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Günter Dallmann (Stockholm)

Tucholsky-Satire falsch interpretiert

In der Broschüre Berliner Profile (Berlin: Fannei & Walz 1993) befindet sich u.a. ein Beitrag von Hermann Haarmann über Kurt Tucholsky. Haarmann zitiert S. 129 f. das von Tucholsky 1931 in der Weltbühne erschienene satirische Gedicht "Rosen auf den Weg gestreut" mit dem Kehrreim "Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!" (GW 9, 1931, 162-163)

Haarmann interpretiert (S. 130) nun dieses Gedicht folgendermaßen: " Diese Strophen sind deutlich genug; sie geißeln die Langmut der Republik gegenüber dem drohenden Angriff von rechts. Der Refrain jedoch geht darüber hinaus und spielt verdeckt auf einen politischen Grundkonflikt in der, wie wir heute wissen, Endphase der Weimarer Republik an: auf die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb der Arbeiterbewegung, namentlich auf die haarsträubende Politik der Kommunistischen Partei. Die nämlich hatte in der Verkennung der historischen Situation ihre Anhänger aufgefordert, die Sozialdemokratie - nach einer Definition von Stalin: der Zwillingsbruder des Nationalsozialismus - anzugehen. Die Parole lautete:"Schlagt die Sozialfaschisten, wo ihr sie trefft!" Das Ergebnis dieser abstrusen Politik ist allgemein bekannt."

Hier irrt sich Haarmann gründlich, - aber einem Nachgeborenen ist das vielleicht zu verzeihen, während jemand wie der Autor, der in der Weimarer Republik aufgewachsen ist und sie bis zum bitteren Ende erlebt hat, mit "Blick zurück im Zorn" reagiert.

Tucholskys Gedicht mit seinem Refrain spielt vermutlich auf eine neue Wendung der damaligen Kommunistischen Partei Deutschlands an. Zu den Reichstagswahlen im September 1930 legte die KPD - offenbar in telepathischer Vorahnung des späteren Hitler-Stalin-Paktes - den Wählern ein "Programm zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes" vor. Als Wahlergebnis errang damals die KPD 13,1 % der Stimmen (77 Mandate - gegenüber 54 bei den Reichstagswahlen 1928). Aber die NSDAP kam damals bereits auf 18,3 % der Stimmen (107 Mandate; nur 12 bei den Wahlen 1928).

1931 machte Heinz Neumann, einer der damals führenden Funktionäre der KPD, Furore mit dem offenbar von ihm erfundenen und wohl damals von der Parteiführung gebilligten Schlagwort: "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!"

Darauf natürlich bezieht sich Tucholskys Gedicht und nicht auf den unseligen Bruderkampf der beiden großen deutschen Arbeiterparteien. Ganz richtig hieß es vor einer Reihe von Jahren im SPD-Wochenblatt Vorwärts: " ... es führt eine Blutspur von Ebert zu Hitler."

Beitrag von Günter Dallmann in WB, Nr. 15, XXVI.Jahrgang, 8.April 1930, S. 560 f. [in diesem Heft auch Wrobel, Tiger, Panter, Ossietzky, Hiller]

    Biographie des Doktor X.

    Ein Mann von Welt - doch mehr von Weltanschauung
    (Weil Letzteres den innern Wert erhöht),
    So wandelt Dr. X voll Seelenstauung
    - Der Doktortitel: äußere Erbauung -
    Durchs Weltgestrüpp als ein Kulturästhet.

    Die Weltanschauung war ihm früh schon heilig,
    Seit jener Stunde, da sein Schamgefühl
    Durch einer Jungfrau Zutun jäh und eilig Entblättert war
    ( - er fand dies unverzeihlich!),
    Doch blieb er, wie er war: korrekt und kühl.

    Den kleinen Unfall hat er schnell vergessen,
    Bald ist er weltanschaulich weltentrückt,
    Fern hält er nun sich jeglichen Exzessen
    Sowie halbweltanschaulichen Intressen,
    Von mildem Seelenfrieden sanft beglückt.

    Er flieht die Niederung der Tageszeitung
    Und watet nicht im Sumpf der Politik
    - Denn Kampf, als frevelhafte Überschreitung
    Der Polizeiverordnung, däucht ihm Vorbereitung
    Zum Kosmussturz, zur Weltall-Republik.

    Was ist, soll bleiben, soll für ewig gelten
    (Denn seine Weltanschauung schreibt das vor),
    In Permanenz: die beste aller Welten -
    : Wer Hunger hat - soll essen und nicht schelten!
    Sein Weltbild trägt die Firma: Reiner Tor.

    Die reine Torheit tarnt sein Seelenleben
    - Nach außen Hin genügt der Doktorgrad,
    Ihn vom profanen Durchschnitt abzuheben.
    Sein Grabmal wird einst diese Auskunft geben:
    "Ein Mann von weltanschaulichem Format!"