tucholsky-blätter
Home
Text-Archiv
Workshop
Bücher
Rezensionen
Die Autoren
Impressum

 

Hans-Detlef Mebes (Schwetzingen)

FREIMAURERISCHE  BEZÜGE
IN TUCHOLSKYS TEXTEN UND  BRIEFEN.

Einführungsteil  1

 “Reicht die Bruderhand
als schönste aller Gaben
übern Graben,
Leute übern Graben - !”

Theobald Tiger, 20.11.1926

Vorbemerkungen

Die Suche nach freimaurerischen Bezügen in Tucholskys Gesamtwerk erfährt mit der elektronischen Speicherung seiner Texte und Briefe in der Forschungsstelle Kurt Tucholsky, Fachbereich 3 der Universität Oldenburg, eine wesentliche Erleichterung. Weil sich dort auf einer Computer-Festplatte alle bislang wiederaufgefundenen und gesammelten KT-Schriften befinden, ginge der Erfolg einer Suchabfrage über denjenigen aus der seit zwei Jahren käuflichen CD-ROM Kurt Tucholsky. Werke - Briefe - Materialien, Nummer 15 in der Reihe “Digitale Bibliothek” der DIRECTMEDIA Publishing GmbH, Berlin 1998, erheblich hinaus (Die handelsübliche digitale Werkausgabe umfaßt sämtliche Texte der von M. Gerold-Tucholsky und F.J. Raddatz 1975 herausgegebenen zehnbändigen Edition der Gesammelten Werke, der beiden Ergänzungsbände Deutsches Tempo (1985) und Republik wider Willen (1989), die von R. Links zusammengestellte Auswahl von Briefen (1983) und die Q-Tage-bücher 19131935 (1978) sowie die (für die vorliegende Arbeit irrelevante) rororo-Monographie von M. Hepp (1998); s. a. Rezension in: TB 22 [Dez. 1999], 30-33.). Ungeachtet dessen muß der Bearbeiter für eine Recherche zum freimaurerischen Logenwesen in beiden Datenträgern mit Stichwörtern und ihren Ableitungen aus dem freimaurerisch relevanten Begriffsinventar operieren. Also beispielsweise “Freimaurer”, “Bruder”, “Loge”, “Lehrling”, “Geselle”, “Meister”, “Grad” etc. eingeben, diese wahlweise mit frei erstellten Wörtern ergänzen, sie ggf. mit den zwei Operatoren UND oder ODER verknüpfen, und der Rechner antwortet ihm mit Tucholsky-Textstellen von vergleichsweise hoher Trefferquote. Für eine schreibweisentolerante und erweiterte Recherche optimiert werden kann die Textstellensuche   meist sollen mehrere Varianten oder Ergänzungen eines Begriffs erfaßt werden durch ein oder zwei Sternchen, durch Fragezeichen und/oder durch das Zeichen ^ als Platzhalter. So findet etwa "+br?der+" alle Text- und Briefstellen, die “Bundesbruder”, “Bundesbrüder” oder “Brüderlichkeit” usf. mitenthalten. Dies zumindest im Falle der CD-ROM-Edition.

Ergebnisse (1)

Der Verfasser stellte sich dieser Aufgabe zunächst anhand dieser CD  hierfür neben den oben aufgelisteten mit noch weiteren sachbezogenen Stichwörtern aus dem freimaurerischen Begriffsinventar  erstmals im Juli 1999. Dabei fiel die Suche bei einer unerwartet hohen Trefferquote mit mehreren nennenswerten Nebenresultaten aus:

Zum einen waren für den eigentlichen Bedeutungszusammenhang der Aufgabenstellung aus den Funden solche Texte zu eliminieren, in denen Tucholsky Wörter, wie beispielsweise “Bruder” oder “Loge” etc., vordergründig (!) in nicht-freimaurerischem Sinne verwandt hatte (Es muß hier jedoch erneut an mögliche Zweideutigkeiten in den schriftlich überlieferten Äußerungen Tucholskys, an dessen virtuose Anspielungskunst erinnert werden: Nichts ungeprüft nur vordergründig auslegen; in jedem Absatz einen Schlüssel vermuten!

(vgl. H.-D. M. in: TB 15 [Oktober 1995], 38-45).). Für das Stichwort “Loge” sei hierzu einmal auf vier Stellen im Pyrenäenbuch aus der Beschreibung eines Stierkampfes hingewiesen: a) “Stille. Tusch! Der ,Präsident‘ hat seine Loge betreten”   b) “[...] nun tritt er an die Brüstung seiner Loge, die im Rang liegt, [...]” -  c) “ [...] sie knien vor der Präsidentenloge nieder, [...]” d) “Aus. Gruß an die Loge, grauer Zylinder, Hüteschwenken, Bravo, Hoch und Dank”. Es handelt sich um Textpassagen , die sich im Sinne der übergeordneten Fragestellung als vordergründig (!) irrelevant erweisen, sieht man einmal von möglichen, nicht von vornherein auszuschließenden Anspielungen aus der Praxis des freimaurerischen Logenwesens ab.

 Zum anderen ließen sich bei der Überprüfung der Textergebnisse mehrere Dutzend weitere Wörter herausfiltern, die sich beiläufig als recht gebrauchsfähige Suchbegriffe mit guten Erfolgsaussichten für eine Abfrage zum freimaurerischen Logenwesen eigneten, darunter Verben, Zahlen sowie Orts- und Familiennamen. Deren Textergebnisse   darin gelegentlich auch ihre französischsprachigen Analogons  ergaben wiederum einen als Suchbegriffe definier- und verwertbaren erweiterten Wörterfundus. So etwa bei der Eingabe von “Lourdes” einen “Doktor Vachet aus Paris” (im o.g. Pyrenäenbuch). Vachet, der in noch keinem Personenregister der bis zum Frühjahr 1998 veröffentlichten Text- und Brief-Editionen erwähnt worden war (Erst für die Bearbeitung von  Band 9: Texte 1927  der Kurt-Tucholsky-Gesamtausgabe, erschienen in Reinbek im März 1998, kamen die Herausgeber überein, Tucholskys Hinweis “Doktor Vachet aus Paris” nachzugehen und ermittelten, wenn auch ohne Verbindung zum Thema Freimaurerei, dessen Aufklärungsschrift mit “Lourdes et ses mystères, ou le secret des guérisons miraculeuses”, Paris 1924 (s. Kommentarteil, S. 817 oben für Zeile 3635); darüber hinaus sein Geburtsjahr mit 1892 und den Vornamen.), trat bei mindestens zwei Vorträgen Tucholskys in Paris als Korreferent auf. Weil es sich bei beiden Veranstaltungen um “Lourdes”-Themen handelte und Dr. Pierre Vachet sich ihnen im Rahmen von Logenzirkeln aus medizinischer Sicht annahm (s. Abbildungen nebst zugehörigen Erläuterungen), eignet sich sein Familienname ebenfalls wie “Lourdes” als freimaurerischer Begriff für weitere Suchoperationen im Sinne der übergeordneten Aufgabenstellung.

Dieses Beispiel verdeutlicht, daß einem “Freimaurerisches” im Gesamtwerk Tucholskys an unerwartet häufigeren Textstellen verteilt begegnen kann, sobald nicht allein mit direkten, sondern auch mit indirekten Stichwörtern gesucht wird. Voraussetzung für eine zu erstellende Wörterliste ist allerdings die fundierte Fach- und Sachkenntnis; in diesem Falle auch des freimaurerischen Logenwesens im Paris der zehner bis dreißiger Jahre. Demgemäß erweist sich eine Recherche mit dem in beiden Vortrags-Anzeigen erwähnten zweiten Korreferenten, Lallemand, einem Pariser Logenbruder Tucholskys und Professor für Philosophie (Die archivalischen Beweisstücke aus Paris zur Vita Masonica Tucholsky, darunter das vollständige Originalprotokoll (kopiert) seines Logenvortrags am 13.2.1925 mit dem Titel “LA CARRIERE DE VOTRE FILS  SOLDAT INCONNU” und mehrere weitere Protokollauszüge, sodann Dutzende von Anzeigen aus dem freimaurerischen Bulletin Hebdomadaire [...], außerdem Vortrags- und Gedenknachweise befinden sich in einem 67-Seiten-Band mit dem Titel Kurt Tucholsky 19241935. Dokumente aus dem Leben eines Freimaurers, den Verf. im Jahre 1986 Frau Mary Gerold-Tucholsky anläßlich ihres 88.Geburtstages am 28.November überreicht hat, sowie in einer vorläufig Ende 1987 abgeschlossenen, bislang unveröffentlichten 158-Seiten-Arbeit mit demselben Titel.

Verf. verweist im übrigen auf seine Originalaufsätze in Humanität 11.Jg. [1985], H. 7, S. 1, 3 u. 8-17, und in TB 3.Jg. [1992], H. 2, 15-21.), außerdem mit dem Namen Moch (für Gaston und seinen Sohn Jules; s.u.) sowie mit Basch und Buisson als sinnvoll (Victor Basch und Ferdinand Buisson waren entgegen der Darstellung in einer 1997 abgeschlossenen Dissertation keine Logenmitglieder, wurden jedoch dann und wann als Referenten zu Vorträgen in französische Freimaurerlogen eingeladen.).

Weiter ergab sich als drittes Nebenergebnis die wichtige Einsicht, daß die mittels Suchwort gefundene(n) Trefferzeile(n)  abgesehen vom freimaurerischen Suchwort selbst  gelegentlich weniger freimaurerischen Gehalt aufweist bzw. aufweisen als manche Passagen in ihrem weiteren Umfeld desselben Gesamttextes. Hieraus folgt für den Bearbeiter die unmittelbare Notwendigkeit, das vollständige Textumfeld auch anderer Zeilenfunde zu überprüfen, den Gesamttext mithin auf interessierende Bezüge als Ganzes durchzulesen. Und seien diese Bezüge vom Autor Tucholsky lediglich als Anspielungen präsentiert worden. Als ein Ergebnis-Beispiel dieser Art kann nach der Eingabe von “Lux”, gedacht als Suchwort aus dem freimaurerischen Namens-Repertoire, Peter Panters Beitrag “Die Laternenanzünder” betrachtet werden: eine für den freimaurerisch Eingeweihten und Kenner der Berliner Logenszene der zehner und zwanziger Jahre allzu offensichtliche, obendrein wenig konstruktive Anspielung Tucholskys in der Weltbühne Nr. 16 vom 21.4.1925, S. 593 (Vgl. GW 4 [1925], 97-100.): - Dr. phil. Heinrich Lux, geboren am 13.8.1863 im oberschlesischen Tarnowitz, promoviert in Basel, war Elektro-Ingenieur, hatte sich mit zahlreichen Publikationen sowie beratend in Berlin auf die Licht- und Beleuchtungstechnik spezialisiert, gehörte seit dem 22.März 1915 Tucholskys Mutterloge “Zur Morgenröte” an, wirkte darin seit dem Maurerjahr 1917/18 eine Dekade lang maßgeblich in ihrem Beamtenrat, unter anderem auch als ihr Stuhlmeister, und hatte noch am 26.März 1925 in seiner Eigenschaft als Deputierter Großmeister des Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne, wenige Wochen bevor Siegfried Jacobsohn “Die Laternenanzünder” abdrucken ließ, für seinen Freimaurer-Gesellen Kurt Tucholsky wegen dessen Annahmewunsches in der Loge “l’Effort” ein wohlwollendes Empfehlungsschreiben verfaßt und an den Pariser Grand Orient de France gesandt (Der Wortlaut des Lux-Briefes kann auf der Seite 12, linke Spalte, der o.g. Originalarbeit des Verf. im Sept.-/Oktoberheft 7 [1985] der Humanität nachgelesen werden. 

Die freimaurerische Deutung des Panter-Textes muß hier aus Platzgründen entfallen.

Sie wird später in einem geeigneteren Rahmen nachgeholt.).

Nun zum vierten und vorletzten Nebenergebnis: Es zeigte sich, daß Textfunde Identifizierungschancen für nicht explizit genannte Personen aus Tucholskys freimaurerischem Umfeld eröffnen. Zum Beispiel in seinem Brief an George Grosz, geschrieben in “Paris XVI, 5 Avenue du Colonel Bonnet” und datiert “5-9-27”. Die betreffenden Zeilen lauten: “Der Kerl, der es geschrieben hat, ist so eine Art Monistenpastor, Freimaurer, furchtbar freigeistig [...] und sowas hat dicke Auflagen und viele Anhänger.” Tucholskys vorangegangener Satz “Über das Ebertbuch werden Sie ja inzwischen gelacht haben” (Frau Gisela Enzmann-Kraiker, Forschungsstelle Kurt Tucholsky, danke ich sehr für den vollständigen, noch unveröffentlichten und unkommentierten KT-Autographen an Grosz nach ihrer eigens für den Verf. angestellten Recherche in der o.g. Oldenburger Datenbank (briefl. am 23.3.2000).), läßt keinen Zweifel, daß er Pastor Emil Felden, St. Martini in Bremen, als Verfasser und dessen Buch Eines Menschen Weg. Ein Fritz-Ebert-Roman, Friesen-Verlag, Bremen 1927” meinte.  Emil Felden, geboren am 7.5.1874 in Montigny bei Metz, gestorben am 4.12.1959 in Bremen, war im Juli 1914 in die Hamburger FZAS-Loge “Hansa” aufgenommen worden, wurde am 9.2.1917 als Mitbegründer der eben konstituierten FZAS-Loge “Bremer Roland zur Freiheit” zum Beigeordneten Stuhlmeister gewählt und trat anderthalb Jahre später, am 27.10.1918, als Gründungs- und Doppelmitglied der zweiten Hamburger FZAS-Bauhütte, der Loge “Menschentum”, bei. Während der NS-Zeit wurde er von der Gestapo verfolgt. Der deutschen Reformfreimaurerei blieb der monistisch-freigeistig geprägte Felden auch nach dem Zweiten Weltkrieg treu und schloß sich der neugegründeten Hamburger FZAS-Loge “Frieden und Freiheit zur aufgehenden Sonne” an (Eine Vita Masonica Emil Felden ist seitens des Verf. in Arbeit. Darin werden auch die Umstände der 1921 beschlossenen Übernahme der Zeitschrift Es werde Licht! Blätter für Humanität, Freiheit und Fortschritt  bei “Oldenburg & Co., Verlag Berlin SW. 48, Wilhelmstr. 9”   Ernst Oldenburg war FZAS-Mitglied! -  als ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Freimaurer-Periodikum mit dem Bruder Felden als verantwortlichem Schriftleiter dargestellt.). Profilieren konnte er sich von Anfang an durch seine gegen den Konservatismus gerichteten Predigten, durch Vorträge in der außerkirchlichen Öffentlichkeit sowie durch Redaktions-arbeit und selbständige wie unselbständige Publikationen, so daß er Anfang der Zwanziger auch einmal als SPD-Reichstagsabgeordneter fungierte

Zu einigen herausragenden Aspekten seiner Biographie ist zu empfehlen:

Helmut Donat:  Emil Felden - Ein Leben für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit.  S. 109-114 in: Donat, H. u. A. Röpcke (Hrsg. i. A. des Staatsarchivs Bremen): “Nieder die Waffen die Hände gereicht!” Friedensbewegung in Bremen 18981958. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Bremen 1989.). Neben dem “Ebertbuch” gehören zu seinen selbständigen Veröffentlichungen bis 1927 unter anderem folgende elf Werke: Der Quellenhof. Ein Worpswede-Roman; Königskinder. Briefe aus schwerer Trennungszeit einer Ehe, 28. Aufl.; Das Haus am Weserstrande. Geschautes und Erlebtes, 6.Aufl.; Menschen von morgen. Ein Roman aus zukünftigen Tagen, 16.Aufl.; Sieghafte Menschen. Roman in zwei Büchern, 9. Aufl.; Die Sünde wider das Volk. Roman, 15. Aufl.; Albert Reinkings Höhenflug. Roman, 4. Aufl.; Der Mann mit dem harten Herzen. Märchen und Geschichten für Groß und Klein, 6. Aufl.; Alles oder Nichts. Betrachtungen über Ibsens Schauspiele, 8. Aufl.; Im Kampf um Frieden. Ein Buch für freie Menschen, 4. Aufl.; sowie Im Strom von Zeit und Ewigkeit. Ein Buch der Andacht für freie Menschen, 4. Auflage. Bücher also, die  wie Kurt Tucholsky treffend bemerkte - “dicke Auflagen” erreichten.

Abschließend das wichtigste Nebenergebnis: Die Anzahl der in etlichen Briefen und Texten Tucholskys qua spezifischer und weniger spezifischer Suchwörter nachweisbaren freimaurerischen Bezüge wird noch übertroffen durch Funde in solchen seiner Schriften, die weder die spezifischen noch die weniger spezifischen Begriffe enthalten. Ein Beispiel ist bereits früher genannt worden (Hans-Detlef Mebes: “ ,Très Cher Vénérable Maître‘. Vier kommentierte Masonica-Autographen und ein Vortragsbeleg”. In: TB 22 [Dez. 1999], 22.). Dort formulierte Verf.: “Denn wie eng er sich an Themen zu halten pflegte, die in den Logen erörtert wurden, belegt als ein Beispiel von mehreren der Aufsatz “Paris” in der Weltbühne vom 22.5.24". - Kurt Tucholsky hatte sich hierin nach fünfwöchigem Aufenthalt über das teure Leben in Paris ein-schließlich der hohen Mietkosten geäußert. Die folgende Abbildungs-Collage zum GODF-Jahresthema 1923/24 “Vie Chère / Logement”, hier am Beispiel von sechs zufällig ausgewählten Pariser Bauhütten zwischen dem 18.1. und dem 17.6.1924, belegt seine Bindung an das freimaurerische Logenwesen sehr deutlich. In der Bauhütte “l’Effort” wurde das Thema bereits am 10.März und in der Bauhütte “Les Zélés Philanthropes” erst am 13.Juni behandelt. Tucholsky wird demnach in den ca. fünf, sechs Wochen seit seiner Ankunft in der französischen Hauptstadt bei einer weiteren Loge zu Gast gewesen sein.

Als weiteres Beispiel in dieser Kategorie von Nebenergebnissen kann Tucholskys Brief aus der Pariser Avenue de Mozart 89 an seine Verlobte Mary Gerold in Berlin genannt werden, in welchem er die Notierung des Datums vergaß (oder bewußt wegließ?). Es handelt sich um seinen Brief “Nr. 14”, für den 1982 der Herausgeber (Fritz J. Raddatz (Hrsg.): Kurt Tucholsky. Unser ungelebtes Leben. Briefe an Mary. Reinbek bei Hamburg 1982, S. 354-356.) aufgrund Tucholskys mit “5-5-24” datierten, vorangegangenen Brief “Nr. 13” und seines mit “14.5.24” datierten Briefes “Nr. 17” zumindest schon einmal “Mai 1924” ermitteln und sicher festlegen konnte. In diesem Brief “Nr. 14” schreibt Tucholsky seiner Verlobten im fünften Absatz: “Gestern abend den Vortrag eines französischen Ingenieurs gehört, der in Rußland war.” Er charakterisiert dann weiter den Referenten sowie dessen Äußerungen auf eine Art und Weise, als könnte er seine Erkenntnisse aus einer freimaurerischen Veranstaltung gewonnen haben.    

Die Überprüfung des Bulletin Hebdomadaire des Loges de la Région Parisienne relevant du Grand Orient de France et de la Grande Loge de France, 41. année, Nr. 457 vom 4.5.1924 mit Voranzeigen diverser Logen für die Zeit bis zum 11.Mai, ergab dann auch ein die Arbeitshypothese bestätigendes Resultat, nämlich in Form einer Annonce (s. Abb.):

Angezeigt wird eine Veranstaltung der GLDF-Loge “Lalande” und ihres Stuhlmeisters Gaston Moch mit dem Vortragstitel “Deux mois à Moscou par M[onsieur] Jules Moch, ancien ingénieur de la Marine” (Jules Moch (15.3.1893 Paris - 2.8.1985 Grasse) war der Sohn des Gründers dieser Loge, Gaston Moch (1859-1935), selbst jedoch kein Freimaurer. Im Zweiten Weltkrieg hatte er sich der Widerstandsbewegung angeschlossen, bekleidete danach mehrmals Ministerämter für die französischen Sozialisten und gehörte zwischen 1951 und 1961 als ständiger französischer Vertreter zur Abrüstungskommission der UNO. Kurt Tucholsky erwähnt Gaston Moch z.B. in “Rudolf Herzog - ein deutscher Mann” (I.W. in: WB 39, 462 vom 25.9.1924); den anderen in “Der Dicke in Rußland” (I. W. in: WB 4, 132 vom 26.1.1926).) für Dienstag, den 6.Mai 1924, in der Pariser Rue Puteaux 4bis. Weil es sich hierbei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den von Tucholsky brieflich erwähnten “Vortrag eines französischen Ingenieurs” handelt, kann daraus folgerichtig das präzise Datum seines Schreibens “Nr. 14” rekonstruiert werden, und zwar mit 7.5.1924, einem Mittwoch. Zugleich läßt sich mit diesem Ergebnis der Name “Moch” als weiteres freimaurerisches Suchwort i.w.S. definieren.

Als Konsequenz aus den Erkenntnissen beider Beispiele folgt: Bestimmte thematische Bezüge lassen sich durch computergestützte Recherchen allein ganz und gar nicht ermitteln. Der Bearbeiter muß im Gegenteil erstens die Text- und Briefanalyse qua Satz-für-Satz-Lektüre von Tucholskys Gesamtwerk erledigen. Und er sollte zweitens - wenigstens für freimaurerisch relevante Fragestellungen - einen Abgleich mit den Berliner und Pariser Logenarchivalien vornehmen, beispielsweise die Jahrgänge des o.g. Bulletin Hebdomadaire [...] durchsehen (Verf. überprüfte alle Jahrgänge des B. H. zwischen 1907, dem Gründungsjahr des deutschen Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne, und 1939, dem Jahr des Kriegsbeginns, und kopierte alle für die deutsch-französischen freimaurerischen Beziehungen brauchbaren Nachrichten und Hinweise daraus (Publ. in Arbeit). Insbesondere für die Zeit ab April 1924 wurde das B. H. auf Mitteilungen durchgesehen, die einen direkten oder indirekten Bezug zu Tucholskys Logenaktivitäten ergaben.

  S. 17 in: Hepp, M.: Kurt Tucholsky Gesamtausgabe. Marginalien. (Zusammengestellt von Michael Hepp und als Privatdruck veröffentlicht aus Anlaß des Beginns der Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Kurt Tucholsky.) 143 S., Reinbek b. Hamburg 1996.). Und weil nach dem 1995/96 erstellten “Editionsplan” der Forschungsstelle Kurt Tucholsky die letzten Bände (15 und 22) der Oldenburger Gesamtausgabe, nämlich “Texte 1932/33” mit “Texte aus dem Nachlaß” sowie das “Register”, erst für das Jahr 2003 angekündigt wurden (S. 17 in: Hepp, M.: Kurt Tucholsky Gesamtausgabe. Marginalien. (Zusammengestellt von Michael Hepp und als Privatdruck veröffentlicht aus Anlaß des Beginns der Gesamtausgabe der Werke und Briefe von Kurt Tucholsky.) 143 S., Reinbek b. Hamburg 1996.), können fundierte und abschließende Textanalysen jedweder Fragestellungen frühestens für die Zeit danach erwartet werden.

Ergebnisse (2)

Ein Abgleich von Tucholsky-Texten und -Briefen mit Berliner und Pariser Logenarchiv- und Logenbibliotheks-Dokumenten (und vice versa) bedeutet, eine bestimmte Auswahl dort vorhandener freimaurerischer Schriften zunächst als Material mit Quellencharakter zu bestimmen. Bezüglich Berlin, wo Kurt Tucholsky 1924 in der Loge “Zur Morgenröte” als Freimaurerlehrling aufgenommen und zum Freimaurergesellen befördert worden war (Hans-Detlef Mebes: “Die Loge ‚Zur Morgenröte‘. Reform-Freimaurerei im Wilhelminischen Berlin [Teil 1]: Kurt Tucholsky zum 75.Freimaurerjubiläum. In: Der Bär von Berlin. Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins  48 [1999], S. 63-82.), gehören dazu sämtliche Mitgliederlisten (auch anderer Bauhütten) sowie die öffentlichen und vor allem nicht-öffentlichen Schriften und Periodika des Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne (Zwischen 1933 und 1945 ging der allergrößte Teil der Überlieferung des FZAS entweder durch Konfiszierung seitens der Gestapo oder durch Kriegseinwirkungen verloren. Was sich nach 1945 bis heute noch auffinden ließ  - darunter Unikate - , ist kopiert oder im Original als umfassendste FZAS-Sammlung überhaupt im Besitz des Autors.). Bezüglich Paris, wo er sich 1925 in den GODF-Logen “Les Zélés Philanthropes” und “l’Effort” affiliieren ließ und zum Meister (LZP) erhoben wurde, gehören dazu die Akten, die Protokoll- und die Anwesenheitsbücher dieser zwei und einiger weiterer Logen des Grand Orient de France sowie ausgewählter Bauhütten der Grande Loge de France. Im übrigen als außerordentlich bedeutsame Quellen die Namens-Karteikarten von Mitgliedern des GODF und der GLDF sowie das schon erwähnte, seinerzeit nicht-öffentliche Bulletin Hebdomadaire [...] mit Annoncen zu öffentlichen, halb-öffentlichen oder nicht-öffentlichen Logenveranstaltungen, die größtenteils Klarnamen enthalten (Auch in französischen Logenarchiven und -bibliotheken gingen während der Vichy-Zeit 1940-1944 Dokumente, zum Teil gar durch Selbstvernichtung im Auftrage der betreffenden freimaurerischen Großkörperschaften, vollständig oder teilweise verloren (oder wurden als “Fonds Maçonnique” z.B. in der Pariser Bibliothèque Nationale deponiert). Was sich insbesondere bezüglich der deutschen, bis 1933 im GODF und der GLDF affiliierten Mitglieder an Akten, Karteikarten, Protokoll-, Anwesenheitsbücher- sowie B. H. -Erwähnungen auffinden ließ, ist seit 1985/87 qua Kopien als umfassendste biographische Masonica-Sammlung dieser Art ebenfalls im Besitz des Autors (H.-D. Mebes: “Kurt Tucholsky 1924 - 1935. Dokumente aus dem Leben eines Freimaurers. 158 Seiten. Unveröffentlichtes Typoskript. Schwetzingen: Dezember 1987. - Dokumente zu weiteren Brüder Freimaurern, darunter z.B. Walter Arthur Berendsohn, ehemals Hamburg, oder Emil Julius Gumbel, ehemals Heidelberg, als Loseblatt-Sammlung).).

Tucholsky-relevante Inhalte finden sich hauptsächlich in den Pariser Dokumenten. Und soweit es die hier vorgegebene Thematik freimaurerischer Bezüge in seinem Gesamtwerk betrifft, vor allem in den Inhalten der aus dem Bulletin Hebdomadaire [...] entnommenen Veranstaltungsanzeigen, die sich zum Teil mit den in der GODF-Karteikarte “TUCHOLSKY Kurt - journaliste, Redacteur à la Vossischer Zeitung” [sic] (Die beige-farbene Karteikarte mit der Größe 16 x 20,5 cm² trägt auf den Vorder- und Rückseiten maschinen- und handschriftliche Vermerke, wie Logenzugehörigkeiten, freimaurerische Lebensdaten und Logenaktivitäten (Vorträge mit Datumsangabe etc.). Als Korrespondenzanschrift auf der Vorderseite oben eingetragen ist maschinenschriftlich: “Florohfgasse 9 à ZURICH (Suisse)” [sic], auf der Rückseite unten per Hand nachgetragen die Adresse in Le Vésinet. Als Deckungsdatum “Sortie le 31/12/1936 - Motif: Décédé.” Weil manche Vermerke Unrichtiges enthalten  - z.B. sein Erhebungsdatum in den Meistergrad mit “4.12.1926” (anstatt richtig: 11.12.1925) -  muß auch der restliche Karteikarteninhalt als nicht durch und durch zuverlässig angesehen werden.) decken. Diese B.H.-Annoncen-inhalte, über die mittels neu erschlossener Suchwörter der Abgleich auf Inhalte seiner Texte und Briefe vorgenommen werden kann, betreffen in erster Linie Vortragstitel, in zweiter Linie  - abgesehen von seinem eigenen -  Familiennamen wie etwa H. v. Gerlach, Lallemand, G. und  J. Moch, P. Frhr. v. Schoenaich, Vachet und weitere (Paul Freiherr von Schoenaich wurde - wie Kurt Tucholsky -  ebenfalls im Frühjahr 1924 in eine FZAS-Loge aufgenommen, und zwar in die Loge “Im Obertriterland” in Ludwigslust, Mecklenburg (Publ. in Vorb.). Hellmut von Gerlach gehörte keiner Loge an, folgte jedoch des öfteren Einladungen zu Vorträgen sowohl von französischen wie Schweizer Freimaurern.). In dritter Linie auch die Namen der Logen, aufgrund derer eine spezifische Aktendurchsicht auf mögliche Tucholsky-Korrespondenz oder Tucholsky betreffende Aktennotizen erfolgte; in einem Falle gar mit positivem Ergebnis (Publ. in Vorb.).

Als vorläufiger Abschluß in diesem Einführungsteil 1 bietet es sich an, nunmehr die ermittelten Vortragstitel mit ihren zugehörigen -daten aufzulisten:

Sa

17.05.1924

L. “Lalande” (GLDF):

“Les Echanges d’Enfants entre familles allemandes et françaises.” (s. Hans-Detlef Mebes: “ ‚Très Cher Vénérable Maître‘. Vier kommentierte Masonica-Autographen und ein Vortragsbeleg.” In: TB 22 [1999], 21; s. a. Anm. 11.)

 

 

 

Fr

13.02.1925

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF):

“La Carrière de votre fils - soldat inconnu.” (s. Hans-Detlef-Mebes: “Kurt Tucholsky 1924 - 1935. Ein zweites Leben im geheimen?”

In: Humanität. Zeitschrift für Gesellschaft, Kultur und Geistesleben. Jg. 11 [1985], H. 7,

S. 11 f. - Das komplette Vortragsprotokoll ist seit dem Sommer 1985 als Kopie im Besitz

d. Verf. und überdies in dem in Anm. 4 genannten Band enthalten, der Frau M. Tucholsky überreicht worden ist.)

 

 

 

Di

03.03.1925

L. “La Fraternité des Peuples” (GODF):

“France-Allemagne, Le nécessaire rapprochement.”

 

 

 

So

29.03.1925

L. “Le Libre Examen” (Fem. Adoptions-L.) en collaboration avec le groupe “Fraternité-Réconciliation” (GLDF/GODF):

“La Jeunesse actuelle en Allemagne.”

 

 

 

So

05.04.1925

L. “Marie Bonnevial” (DH Nr. 4):

“Que veut l’Allemagne?”

 

 

 

Do

08.04.1925

L: “Raspail” (DH Nr. 750):

“La Carrière de votre fils - soldat inconnu.”

 

 

 

Di

14.04.1925

L. “l’Amitié” (GODF):

“La Jeunesse Allemande.”

 

 

 

Di

12.05.1925

L. “l’Amitié” (GODF):

“La Jeunesse Allemande.” (Wiederholung.)

 

 

 

Di

19.05.1925

L. “Acacia” (GLDF):

“La situation en Allemagne par rapport à la France.”

 

 

 

Di

28.07.1925

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF):

Rede über die Visagebühren und Visaanträge
für die deutschen delegierten Brüder Freimaurer
des FZAS anläßlich der Internationalen Friedenskonferenz Anfang September in Paris.

 

 

 

Fr

31.07.1925

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF):

Abgabe des Manuskripts zur Rede vom 28.7.1925

 

 

 

Sa

12.12.1925

L. “La Fraternité des Peuples” (GODF) en collaboration avec le groupe “Fraternité-Réconciliation” (GLDF/GODF):

“Le Rapprochement Intellectuel Franco-Allemand.”

 

 

 

So

21.02.1926

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF) en collaboration avec la L. “Louise-Michel”

(DH Nr. 786):

“Lourdes - point de vue psychologique, physiologique et philosophique.” (zusammen mit Dr.Vachet und dem Br. Lallemand; vgl. Abb.)

Mi

31.03.1926

L. “Victor-Hugo” (GODF):

“Le Rapprochement Franco-Allemand.” (Als Korreferent.)

 

 

 

Fr

23.04.1926

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF):

Debatte über die “Vereinigten Staaten von Europa, Kriegsdienstverweigerung, Gewissenskonflikte, chemische Kriegführung”.

 

 

 

Sa

15.05.1926

L. “Anatole France” (DH Nr. 790):

“L'Ame de l’Allemagne; l’Allemagne que nous devons aimer.”

 

 

 

Sa

15.05.1926 (!)

20:30 Uhr

L. “Les Amis Bienfaisants” (GODF):

“Lourdes et ses Mystères.” (Als Korreferent zus. mit Dr.Vachet und dem Br. Lallemand; vgl. Abb.)

 

 

 

Di

01.06.1926

L. “Acacia” (GLDF):

“Le Vrai et le Faux Pacifisme.”

 

 

 

Sa

26.02.1927

L. “La Clémente Amitié ” (GODF), L. “La Frater-nité des Peuples” (GODF), Groupe “Fraternité-Réconciliation” (GLDF/GODF):

“Les Conditions du Rapprochement Franco-Allemand.” (Vortrag in einer Gemeinschaftsarbeit dreier Logen.)

 

 

 

Do

05.01.1928

L. “l’Action Socialiste” (GODF):

“Vers les Etats-Unis d’Europe et le Rapprochement Franco-Allemand.” (Korreferent zusammen mit dem Br. Lebey.)

 

 

 

Sa

19.05.1928

L. “Les Zélés Philanthropes” (GODF):

Bericht über sein Treffen mit Poincaré. (Verlegt vom Donnerstag, d. 17.5.1929.)

 

 

 

Mo

10.12.1928

L. “l’Effort” (GODF):

“La Méthode Allemande. Esprit allemand. - Constitution. - ‚l’Organisation‘.”

Di

12.03.1929

L. “Menschentum” (FZAS; Hamburg):

“Freimaurerei in Frankreich.” Das neue Freimaurertum. Zeitschrift des Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne. >

Jg. 2 [1929], H. 5, S. 179; nach einer Mitteilung des Großmeisters aus dessen Reisebericht. Ort und Datum von Tucholskys Hamburger Vortrag hatte Verf. Herrn M. Hepp, Oldenburg, bereits am 1.2.1992 übermittelt (s. S. 558 in: Michael Hepp: Kurt Tucholsky. Biographische Annäherungen. Reinbek bei Hamburg 1993).)

Schlußbemerkung:

Die vorliegende Referatsliste gibt zusammen mit den vorhandenen Logenanzeigen oder protokollarischen Notizen (Nach dem 21.12.1935 wurde Kurt Tucholsky als Freimaurer in den Pariser Logenprotokollen und B. H.-Anzeigen namentlich noch siebenmal bis Mitte 1938 erwähnt. Darüber hinaus in zwei Mitgliederverzeichnissen bis 1937 und in einem (im Auftrage deutscher Besatzungsbehörden) aus der Zeit 1940 - 1944. - In der mutmaßlich von katholischer Seite herausgegebenen 64-seitigen Broschüre von VERAX (Pseud.): La Presse aux Ordres de la F[ranc] M[açonnerie]. Paris [1938] ist er im übrigen folgendermaßen verzeichnet: “Kurt Tucholsky, ancien directeur de la ‚Weltbuehne‘, de Berlin, membre de l’Association Frat[ernelle] des Journalistes” (S. 53).) für die fünf Jahre 4/1924 bis 5/1929 erstmals zusammenhängend und umfassend Auskunft darüber, zu welchen Zeitpunkten Kurt Tucholsky sich in welchen Logenhäusern in Paris (und in Hamburg) a u c h  aufgehalten hat, so daß sich die von diversen Autoren erstellten “Zeittafeln” hier und da beiläufig ergänzen lassen. - Eine spezifischere Erörterung dieser Ergebnisse wird in einem der folgenden Teile 2ff. dieser Arbeit vorgenommen.

 

Danksagung

Über alle Maßen hinaus gilt mein sehr herzlicher Dank François Rognon, Paris.

 

 

 

*  *  *