wie zwei sich winken könnten mit den Augen, wenn sie beieinander wären. so war es, oder: so muß es sein einmal.

Das ist alles.

Aber es ist unendlich viel. Es ist Wiese und Wald und bunte Holzhäuser und Sonne und Stille und Wasser im Lande der Erinnerung oder im Märchen einer Zukunft. Es ist Leichtsinn und Fröhlichkeit und Glück und eines vor allem: Jugend.

Rheinsberg ist vergriffen. Jemand sagte mir wehmütig, als er es erzählte: Man sollte in den Schulen darnach unterrichten, wie und nicht anders man nach Rheinsberg gehen darf. Der es sagte, war kein Schulmeister, aber einer der dabei stand, nickte heftig zu dieser Blasphemie.

Es muß wieder da sein. Die Infantristen und Schip[p]er und Kanoniere wollen was zum Lesen. Es gibt so viel kluge und feine Bücher, die sie lesen sollten, aber für eine Stunde Heimweh gibt es: Rheinsberg."

<hr>

 


WWW-Erstveröffentlichung: 24.01.1997