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Dieter Enke (Berlin)

Berlin, Moabit : Lübecker Straße 13
Angaben zum Geburtshaus Kurt Tucholskys
.
 

Was sagen uns die Geburtshäuser unserer Großen? Weht etwa ihr Geist noch durch die Räume? Finden wir sichtbare Spuren, den - von Zeit zu Zeit von behutsamer Hand restaurierten - Klecks an der Wand, den das Tintenfaß hinterließ, das als Wurfgeschoß dem Leibhaftigen bestimmt war?

All das wohl nur selten; hier, Lübecker Straße 13, ganz bestimmt nicht.

Eher schon können wir uns vorstellen, daß Räume, Möbel, Bilder, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, der Blick in die Landschaft, die Lage des Hauses auf einen Künstler beispielsweise, Wirkungen hatten, die wir in ihrem Werk wiedererkennen. Aber ebenso wie wir selbst, ist auch unsere Umgebung Bestandteil der Zeit, in der wir leben und ebenso von ihr geprägt. Wer also vermag Ursachen und Wirkungen benennen, wenn man von Geburtshäusern spricht?

Wir werden es also bei einer einfachen Beschreibung des Hauses belassen müssen, aber auch das weitere Umfeld des Geburtshauses in seiner Geschichte mit betrachten.

Das Haus.

Das Geburtshaus Tucholskys ist das Haus Lübecker Straße 13 in 10555 Berlin, Moabit, (heute: Bezirk Tiergarten).

Der Baugrund gehörte zunächst dem Regierungs- und Baurat Carl Schwatlo, einem seinerzeit nicht unbedeutenden Architekten, der in Berlin wichtige Bauten errichtet hatte, u.a. das General-Postamt Leipziger Str. 15, (1871-74, Zentral-Behörde für die gesamte Deutsche Postverwaltung außer Bayern und Württemberg), das Gebäude des Postfuhramtes in der Oranienburger Straße, das Geschäftshaus der Brüder Oppenheim, Jerusalemer Str. 20, (1869-70, "Bazar zur Flora" genannt), sowie weitere Wohn- und Geschäftshäuser.

Er ging dann zunächst 1884 an den Baumeister O. F. Piater über und kurz danach an den Zimmermeister Otto Feldmüller, dem als Eigentümer, wohnhaft in Alt-Moabit 93, der Bau-Erlaubniß-Schein No. 2568 am 11. März 1886 erteilt wurde. Das Archiv weist in einer Nachtragszeichnung als letztes Datum einiger Genehmigungsvermerke den 28. Februar 1886 aus. O. Feldmüller war auch der Bauunternehmer der Ausführung. Die Rohbauabnahme erfolgte bereits am 6. August 1886. Danach wurde nur noch eine Putzgenehmigung erteilt, so daß das Haus höchstwahrscheinlich Ende des Jahres 1886 bezugsfertig war. Am 14. Dezember 1886 wurden Anträge auf den Einbau einer Schlächterei mit zwei Räucherkammern und einer Kesselfeuerung (linksseitig, von der Straße gesehen) und eines Backofens (rechtsseitig) gestellt. Die Abnahme hierfür erfolgte am 25. Februar 1887. Bereits am 7. Juni 1887 ging das Grundstück, natürlich mit dem erbauten Haus, bereits wieder in andere Hände über, nämlich in die des Bäckermeisters Paul August Winkler.

Häufigkeit des Grundstückswechsels, Erwerb des Grundstücks nur mit dem Ziel, den Bau zu errichten, um danach den Mehrwert einzustreichen, aber auch die sehr schnelle Bearbeitung der Bauanträge durch die Behörden geben eine Ahnung davon, mit welchem inneren Tempo die Gründerzeit ausgestattet war und lassen im Vergleich erkennen, daß das heutige Bauen trotz technischer Fortschritte kaum schneller ist, ganz zu schweigen von den gigantischen Rückschritten, die die Behörden bis heute zurückgelegt haben, da z.B. Bauanträge bis zur Genehmigung nicht selten Jahresfristen brauchen.

Die Größe des Grundstücks beträgt 738 m2; die Summe der Bruttogeschoßflächen (also außen gemessen, ohne Keller) 2.952 m2; diese beläuft sich somit auf das Vierfache der Grundstücksfläche und stellt eine erhebliche Überbauung dar, die jedoch seinerzeit zulässig gewesen war und daher heute noch als genehmigter Bestand weiter gelten darf.

Es ist ein typisches Berliner Mietshaus der Gründerzeit, fünfgeschossig, bestehend aus Vorderhaus und zwei Seitenflügeln. Die Fassade des Vorderhauses bildet die Westseite des Gebäudes; der sehr enge Hof ist nach Osten offen. Die Fenster der Vorderhaus-Rückseite und der beiden Seitenflügel blicken auf den Hof, was bedeutet, daß die Fenster des rechten Seitenflügels nach Norden, die Fenster des gegenüberliegenden linken Seitenflügels zwar nach Süden ausgerichtet sind, aber infolge des geringen Abstands der beiden Seitenflügel von nur 6,58 m überwiegend auch keine Sonne erhalten (s. Karte von Berlin). In den Seitenflügeln waren früher sogar Kellerwohnungen, was zur Folge hatte, daß Kellerräume, die für Vorräte, insbesondere Brennmaterialien, unerläßlich sind, weitgehend unter der Hofdecke, also außerhalb der Kellerumfassungswände, angeordnet werden mußten. Die Folge hiervon war, daß der vordere Teil des Hofs als Hofkellerdecke befestigt war. Der hintere Teil des Hofs, im Erdgeschoßgrundriß (nicht abgebildet) euphemistisch als "Garten" bezeichnet (ca. 53 m2 groß) ist seit langem ebenfalls befestigt. Im Erdgeschoß waren, wie vielfach üblich, links und rechts des Eingangs Läden, besser Ladenwohnungen, eingerichtet.

Diese Hausform ist in der Lübecker Straße mehrfach anzutreffen und auch sonst in Berlin weit verbreitet. Die lichte Breite des Hofs mit 6,58 m ist das absolute Minimum, bei einer Traufhöhe der Seitenflügel von ca. 20,00 m hat der Zwischenraum nur noch schlitzartiges Format und bildet damit die Endstufe der Entwicklung des Hofhauses und eine Voraussetzung für die äußerste Ausnutzung eines Grundstücks (Foto 1).

Die Erschließung der Geschoßwohnungen geschieht durch drei Treppenhäuser in den Gebäudeteilen Vorderhaus und den beiden Seitenflügeln. Die Seitenflügel-Treppenhäuser am Hof werden über einen Durchgang durch das Vorderhaus erreicht, der breit genug war, um ein Feuerwehrfahrzeug damaliger Bauart durchzulassen; ein Anleitern an die oberen Seitenflügelwohnungen war (und ist) jedoch nicht möglich.

Das Vorderhaustreppenhaus ist über dem Durchgang angeordnet; diese Konzeption erfordert, daß der Antrittstreppenlauf seitlich neben der Durchfahrt hochgeführt werden muß, was hier zu der einzig verbliebenen gestalterischen Besonderheit dreier wuchtiger Säulen geführt hat, die die Last der einen Treppenhauslängswand aufzunehmen haben (Foto 2).

Die Straßenfassade war, wie alle Fassaden der wilhelminischen Zeit durch überreichen Stuck gegliedert (Zeichnung 1). Diese Fassadenzeichnung aus dem Archiv darf wie oft, jedoch nur als Andeutung einer Stuckfassade gelesen werden, nicht aber als Ausführungszeichnung, die detailgenau die Ornamentfolge festlegen würde; d.h. die Entscheidung, in welchem Geschoß z.B. Flachrundbögen oder Giebelverdachungen über den Fenstern angebracht werden, unterlag nicht selten einer gewissen Beliebigkeit.

Der Zustand heute

Heute ist der Fassadenstuck verloren; die in der Nachkriegszeit erneuerte Putzfassade ist in der Höhe nur noch durch zwei Gesimsbänder gegliedert, sowie durch die beiden stark vorspringenden Erker, die im 1. - 3. Stock jeweils einen Wohnraum erweitern und im 4. Stock durch einen Balkon abgeschlossen sind (Foto 3).

Die beiden Ladenwohnungen im Erdgeschoß dienen zur Zeit sozialen Zwecken, links für den Schülerladen Tiger, Panther & Ko, (in dieser Reihenfolge, kenntlich durch die Tierköpfe auf dem Ladenschild) und rechts ehemals für den Betroffenenrat (auch wenn "Moden" darübersteht).

Betroffenenrat: eine Mieterinitiative; denn das Haus liegt in einem förmlich festgesetzten Sanierungsgebiet. Sanierungsziele sind Verbesserung der Wohnsituation im Umfeld, Instandsetzung und Modernisierung der Wohnungen, was u.a. beinhaltet: Einbau einer Zentralheizung, Einbau von Bädern mit Warmwasserversorgung, Doppelfenstern, wo irgend möglich, Verbesserung der Wärmedämmung, Beseitigung aller Altersschäden. All das kann Veränderungen der Wohnungsschnitte mit sich bringen und natürlich auch Mieterhöhungen.

Die Gesamtplanung und die Abläufe der Vorhaben werden vom Stadtplanungsamt des Bezirks gesteuert, die Kosten von den Förderungsinstanzen nach den Förderungsrichtlinien kontrolliert. Zur Verbesserung der Wohnsituation auf der Hofseite war zunächst der Abriß des rechten Seitenflügels geplant. Inzwischen hat sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt derart verschlechtert, daß die große Nachfrage nach mietgünstigen Wohnungen Substanzverluste zugunsten städtebaulicher Sanierung nicht mehr erlaubt. Somit bleibt die Bebauung des Grundstücks voll erhalten.

Rechts neben dem Hauseingang wurde 1960 zum 70. Geburtstag Tucholskys eine Bronzetafel angebracht, die das Haus als Geburtshaus Kurt Tucholskys bezeichnet (Foto 4). Sie weist heute schon kleinere Schäden auf. Seit etwa zehn Jahren werden derartige Gedenktafeln, einheitlich gestaltet, in Bisquit-Porzellan der Staatlichen Porzellanmanufaktur ausgeführt; selbst Hedwig Courths-Mahler ist diese Ehre zuteil geworden (Goethestraße in Charlottenburg, unweit Steinplatz). Ob hier auch so verfahren wird, ist noch ungewiß.

Die Wohnungen

Die Archivzeichnungen zeigen einen symmetrisch angelegten Hausgrundriß mit einer kleinen Unregelmäßigkeit, die durch das Treppenhaus verursacht wird. Im Vorderhaus sind für das 1. und 2. Geschoß zwei Wohnungen ausgewiesen, die bis an das Seitenflügel-Treppenhaus reichen, in den Seitenflügeln noch je eine Wohnung mit eineinhalb Zimmern und Küche hinter dem Seitenflügeltreppenhaus (Zeichnung 2).

Die (vom Briefträger aus gesehen) rechte Wohnung bestand aus vier großen Zimmern, eines davon mit Erker, sowie zwei kleineren, die zum Hof hin orientiert waren; mit insgesamt rund 178 m2 Netto-Wohnfläche. Die linke, fast gleich geschnittene Wohnung hatte ein kleineres Zimmer weniger und war rund 162 m2 groß. Diese Wohnungsgrößen sind selbst heute noch als enorm zu bewerten; sie stehen in augenfälligem Kontrast zu den sehr kleinen Seitenflügelwohnungen mit nur rund 48 m2 Netto-Wohnfläche, die im übrigen auch durch schlechte Belichtung, mangelnde Querlüftung u.a.m. benachteiligt sind.

Zwei große Zimmer, darunter das sogenannte "Berliner Zimmer" (mit dem in der Gebäudeinnenecke gelegenen "Berliner Fenster") waren Durchgangszimmer. Die Küche lag im Seitenflügel und konnte über das Seitenflügeltreppenhaus (auch: Dienstboteneingang) erreicht werden; daher brauchten z.B. frisch gekaufte Lebensmittel nicht durch zwei Wohnräume getragen zu werden. Neben den Küchen in den Seitenflügeln waren Innen-WCs angeordnet, die noch heute bestehen. Außerdem weisen die Zeichnungen in den Vorderhauswohnungen (handgezeichnet nachgetragen) Badewannen in Bädern aus, zusätzlich ein weiteres, abgetrenntes WC. Das muß für diese Zeit als gehobener Standard bezeichnet werden, da sehr häufig nur Podest-WCs gebaut wurden, die von zwei und mehr Mietparteien benutzt wurden, Bäder fast die Ausnahme waren oder erst später nachgerüstet wurden. Allerdings liegen hier die Bäder und WCs innen und hatten nur Schachtentlüftungen (der große Schornsteinquerschnitt hinter den WCs). Im Winter waren also täglich 5 - 6 Kachelöfen zu beheizen, wollte man es überall warm haben, zusätzlich noch den Badeofen, wenn Badewasser gebraucht wurde. Das dürfte nicht ohne Dienstpersonal zu schaffen gewesen sein, zumal die Brennmaterialien nur in den Kellerräumen gelagert werden konnten.

Allerdings muß einschränkend hier erwogen werden, ob die Wohnungen in der 1. und 2. Etage anfangs tatsächlich diese Größe hatten, da heute auch in diesen beiden Etagen der Zuschnitt der 3. und 4. Etage angetroffen wurde; hier enden die Vorderhauswohnungen schon mit dem "Berliner Zimmer" und die Küchen befinden sich je in einem der hofseitig orientierten, kleinen Zimmer. Hinter dem "Berliner Zimmer" liegt in diesem Fall dann jeweils noch eine "Stube/Küche -Wohnung" im Seitenflügel, jeweils mit rund 36 m2 Netto-Wohnfläche.
Die Vorderhauswohnungen in dieser Version haben dann immer noch:
Rechts: Drei große Zimmer und ein kleineres, mit insgesamt rund 143 m2 und
Links: Drei große Zimmer mit insgesamt rund 127 m2.

Nach übereinstimmenden Literaturangaben hat die Familie Alexander Tucholsky in der 2. Etage des Vorderhauses der Lübecker Straße 13 gewohnt. Da nicht bekannt ist, in welcher der beiden Wohnungen die Familie Tucholsky wohnte, und ferner nicht gesichert ist, welchen Zuschnitt die Wohnungen anfangs wirklich hatten, wie soeben ausgeführt, ergeben sich vier Möglichkeiten der Größe der Wohnung Tucholsky.

Mit Sicherheit kann nur gesagt werden, daß die Wohnung mindestens 3 Zimmer umfaßte und 127 m2 groß war (kleinere Version/Links), oder äußerstenfalls 6 Zimmer umfaßte und 178 m2 maß (große Version/Rechts). Für alle denkbaren Möglichkeiten gilt jedoch und galt damals besonders, daß es nach Lage, Größe und Ausstattung Wohnungen gehobenen bürgerlichen Zuschnitts waren, die für Beamte oder Offiziere in Frage kamen.

Prozentuale Verteilung der Wohnungsgrößen 1895: (nach heizbaren Zimmern)
 

 

 

 

1 Zimmer

2 Zimmer

3 Zimmer

4 Zimmer

5 - 7 Zi.

8 u. mehr

 

 

Moabit

45,8

30,6

12,8

5,5

4,1

0,4

 

 

Berlin

49,7

27,3

11,0

4,6

5,0

1,2


Die Familie Tucholsky hat in der Lübecker Straße Nr. 13 nur während der ersten zwei Lebensjahre Kurt Tucholskys, also von 1890 bis 1891, gewohnt.

Das Wohngebiet

Die Entwicklung des Wohngebiets, in dem die Lübecker Straße liegt, gibt mehr Hinweise auf die geschichtliche Situation um 1890, als die Beschreibung eines einzelnen, an sich weniger bedeutenden Wohnhauses, daher seien hier Grundzüge in Kürze skizziert.

Die frühe Entwicklung wird ablesbar im Vergleich zwischen den Plandarstellungen von Sineck 1856, (Situations-Plan der Haupt- und Residenzstadt Berlin mit nächster Umgebung, seiner Majestät dem Könige Friedrich Wilhelm IV. in tiefster Ehrfurcht allerunterthänigst zugeeignet von Sineck, Hauptmann von der Armee und Direktor vom Königlichen lithographischen Institut in Berlin, Verlag von Simon Schropp und Companie, Berlin 1856)

und Liebenow 1888 (Situations-Plan von der Haupt- und Residenzstadt Berlin und Umgegend bearbeitet von W. Liebenow, Geheimer Rechnungs-Rath im Kgl. Ministerium für Öffentliche Arbeiten, Berlin 1888, Verlag der Simon Schropp'schen Hof-Landkartenhandlung (J. H. Neumann))
Der Standort des Hauses Lübecker Straße 13 ist durch einen Kreis kenntlich gemacht.

Im Plan von Sineck ist das markante Straßenkreuz Turmstraße Stromstraße schon zu erkennen. An der Turmstraße, Nordseite und auch an der Stromstraße, hauptsächlich Westseite, sind große Gartengrundstücke in vergleichsweise lockerer Bebauung mit Vorortvillen zu erkennen, die den Tiergartenvillen des südlichen Tiergartens nur wenig nachstanden, aber auf preiswerterem Grund errichtet waren, eines davon dürfte dem Regierungs- und Baurat Schwatlo gehört haben.

Zwischen Turmstraße und der südlich parallel verlaufenden Straße Alt-Moabit liegt ein "Grünzug", der glücklicherweise bis heute unbebaute Rest der ehemaligen Kämmereiheide, genannt "Kleiner Tiergarten", in dessen östlichem Teil schon 1836 die St. Johannes-Kirche errichtet wurde, die zu den vier von Schinkel geplanten Vorstadtkirchen zählt. Sie wurde unter Friedrich Wilhelm IV. 1844-56 von August Stüler durch Pfarrhaus, vorgelagerte Arkaden und andere Anbauten zu einer malerischen Anlage erweitert. Die Kirche war hier somit schon vor der Bildung der großen Wohngebiete gegründet.

Südlich des Kleinen Tiergartens, zwischen der Straße Alt-Moabit und der Spree (ein kleiner Teil des Spreebogens ist am unteren Bildrand noch zu erkennen) waren die Grundstücke bandartig von Industrie besetzt (und sind es zum Teil noch heute).

Die Industrieansiedlung hatte um 1836 begonnen, als die 1772 gegründete Kgl. Seehandlung auf fiskalischem Boden eine Maschinenbauanstalt und Eisengießerei errichtete, die 1850 an August Borsig verkauft wurde (s. Liebenow, östlich der Kirchstraße), der bereits im Zuge der ersten industriellen Randwanderung westlich der Stromstraße 1846 aus dem königlichen Fiskus und dem Rittergutsbesitz Griebenow ein Terrain erworben hatte, auf dem er ein Eisenwerk errichtet hatte, das u.a. ein Stabeisen- und Blechwalzwerk und ein Hammerwerk mit Dampfhämmern enthielt. Dieses Werk lieferte die für die Weiterverarbeitung notwendigen Halbfabrikate, während im Werk Chausseestraße noch die Lokomotiven für die preußischen und russischen Staatsbahnen produziert wurden. Das Werk an der Kirchstraße tat sich insbesondere durch Eisenkonstruktionen für Bauwerke hervor. Während des Krieges 1870/71 lieferte die Moabiter Maschinenfabrik Torpedos und Seeminen an die preußische Marine und Geschützlafetten an die Armee. Im Zuge der zweiten industriellen Randwanderung, die von dem Plan weiterer Vergrößerung des Betriebs A. Borsig und dem Bestreben nach Konzentration auf einen Standort ausgelöst war, wurden die Werke in Moabit aufgegeben und auf dem neuerworbenen Areal in Tegel neu errichtet. Dort begann die Produktion 1898. Die Borsig-Gelände in Moabit wurden mit Wohnungen bebaut. Auch die auch im Plan von Liebenow noch erkennbare, nördlich des Borsig'schen Eisenwerks gelegene Kgl. Baumschule wurde dann mit Wohnungen bebaut.

Westlich der Kirchstraße befand sich die Porzellanfabrik Schumann, die später von der neugegründeten Meierei C. Bolle übernommen wurde. Daran weiter nach Westen anschließend war Schomburgs Porzellanfabrik angesiedelt, deren Inhaber aus der Schumannschen Fabrik hervorgegangen war und sich mit technischem Porzellan (Isolatoren) und einem besonderen Vergoldungsverfahren hervortat. Die Porzellanfabriken dieses Standorts bestehen heute nicht mehr, jedoch die weiter südlich im Bezirk Tiergarten ansässige Kgl. Porzellanmanufaktur. Auf dem Gelände der Schumann'schen Porzellanfabrik entstand später ein Mühlenbetrieb, der erst vor ca. zehn Jahren aufgegeben wurde.

Die bis heute als Lebensmittelhandelsbetrieb bestehende Firma C. Bolle wurde 1887 angelegt und hatte als Meierei zunächst sowohl eine eigene Milchproduktion und eine Meierei für Sammlung und Verwertung der Milch aus Meiereien vom Lande. Durch, man würde heute sagen: innovatives Denken und Handeln, gelangte man dazu, ein Vertriebssystem aufzubauen, mit dem das empfindliche Produkt Frischmilch und Milchprodukte direkt an die Verbraucher geliefert werden konnte. Die hygienische Überwachung von der Viehhaltung über die Verarbeitung bis zur Lieferung zum Verbraucher hatte schon damals einen sehr hohen Standard mit eigenen bakteriologischen, chemisch-analytischen und chemisch-technischen Laboratorien. Es waren ca. 2.400 Arbeiter beschäftigt; der Milchtransport wurde von 300 Wagen mit über 450 Pferden bewältigt, wobei täglich ca. 120.000 l Milch an etwa 22.000 Haushalte geliefert wurden.

Auf dem 32 Jahre späteren Plan von Liebenow ist die Lübecker Straße als Parallele zur Stromstraße eingetragen und parzelliert. Die Bebauung ist, wie auch in der weiteren Umgebung, schematisiert als (durch Fluchtlinien geplante) Randbebauung dargestellt, was auf den Hobrechtplan zurückgeht. Mehrere Terraingesellschaften befaßten sich nach Aufkauf von Grundstücken damit, diese baureif zu machen, zu erschließen und sie dann zur Bebauung weiter zu veräußern oder auch selbst Bauten zu errichten und fertige Mietshäuser zu verkaufen. Damit wurde die Überbauung des nordwestlich des ursprünglichen Ortsteils Moabit gelegenen Abschnitts Neu-Moabit mit Mietskasernen eingeleitet, doch ist der frühindustrielle Charakter Moabits teilweise im Bereich des Spreebogens noch immer ablesbar.

Für das nähere Umfeld der Lübecker Straße ist noch die aus der Zeit um 1870 stammende Brauerei an der Stromstraße / Turmstraße zu erwähnen, die in ihrer Bausubstanz mit kastellartigem Aussehen weitgehend noch heute besteht.

Das unmittelbar an die Ostseite der Bebauung der Lübecker Straße anschließende Städtische Baracken-Lazarett ist erst im Liebenow-Plan signifikant zu erkennen. Es diente zunächst als Seuchenkrankenhaus und wurde dann auf die Behandlung innerlich Kranker umgestellt. Die pavillonartige Bauweise entsprach dem damaligen Stand der Wissenschaft und galt als besonders geeignet, die Übertragung ansteckender Krankheiten zu verhindern. Das Pavillonsystem war auch Leitbild für das Rudolf-Virchow-Krankenhaus von Ludwig Hoffmann, dessen weitgehender Abriß vor etwa zehn Jahren noch heftig umstritten war. Das Barackenlazarett an der Turmstraße entwickelte sich zum heute noch bestehenden und weithin anerkannten Krankenhaus Moabit mit mehreren Fachabteilungen.

Um wieder auf Kurt Tucholsky zurückzuführen, denn er hat dort häufig als Beobachter und Kritiker Prozesse verfolgt (vgl. GW 3, 1921, 31-34; GW 5, 1927, 193-197), muß noch auf das am östlichen Rand des Kleinen Tiergartens gelegene Moabiter Kriminalgericht mit dem Untersuchungsgefängnis hingewiesen werden (s. Liebenow). Im Liebenow-Plan ist das erste Moabiter Kriminalgericht dargestellt, das in den Jahren 1877-82 errichtet wurde. Es wurde wegen Kriegsschäden abgerissen. Bis heute besteht das Moabiter Kriminalgericht jedoch noch in seinen Erweiterungsbauten aus den Jahren 1902-06 an der Turmstraße, nordwestlich des Standorts bei Liebenow.

Wenn auch Moabit nie ein Stadtbezirk mit eigener Verwaltung wurde, so sind hier doch im betrachteten Zeitabschnitt Kräfte mit Strukturmerkmalen wirksam gewesen, die die historische Bedeutung dieses Stadtteils geprägt haben. Teilweise sind sie dem Kundigen noch ablesbar, weil nur überformt, teilweise sind sie durch Zerstörungen des Krieges oder der Nachkriegszeit verschwunden, zu einem nicht unerheblichen Teil jedoch noch erhalten und wirksam bis in die jüngste Gegenwart. Wenn die Erinnerungstafel an Kurt Tucholsky auslöst, daß sich Passanten mit seinem Werk (wieder) befassen, wäre daraus ohne Zweifel ebenfalls Wirkung bis in die Gegenwart sicher.

Zu den Hausnummern aus der Bauakte:
 

S. 13

19.November 1884

(gekürzt)

 

 

Königliches Amtsgericht

 

 

... von Schwatlo an:

 

 

eingetragen: Baumeister Otto Franz Piaster.

 

 

[Anmerkung: Die Haus- resp. Grundstücksnummer ist nicht bekannt]

 

 

 

S. 14

 

(gekürzt)

 

 

Piater konstituiert durch zwei Trennstücke (Parzellen)

 

 

selbständige Grundstücke

 

 

ad 1: Bd. 64 Nr.: 2895

 

 

ad 2: Bd. 64 Nr.: 2896

 

 

 

S. 15

(Rückseite)

Der Baumeister Piater, wohnhaft Dennewitzstraße 7

 

25. März 1885

 

 

 

Nach der diesseits vorgenommenen Numerierung der Lübeckerstraße sind die angegebenen Nummern richtig und ist nicht ausgeschlossen, daß von den Vorbesitzern - Hirsch, Levy & Zwettels - Kronenstraße 17 wohnhaft - hier falsche Angaben gemacht worden sind und dürfte durch Befragung derselben Aufklärung geschafft werden.
Berlin, den 25. März 1885

 

 

 

 

 

64. Polizei-Revier

 

26.3.1885

Bitte gefl. den Baumeister Piater in Kenntnis setzen zu wollen, daß seine Grundstücke in der Lübecker Straße die Nummern 12, 13 und 14 führen und nicht 11,12 und 13.
Es stehen neue Anträge des g. Piater bevor u. dürfte hierbei die Angabe der richtigen No. zu berücksichtigen sein.
Ergebenst 26. 3. 85.

 

 

 

S. 16

Lageplan

(Die Lageplandarstellung weist dem Grundstück mit der aktuellen Frontbreite von 20,10 m die Nummer 12 zu.)
20,10 m Frontbreite = (12)
13,20 m Frontbreite = (13)
13,20 m Frontbreite = (14).

 

 

 

S. 26

 

Statische Berechnung
für
Lübeckerstraße 12
(diese Parzelle war vorher irrthümlich mit No. 11 verzeichnet)

 

 

 

S. 49

11. März 1886

Bau-Erlaubniß-Schein No. 2568
(für Lübeckerstraße 12).

 

 

 

S. 112

17. Mai 1888

(Letzte Eintragung mit Hausnummer Lübecker Str. 12)
Feuermeldung Lübecker Str. No. 12 -

 

 

 

S. 113

10. Juli 1888

(erstes Aktenstück mit der Hausnummer 13. Von hier an wird nur noch die Hausnummer 13 verwendet. Ein bestimmter Vorgang, der zur Änderung von 12 zu 13 führte, ist in der Bauakte nicht dokumentiert.)
(Schreiben eines A. Bethke:)
An das Königliche Polizei-Präsidium Abtheilung III
... erlaube ich mir ganz ergebenst, nachstehendes der Königl. Baupolizei'lichen Verordnungen zuwider, zur Anzeige zu bringen:
Der Zimmermeister Otto Feldmüller hier, Lübeckerstraße 10 wohnhaft, hat, um mehr Verkaufsgelder herauszuziehen folgendes ausgeführt:
1. Im Hause Lübeckerstraße 13 früher No. 12 im Vorderhaus 3
Stück Badeeinrichtungen mit Feuerungsöfen im I. und II.Stock in den Corridorverschlä-
gen,
2. Im Hause Lübeckerstraße 11 früher No. 10, ...
3. Im Hause Lübeckerstraße 9 früher No. 8, ...
4. Im Hause Lübeckerstraße 10 früher No. 9, ...

und erlaube ich mir ganz besonders auf die Maßnahmen des Herrn Fe. aufmerksam zu machen; da derselbe sich schon zu wiederholten malen sich öffentlich geäußert, man muß es blos verstehen, dann kann man auch was verdienen.
Ich halte es für der öffentlichen Sicherheit und Wohlfahrt für meine Pflicht, eider Königlichen Bau-Abtheilung davon Mittheilung zu geben und zeichne
Hochachtungsvoll ergebenst
A. Bethke
Rathenowerstr. 51.

 

 

 


Korrekturen eingearbeitet am: 08.06.1996