tucholsky-blätter
Home
Text-Archiv
Workshop
Bücher
Rezensionen
Die Autoren
Impressum


Dietrich Kittner *) 

Wie Tucholsky Hitler an die Macht brachte

Herr Klaus-Peter Schulz hat ein Buch über Tucholsky verfaßt, und infolgedessen trägt es den naheliegenden Titel "Wer war Tucholsky?" In den ersten vier Kapiteln liest sich das Werk streckenweise angenehm, bietet auch Aufschlüsse, vorwiegend im Privaten, zitiert kenntnisreich und bietet ab und an sogar Witz. Der Autor befindet auch zu Recht, daß Tucholsky ein Ia prima Stilist, ein glänzender Formulierer gewesen sei. (Und deswegen hält Schulzí Neigung zu ihm, wie er immerhin betont, auch unvermindert an.) ñ Aber dann kommt das 5.Kapitel! Hier macht Herr Schulz unabweisbar klar, daß Tucho besser beim bloßen Stilisieren und Formulieren geblieben wäre und die (Schreibe-)Finger lieber von der Politik gelassen hätte. Denn da geht es bei Tucholsky, wie sein Biograf scharfsinnig erkennt, schon mal bis zum "geistigen Schwachsinn". Infolgedessen sind diese nun wirklich letzten Seiten des Werkes auch obergetitelt: "Was der Zeitkritiker nicht sah." Logisch: Herr Schulz sieht es zeitgemäß von rechts her deutlicher und bietet seine Erkenntnisse zum Ladenpreis an.

Eben diese: "Tucholsky und seine Geistgenossen haben die Weimarer Republik niemals geliebt, wenigstens nicht lange, nicht geduldig und nicht intensiv genug. In dieser Beziehung haben sie versagt", und darum "ohne sich das selber einzugestehen, zu ihrem Teil dazu beigetragen, diesen Staat förmlich kaputtzuschreiben". Hätte Tucholsky nicht besser "die Republik vor dem Untergang bewahren, die parlamentarische Demokratie retten und von (sic! - D.K.) den Schrecken der Hitler-Diktatur bewahren können?" Sixtewoll.

Nun wissen wir es: Tucholsky und seine Genossen haben den Faschismus herbeigeschrieben! Schlotbarone, reaktionäre Justiz und Reichswehr haben den Herrn Hitler nämlich nur hofiert, finanziert und nach Kräften gestützt, weil sie den Faschismus verhindern wollten; da sie aber von Tucholsky, jenem "ebenso glänzenden wie oft gehässigen und einseitigen politischen Splitterrichter der Weimarer Republik" (Schulz) so oft beschimpft wurden, blieb ihnen wohl nichts anderes übrig, als Paten des dutzendjährigen Reiches zu werden.

Sogar der Hitler selber hat sich wohl erst gesperrt, aber wo der Tucholsky nun mal so ein überzeugender und brillanter Schreiber war (das sagt sogar Herr Schulz), was sollte er tun? Die Republik war nun mal kaputtgeschrieben. Da mußte der Führer, von Tucho überredet, halt widerwillig die Macht ergreifen.

Die Linken sind eben immer schuld an den Rechten. Bekanntermaßen haben später ja auch Pablo Neruda und Victor Jara Chile kaputt- und Pinochet herbeigeschrieben. Und hat nicht schon Heiner Geißler vor Jahren entdeckt, daß "erst der Pazifismus der dreißiger Jahre Auschwitz ermöglicht" habe und nicht etwa der Vormarsch der Wehrmacht? Hat Herr Schulz sich hier inspirieren lassen? Da biete ich ihm noch eine weitere Erkenntnis an: Erst das uns Deutschen aufgezwungene abrupte Kriegsende von 1945 hat die heutige Krise in der Altersrentenversicherung bewirkt.

Zurück zu Herrn Schulzens Kritik an Tucholskys mangelnder Liebe zur Weimarer Republik. Nach eigener Bekundung hat der Autor Schulz "ein halbes Jahrhundert" über Tucholsky "nachgedacht". Jedoch vermutlich nicht lange, nicht geduldig und nicht intensiv genug. In dieser Beziehung hat er versagt Was hätte denn Tucholsky anderes getan, als wieder und wieder und immer wieder die Republik zu verteidigen? Gegen den "weißen Schrecken" beispielsweise, der allerdings - so Schulz - nur "überall dort wütete, wo Unruhen und Aufstände der Linken gewaltsam niedergeschlagen werden mußten." So wie jener von der Reichsregierung ungewollte, gegen den reaktionären Kapp-Putsch ausgerufene Generalstreik etwa, der, nachdem er die Republik gerettet hatte, als Vorwand für den blutigen Terror der weißen Freikorps diente?

Tucholsky, so schulmeistert Herr Schulz, hätte sich, um die Hitlerei zu verhindern, besser in ein Bündnis etwa mit Ebert begeben. Mit eben jenem Ebert also, der die ersten Hakenkreuzler der Freikorps erst hochkommen ließ, sich ihrer zum Abschießen von Arbeitern bediente, der den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - vorsichtig ausgedrückt - decken ließ.

So weit zur politischen Logik des Herrn Schulz. Was seinen Versuch, die Frage "Wer war Tucholsky?" zu beantworten, als eine Anmaßung erscheinen läßt, hat seinen Grund noch in einer anderen, entscheidenden Unfähigkeit: Trotz aller beeindruckend vorgeführten, aber eben offensichtlich doch nur oberflächlichen biografischen Sachkenntnis weiß der Sekundärschriftsteller Schulz nichts, aber auch wirklich gar nichts über das Grundproblem des Satirikers: Über dessen Beziehung zu - nein, sogar mit - seinem Thema, über seine Art, etwas zu lieben. Schulz verwechselt ständig heiße Empörung mit Haß. Tucholskys akribische Bestandsaufnahme "Deutschland, Deutschland über alles" nennt er ohne jedes Gespür einen "Haßgesang"! Was den Satiriker antreibt und was Kritik erreichen will, bleibt dem Ausleger bei aller Bemühtheit verborgen. Ich sag Herrn Schulz dazu nix. Wenn er es nicht spürt, sollte er sein nächstes fünfzigjähriges Nachdenken tunlichst dem Begriff Republik zuwenden. Hier könnten sich nämlich - was völlig legitim wäre - doch gewisse Unterschiede in den Auffassungen der Herren Tucholsky und Schulz ergeben.

Letzterer sieht beispielshalber im berühmten "Soldaten sind Mörder"-Zitat schlicht gedacht, aber immerhin ebenso formuliert, ein "Symptom geistigen Schwachsinns" und befindet sodann höchstrichterlich: "Erstaunlich nur, daß sich damals und heute (! - D.K.) für eine so krasse Beleidigung fast sträflich (! - D.K.) milde Richter fanden." "Wie wenig um Paragraphengerechtigkeit bemühte Richter den natürlichen Geboten von Takt und Moral Genüge tun", empfindet Herr Schulz in diesem Zusammenhang als "manchmal qualvoll"; und er quält sich vermutlich aus zwei Gründen.

Erstens: Herr Schulz kapiert nicht, daß die Gerichte beider Republiken keineswegs nur ein bißchen Milde walten ließen (die hätte sich allenfalls in der Höhe des Strafmaßes manifestieren können), sondern daß sich der gesetzlich gebotene Freispruch - für unseren begnadeten Justizkritiker ein wenig unverständlich - einfach an den geltenden Gesetzen orientierte, am Recht statt wie sonst schon mal öfter üblich an rechts.

Zweitens - und das ist weniger verzeihlich als die vom Autor nebenher offenbarte Unschärfe des Denkens in juristisch-logischen Kategorien: Herr Schulz schreit schon wieder mal nach einem starken Staat. Das alte Lied: Kaum besinnt sich ein deutsches Gericht auf ein wenig liberalere Rechtsgrundsätze, schon tobt die Meute auf den politischen Zuschauerbänken. Je nach Standort abgestuft von "erstaunlich", "zu milde" über "unverständlich", "sträflich" bis "verbrecherisch".

Die Nazis, damals noch nicht an der Macht, forderten zu Tucholskys Zeiten sogar Prügel- und Todesstrafe für Verunglimpfung des Militärs (und später haben sie dies dann auch praktiziert). "Sträflich milde" findet Herr Schulz die Richter nur, und man weiß nicht, zu welcher Strafe er Tucholsky gern verurteilt gesehen hätte. Zu der, die der Pazifist (und damit laut Geißler Auschwitz-Ermöglicher) Ossietzky erdulden mußte? Oder zu den drei Jahren Knast, die strafmaßgebende national gesinnte Kreise heute als Sühne für allzu krasse Kritik am deutschen Militär demnächst durchzudrücken versuchen?

Hier läßt Herr Schulz die tagespolitische Katze aus dem vorgeblich historischen Sack: Er betont bei seinen Überlegungen über sträfliche Milde ausdrücklich: damals "und heute". Da hat er dann auch seinen Teil dazu beigetragen, ohne sich das selber einzugestehen, die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts und ein weiteres Stückchen Liberalität des Grundgesetzes förmlich kaputt- und den autoritären Staat näher herbeizuschreiben.

Ich werde nicht fünfzig Jahre über Herrn Schulz nachdenken; und hoffentlich werde ich dies als Kriegsgegner und Satiriker nicht dereinst mal drei Jahre lang tun müssen. Klaus-Peter Schulzí Buch scheint mir außerordentlich aufschlußreich. Schon die wenigen hier aufgeführten Zitate belegen dies. Nur der Titel "Wer war Tucholsky?" ist ein wenig irreführend. Deutlicher wäre wohl: "Wer ist Schulz?" --- Das rechte Buch zur rechten Zeit.

Dietrich Kittner

 

aus:
die horen.
Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik
42.Jahrgang, II/97, S. 239-241 

Nachschrift am nächsten Morgen
nach Lektüre der Tucholsky-Blätter

Ach, jetzt schäme ich mich nach Kräften meiner obigen unzeitgemäßen Polemik, die ich fast den Tucholsky-Blättern als Eingesandt zugänglich gemacht hätte.

Beziehe ich doch behufs Weiterbildung auf dem Gebiet der Satire und Stilkunde dieses entschieden demokratische Organ. Zum Glück habe ich dann aber darin doch noch rechtzeitig eine "Rezension" (so stand es jedenfalls ausdrücklich darüber) gefunden, die mich Wirrkopf so richtig auf den Pott gesetzt hat. Folglich widerrufe ich mein obiges Pamphlet, denn ich habe gelernt: wenn einer aber auch fünfzig Jahre nachgedacht hat, muß er eines "grundgescheiten Buches" von erheblichem Wert entbinden. Egal welche Verquastheit drin steht, es handelt sich um "wohlabgewogene Kritik", und der Autor macht sich erneut verdient, um was auch immer.

Und die Rezension war natürlich auch gutgemeint; das zeigt schon die korrekte Kapitelaufzählung und die liebe kleine nicht wertmindernde Eitelkeitsanmerkung bzgl. Ursprungs der Vokabel Totalitarismus. Deswegen werden die Kernpunkte "wohlabgewogen" und "grundgescheit" und auch das mit dem erneuten Verdienst sicher bald in der Verlagswerbung stehen (und somit verbindlich werden).

Was allerdings wohl erschwerend hinzukommen wird: unter dem stolzen Quellenhinweis "Tucholsky-Blätter". Und das kann später dann leider gegen diese verwendet werden.

Muschanich, nööch?

Man sollte möglicherweise dem Tucholsky aber auch zugute halten, daß er in seiner Gehässigkeit vielleicht gar nicht gemerkt hat, wie er die Republik kaputtgeschrieben hat. Denn Tucho als solcher war halt eben nicht so grundgescheit wie der Herr Schulz und hatte sich vor allem wohl auch nicht so wohlabgewogen um die Tucholsky-Forschung und -daption verdient gemacht.

 

Dietrich Kittner

WWW-Erstveröffentlichung: 13.04.1998