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Frank Flechtmann (Berlin)

Die allerletzte Weltbühne –
und ein unbekannter Brief von Tucholsky

Vor einigen Jahren erschien mit jahrzehntelanger Verspätung die letzte Weltbühne, jene Nummer 11 vom 14.März 1933, die in der Druckerei beschlagnahmt wurde und vernichtet werden mußte. Doch nun erscheint erstaunlicherweise noch eine Weltbühne. Sie trägt den Hinweis “Erscheint einmalig” und das Datum 18.März 1998.

Das Besondere an diesen unpaginierten 28 Seiten ist, daß die Beiträge allesamt von Frauen stammen – was ja zu Jacobsohns oder Ossietzkys Zeiten nie der Fall war. Das Heft gibt es aber nirgends zu kaufen. Es ist ein Gag, eine hübsche Idee -  denn es gehört zu einer gerade am erwähnten Tag vorgelegten Magisterarbeit. Diese behandelt das bislang noch recht unerforschte Thema der Weltbühne-Mitarbeiterinnen. Dabei werden nicht nur die Autorinnen, sondern u.a. auch die langjährige Sekretärin Hedwig Hünicke gewürdigt.

Der genaue Titel der Arbeit von Ann-Katrin Silke Horst aus München lautet

“Ein vernachlässigter Aspekt der Berliner Pressegeschichte:

Die Journalistinnen der Zeitschrift ‘Die Weltbühne’ in der Weimarer Republik.”

Nach einer allgemeinen Einführung werden zunächst die Vielschreiberinnen ausführlich vorgestellt –Martha Maria Gehrke, Hilde Walter, Milly Zirker, Gabriele Tergit, Gisella Selden-Goth, Hetta Gräfin Treuberg, Edith Jacobsohn und – last but not least – “das Lottchen” alias Lisa Matthias.Es folgen mit Grete Wels, Ingeborg Seidler und Lucy von Jacoby “drei Frauen, deren Persönlichkeit im Dunkeln blieb” sowie ein Exkurs zu Hedwig Hünicke, genannt “der gute Geist des Unternehmens”. Gar so wenig wie angekündigt ist es dann aber doch nicht, was die Verfasserin dazu herausfand – vier Seiten. Von allen elf Schreiberinnen werden dann die Arbeiten vorgestellt und besprochen.

Die Verfasserin faßt dazu Themenbereiche zusammen und moniert den noch immer nicht erschienenen, längst vom Verlag angekündigten zweiten Band von Joachim Bergmann – mit dem Register, das die Artikel der Weltbühne nach Themen ordnet. Diesem Teil folgt als Anhang eine Übersicht der Beiträge aller Autorinnen der Weltbühne – also nicht der Schaubühne.  Das führt dann leider dazu, daß so interessante Frauen wie Doris Wittner oder Ricarda Huch herausfallen oder nur mit einem Bruchteil der Beiträge aufgeführt sind. Helene Keßler von Montbart (1870-1957, schrieb auch unter ‚Hans von Kahlenberg‘) wurde ganz vergessen. Dafür kommt als Autorin “Martha Schwerdtlein” vor, eine Figur aus dem Faust.

Besonders ausführlich wird Martha Maria Gehrke gezeigt, die uns ja schon aus den Briefen Jacobsohns an Tucholsky vertraut ist (SJB, S.301, 311, 317...). Die Autorin konnte sich auf den Nachlaß stützen, der in München liegt – im Institut für Zeitgeschichte. Daraus wird ein Brief Tucholskys vom 28.Mai 1924 zitiert, ohne daß deutlich wird: dieser Brief war bisher nicht bekannt. Es wird nur mitgeteilt, daß Tucholsky an Hans Glenk schrieb und gewußt habe, daß dies kein Mann sei – weil ja schließlich ihr Mann erwähnt wird. Und Bonitz/Wirtz erwähnen bereits 1991 Hans Glenk alias M.M. Gehrke.

Doch auf welchen Leserbrief hat Tucholsky so reagiert ? Die Autorin verrät es uns nicht, hat wohl nicht in der Vossischen nachgesehen. Am 29. April 1924 (Dienstagmorgen-Ausgabe) war dort einer der ersten Reiseberichte aus einer Serie von Sling erschienen, der den Lesern bislang als Berliner Gerichtsreporter bestens bekannt war und eigentlich Paul Schlesinger hieß (1879-1929). Unter der Überschrift “Palermo” wird die Sizilienreise ab dem Hafen von Neapel beschrieben. Und geklagt. Daß in Palermo nicht geheizt wird, daß so wenige Leute ins Theater gehen, vor allem, daß Palermos Frauen dort fast völlig fehlen. Auch in den “gestopft vollen” Kaffeehäusern säßen nur junge Männer .Das ruft die oft betont emanzipierte Gehrke auf den Plan. Ausführlich legt sie dar, weshalb die armen unterdrückten Wesen in Süditalien nicht in Kaffeehäusern herumsitzen können. (Es ist anzunehmen, daß der nicht lebensferne Sling das bereits wußte und diese Belehrung nicht benötigte – und nur die Tatsache als sonderbar, für Mitteleuropäer ungewohnt erwähnen wollte.)

Tucholsky scheinen die Ausführungen gefallen zu haben – ihr Inhalt ist ja auch nicht verkehrt. Er scheint sogar zu bezweifeln, daß Gehrkes Mann so begabt ist wie sie – gemeint ist der mit ihr nur kurz verheiratet gewesene Harry Kahn, Weltbühne-Lesern wegen seiner 144 Beiträge ebenfalls gut bekannt. Das Pseudonym Hans Glenk hat Ann-Katrin Horst also nicht gelüftet. Aber dafür ein anderes, das auch in der Weltbühne vorkommt: die vier Beiträge von “Vanna Brenner” (1922-27) sind auch von der Gehrke.

Was wurde aus ihr ? Sie blieb 1933 in Deutschland, baute bald ein Haus im Kleinen Walsertal (in das sie unauffällig eine “Reihe rotbrauner Bände” der Weltbühne schleppte), wohnte aber nie lange dort, sondern vermietete meist die sieben Betten im “Haus Enzian”. Sie arbeitete dann im Berliner Theater-Verlag Felix Bloch Erben und erholte sich von den Bombenjahren 1940-44 immer wieder im Berghaus. 1944 wurde ein Teil der Firma nach Wien verlegt – “ich verlegte mich mit”. Doch die Verlage wurden bald reduziert, die Mitarbeiter “geschlossen in die Rüstungsindustrie überführt”. Sie geht ins stille Tal zurück, das sich bald mit Evakuierten füllt sowie mit Botschafter François-Poncet und dem einstigen deutschen Kronprinzen. Auch dessen Mädchen kommen in ihren Erinnerungen “Alle meine Häuser” vor.

Nach dem Krieg verkauft sie das Landhaus und zieht nach München. Sie schreibt zunächst für die Neue Zeitung, später ist sie – gemeinsam mit Walter von Hollander, den sie wohl von der Weltbühne kennt - bei Constanze.Im Alter von 92 Jahren stirbt sie 1986 in München.