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Frank Flechtmann (Berlin)

Tucholsky oder Frau Rosenbaum

Vor einigen Jahren wurden in den Tucholsky-Blättern zwölf bislang unbekannte Tucholsky-Texte präsentiert.

Diese - meist sehr kurzen - Beiträge im Ulk begannen im November 1915 ("Klage des Kriegsbarden" [Ulk 48, 28.11.1915, 4]). 1916 folgten dort sechs Beiträge, 1917 vier und einer 1918 im August. Ab Dezember 1918 war dann Tucholsky Chefredakteur des Ulk und fast in jedem Heft mit einem Gedicht von Theobald Tiger vertreten.

Es war 1990 schon aufgefallen, daß in diesen Nummern des Ulk auch Beiträge mit "Kory Towska" unterzeichnet waren - auf den ersten Blick einem Tucholsky-Anagramm ähnlich scheinend. Das hält genauerer Nachprüfung allerdings nicht stand, zumal es diese Person bzw. deren Pseudonym wirklich gab. (Der Ulk war ursprünglich ein eigenständiges "Wochenblatt für Humor und Satire" und wurde erst ca. 1913 "Wochenbeilage zum Berliner Tageblatt" und gleichzeitig zur Berliner Volks-Zeitung, zu zwei anderen Blättern des Mosse-Konzerns. D. h. , die beiden ersten Tucholsky- Beiträge von 1907 erschienen nicht als "Wochenbeilage des BT", wie es bei Bonitz/Wirtz zu D1 und D2 heißt / B/W, Bd. II, 1164.)

Bei Durchsicht einer größeren Menge von Nummern des Ulk von Jahrgang 37 (1908) bis Jahrgang 48 (1919) finden sich immer wieder Beiträge der Wiener Humoristin Kory Towska. Das ist Kory Elisabeth Rosenbaum, in Berlin 1868 als Kory Elisabeth Korytowski geboren und später viele Jahre in Wien lebend. Dort starb sie etwa 1929. Sie schrieb ab 1903 Lustspiele, daneben humoristische Beiträge: das waren meist Witze in Unterhaltungsbeilagen wie dem Ulk. Von Kory Towska stammen auch zwei Schaubühne-Beiträge (SB 32/33, 12.8.1909, 170 und SB, 36, 4.9.1913, 835 - je achtzeilige Gedichte).

Bonitz/Wirtz haben gut daran getan, sich von der Berliner Euphorie damals nicht anstecken zu lassen: die "unbekannten Tucholsky-Texte" (s. TB 5, 1990, 2-7) stehen hier ganz am Ende der knapp 3000 Texte, nämlich in der Rubrik "Ungesicherte Zuschreibungen" (B/W, Bd. II, D 2842 bis 2855). Sie sind alle mit K. T. unterzeichnet und Ulk-Kriegsnummern entnommen. In dieser Zeit finden sich auch viele Beiträge mit "Kory Towska" unterzeichnet - alles sehr leichte Textlein, meist Witze, oft recht simple. Und im Niveau erschreckend tief - gerade wenn sie von Tucholsky stammen sollten.

Aber der Ulk verfuhr wie auch bekanntlich die Weltbühne nach dem Prinzip, daß ein Verfassername nicht mehrmals in derselben Schreibweise vorkommen sollte. Das galt insbesondere für den langjährigen Ulk-Chefredakteur Hugo Frenz, der daher bei mehreren Arbeiten in einer Nummer auch als -nz., -z. und H. F-z. firmiert. Ähnliches gilt für A.J.W. oder Anna Julia Wolff, für Käthe Schnitzer = K. Sch. und h.a. = H.A.= Hans Aburi, 1916/17 auch für Joseph Wiener-Braunsberg = J.W.-B. = Iwebé. Die häufigen Beiträge des Chefredakteurs Fritz Engel sind abwechselnd auch mit F.E. signiert.

Etliche andere Mitarbeiter verfuhren auch so, wie die Durchsicht von über 250 Nummern zwischen 1908 und 1919 zeigt (von insg. rund 600). Dies gilt vor allem, wenn mehrere Beiträge desselben Verfassers auf einer Seite der Nummer abgedruckt wurden: der vermeintliche Tucholsky-Text "Der Besuch" (Ulk 34, 25.8.16, 2) steht über dem Gedicht "Kriegers Schlachtgesang" von Kory Towska. "Der Besuch" ist ein simpler Witz, das Towska-Gedicht zum Kriegsalltag eben so simpel. Auf derselben Seite nach dem erwähnten Prinzip ein Beitrag von Hans Aburi und ein mit h.a. gezeichneter Text.

Bei "Könige" (Ulk 16, 20.4.17, 2) ist nicht zu erkennen, wieso Tucholsky diesen Kalauer geschrieben haben soll. "Mitleid" (Ulk 4.5.17, 4) ist ein Kindermund-Witz, ein Genre, das Tucholsky wohl nie pflegte. Dasselbe gilt für "Verschwiegenheit" (Ulk 24, 15.6.17, 7).

Aus diesen beiden Gründen - Kory Towska schrieb laufend in den Ulk-Kriegsnummern und teilte die Gewohnheiten der Mitarbeiter, ihre Beiträge waren stets leicht, humoristisch bis kalauerhaft - ist nicht anzunehmen, daß Tucholsky der Urheber der "ungesicherten Zuschreibungen" ist.

Lediglich die identischen Initialen könnten das nahelegen. Aber Texte von Kotaro Takamura oder Katherine Tynan werden ja auch nicht als Tucholsky-Arbeiten ausgegeben.

 

WWW-Erstveröffentlichung: 24.01.1997