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Hans-Detlef Mebes (Schwetzingen)

Tucholskys Pariser Freimaurer-Korrespondenz

Teil 1: Die G.O.d.F.-Loge “l'Effort”

“Deshalb sind Briefe so viel wert,weil sie das Unmittelbare des Daseins aufbewahren.”

Johann Wolfgang von Goethe

Kurt Tucholsky, der am Montag abend des 24.März 1924 im zweiten Stock eines Hinterhauses der Wilhelmstraße 118, Berlin-Mitte, in die Loge “Zur Morgenröte” des “Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne” (FZAS) aufgenommen und dort am Montag, dem 8.September desselben Jahres, zum Freimaurergesellen befördert worden war, gehörte in Paris durch Affiliierung (Beitritt) im Jahre 1925 zwei Logen des FZAS-befreundeten Grand Orient de France (GOdF) an: Seit dem 16.Juni der Loge “Les Zélés Philanthropes” in der avenue de Suffren 94 (Anschrift seit 1927: rue de Froidevaux 63) und seit dem 23.Juni der Loge “l'Effort” in der rue Cadet Nr. 16. Die letztgenannte hatte Tucholsky  - seit drei Wochen Freimaurerlehrling - das erste Mal am 14.April 1924 besucht, zu einer Zeit also, da er als Gast noch im ca. 700 Meter südwestlich gelegenen Hôtel de Gramont residierte. In der anderen Loge, wie die avenue Mozart im Südwesten der Stadt und in knapp 25 Minuten zu Fuß zu erreichen, wurde er am Freitag abend des 11.Dezember 1925 zum Meister erhoben. Briefkontakte zwischen ihm und seinen französischen Brüdern oder vice versa gab es daher über beide Logen: von Seiten Tucholskys in der Anfangszeit bis etwa Mitte 1929 zum Beispiel als Affiliierungsgesuche, als Entschuldigungsschreiben oder als Mitteilungen der Ortsveränderung. Danach - in den Dreißigern - etwa bezüglich der Zusendung freimaurerischer Unterlagen oder im Zusammenhang mit Jahresbeiträgen.

Analoge Kontakte gab es Mitte der Zwanziger außerdem über das Freimaurer-Komitee “Fraternité-Réconciliation”, das sich der deutsch-französischen Verständigung sowohl über Logen des Grand Orient als auch solchen der zweiten freimaurerischen Großkörperschaft, der Grande Loge de France, verschrieben hatte. Mit der einen oder anderen korrespondierte nicht nur Tucholsky, sondern auch der FZAS-Bruder Paul Eugen von Hoverbeck alias General Freiherr von Schoenaich, Mitglied einer Loge in Ludwigslust. Der Anlaß: ein Vortrag Tucholskys mit Begrüßungsworten von Schoenaichs in einer sogenannten “tenue blanche”, einer Zusammenkunft, bei der auch Nichtfreimaurer zugelassen waren.  ·

In der vorliegenden Arbeit werden nur ausgewählte “l'Effort”-Daten und -Nachlaßteile präsentiert. Tucholsky-Dokumente und -Daten der GOdF-Loge “Les Zélés Philanthropes” folgen im Teil 2 dieses Beitrags. Ihre ausführlichere Besprechung im Sinne der freimaurerisch-pazifistischen Programmatik des FZAS einerseits sowie des GOdF und der GLdF andererseits erfolgt im Gesamtrahmen der Masonica-Monographie Kurt Tucholskys (und Carl von Ossietzkys) für die Zeit 1918 bis 1938 ein wenig später. 

1. Jahresdaten

      15.12.1910 Gründungsbeschluß der Pariser Loge “l'Effort”. (Ihre Konstituierung als “Lichteinbringung” im Grand Orient de France erfolgte im Jahre 1911.)

      1923/24 ff.: Logenheim: rue Cadet 16 im 9.Pariser Bezirk.

       Stuhlmeister: Br .·. Adrien Juvanon, Administrateur en chef des Colonies.

      14.04.1924: Tucholskys erster Besuch der Loge “l'Effort” als Freimaurerlehrling seiner Berliner FZAS-Mutterloge “Zur Morgenröte”. Eigenhändiger Namenseintrag auf der Besucherseite im Anwesenheitsbuch der Loge.

      16.06.1924: Weiterer Logenbesuch Tucholskys mit eigenhändigem Namenseintrag als “Besuchender Bruder”.

      23.03.1925 Anfrage des Generalsekretärs des Obersten Rates des GOdF, rue Cadet 16, an Tucholskys Berliner Mutterloge FZAS, ob sie Einsprüche gegen eine Affiliierung (Doppelmitgliedschaft) Tucholskys in Paris geltend macht.

      26.03.1925: Briefliches Gutachten aus Berlin (gez. Br .·. H. Lux, Stuhlmeister von Tucholskys Mutterloge) an den GodF über den Br .·. Tucholsky aufgrund der GOdF-Anfrage vom 23.März.

      08.04.1925: 14-Zeilen-Brief des Brs .·. Tucholsky aus der avenue Mozart an den Stuhlmeister, Br .·. Adrien Juvanon, der ihn ermuntert hatte, einen “faux pas” richtigzustellen. Tucholsky macht deutlich, daß er bei der Loge “l'Effort” affiliieren möchte und bittet ihn um seine Unterstützung. Er stellt klar, daß er bezüglich seiner Mitgliedsbeiträge in Berlin auf dem laufenden ist und daß er auch hier alle Beiträge bezahlen wird. Dem Brief fügt er einen Sonderdruck von sich bei.

      13.05.1925: Französische Übersetzung des Berliner FZAS-Gutachtens mit einer handschriftlich befürwortenden Stellungnahme des GOdF-Freundschaftsbürgen zum FZAS, des Brs .·. Adrien Juvanon, über den Br .·. Kurt Tucholsky als seinen persönlichen Freund.

      13.05.1925: Brief des GOdF-Generalsekretärs an die GOdF-Loge “l'Effort” (i.Hs.), wonach der FZAS das Affiliierungsgesuch Tucholskys in Paris gutheißt und ihn als wertvollen Br .·. empfiehlt.

      ??.06.1925:  Brief des Stuhlmeisters, Br .·. Juvanon, an den Br .·. Tucholsky mit der neuen Anschrift in Le Vésinet, in welchem er ihn über dessen (geplante) Affiliierung benachrichtigt. Der Brief ist nicht erhalten.

      13.06.1925: 14-Zeilen Brief des Brs .·. Tucholsky an Br .·. Juvanon, in dem er sich für die Benachrichtigung bedankt und sich auf die Betätigung “unserer gemeinsamen Sache” freut. T. erklärt zugleich, daß er am 22. (!) Juni bereit sein wird, mit allen “l'Effort”-Brrn .·. über die gegenwärtige Situation in Deutschland und über “unsere (FZAS-)Arbeit” zu referieren.

      23.06.1925: Affiliierung des Freimaurergesellen Tucholsky in die Loge “l'Effort”. Eintragung des neuen Mitglieds in die Logenmatrikel unter der Nummer 112 mit Tucholskys Anschrift in Le Vésinet. (Zweite Pariser Doppelmitgliedschaft.)

      05.07.1925: Affiliierungsmeldung der Loge an das GOdF-Generalsekretariat, den Br .·. Kurt Tucholsky betreffend.

      06.07.1925: Logenbesuch Tucholskys mit eigenhändigem Namenseintrag auf der Mitgliederseite des “livre de présence”.

      09.07.1925: Schriftliche Empfangsbestätigung der Affiliierungsmeldung der Loge “l'Effort” durch das Generalsekretariat des Obersten Rates des GOdF.

      03.10.1925: Briefliche Entschuldigung Tucholskys aus Foix (östl. Pyrenäen) an den Stuhlmeister seiner Pariser Loge “l'Effort”, Br .·. Adrien Juvanon. In dem französisch formulierten 14-zeiligen Schreiben kündigt Tucholsky seine Rückkehr nach Paris um den 20.Oktober und die dann folgende, ca. vier Wochen dauernde Vorbereitung eines kleinen Pyrenäenbuches für einen deutschen Verleger an. Außerdem eine ihn sehr beschäftigende Frage über Lourdes, die er mit allen Brrn .·. zu erörtern hofft.

      2.Hj. 1925: Tucholsky erhält die “Carte d’Identité Maçonnique” zusammen mit zwei Quartalsbeitragsmarken für die Zeit Juli-Dezember 1925 ausgehändigt.

      11.01.1926: Affiliierung der FZAS-Brr .·. Prof. Dr. Walter A. Berendsohn, Hamburg (Nr. 117), Dr. Max Berg, Hildesheim (Nr. 118), Robert Bley, Mannheim (Nr. 116) sowie Dr. Heinrich Lux, Berlin (Nr. 119). Letzterer aus Tucholskys Berliner Loge mit dem neuen Namen “Rudolph Penzig Zur Morgenröte”. – Die FZAS-Brr .·. Fritz Hauck, Mannheim (Nr. 97) und Ernst Voigt, Hamburg (Nr. 103) hatten sich bereits vor Mitte 1925 in dieser Loge affiliieren lassen.

      08.02.1926: Logenbesuch Tucholskys mit eigenhändigem Namenseintrag im “livre de présence”.

      16.04.1928: Logenbesuch Tucholskys mit eigenhändigem Namenseintrag im “livre de présence”.

      16.10.1928: Für den Br .·. Tucholsky ausgestellter Quittungsabschnitt Nr. 191 der Loge “l'Effort” des GOdF mit vier für 1928 gültigen Jahresbeitragsmarken.

      12.11.1928: Logenbesuch Tucholskys mit eigenhändigem Namenseintrag im “livre de présence”.

      10.12.1928: Für diesen Tag in der Loge “l’Effort” Vortragsankündigung “La Methode Allemande. Esprit allemand – Constitution. »L‘Organisation« par notre T[rès] C[her] F[rère] Tucholsky, Directeur de la Tribune du Monde de Berlin.” – Vortrag vor 35 Logenmitgliedern und neun Besuchenden Brüdern Freimaurer.

      11.02.1933: Brief  Tucholskys aus Zürich an Br .·. Dominique Nizzola, Sekretär bzw. Schatzmeister der Loge “l’Effort”, mit der Bitte um eine “Carte d’Identité”, um die Lehrlings-, Gesellen- und Meisterkatechismen sowie um schweizerische Logenanschriften. (Die Suche nach Tucholskys Brief blieb bislang erfolglos. Sein Inhalt geht nur aus dem nachfolgend genannten Antwortschreiben hervor.)

      12.03.1933: Antwortbrief des Stuhlmeisters der Loge “l’Effort”, Br .·. Josef Fritsch, mit Bezug auf das an D. Nizzola gerichtete Schreiben vom 11.Februar. Der nennt Tucholsky in Genf und Zürich drei Logenanschriften, in Zürich zwei Bruderadressen und in Bern die Anschrift der Kanzlei der Schweizerischen Großloge “Alpina”.

      01.03.1935 Brief des Beamtenratmitglieds der Loge “l’Effort”, D. Nizzola, rue Eugène Fournière 2, Paris 18, an Tucholsky. Darin bittet er ihn im Postskriptum um den Jahresbeitrag für 1934.

      06.04.1935: Weiterer Brief von D. Nizzola an Tucholsky, hauptsächlich die Zahlungsregelung für seinen Jahresbeitrag 1934 betreffend.

      25.04.1935: Erneuter Brief von D. Nizzola, hauptsächlich zur Eingangsbestätigung von Tucholskys Zahlungsanweisung mit anliegenden Jahresbeitragsmarken für 1934.

      25.10.1937: Logenprotokoll-Auszug, worin am Ende das Programm für die Arbeit am 8.November festgelegt wird. Unter anderem heißt es darin wörtlich: “Batt[érie] de deuil à la mémoire de nos F[rères] Dorfmann et Tuscholscky [so!] partis à l’O[rient] E[st]”. – Sowie: A la demande de notre F[rère] Martinet une B[attèrie] de deuil sera tirée à la mémoire du F[rère] Massaryck. Prés[ident] de la Republique tchéco-slovaque.”

       Übersetzung: Freimaurerische Trauerbezeugung zur Erinnerung an unsere Brüder Dorfmann und Tucholsky, die in den Ewigen Osten eingegangen sind. – Auf Wunsch unseres Bruders Martinet wird zur Erinnerung an den Bruder Masaryk, Präsident der Tschechoslowakischen Republik, eine Trauerbezeugung auf Maurerart vorgenommen.

      08.11.1937: Ankündigung der Tempelarbeit der Loge “l’Effort” u.a. mit der Einsetzung des neuen Beamtenrats, dem protokollarisch festgelegten freimaurerischen Gedenken an die Brüder Tucholsky und Masaryk sowie einem abschließenden Brudermahl.

      1937: Im Jahrbuch der Loge “für 1937” ist im alphabetischen Mitgliederverzeichnis der deutsche Bruder noch folgendermaßen aufgeführt: “112. TUCHOLSKY, Kurt (M), Journaliste, 7, Florohfgasse [so!], à Zurich (Suisse).” – (M) bedeutet hierin “Maître” gleich “Meistergrad”.

       Abbildungstext

      Eigenhändige Anwesenheitseinträge des Brs .·. Tucholsky im “livre de présence” seiner Affiliationsloge “l’Effort” in der Pariser rue Cadet 16 in den Jahren 1924 bis 1928. – Mit “Levant Soleil” bezeichnet Tucholsky seine deutsche Mutter-Obedienz, den “Freimaurerbund Zur Aufgehenden Sonne”.

      Abbildungstext

      Tucholskys “Carte d’Identité Maçonnique” seiner Pariser Loge “l’Effort”. Die linken zwei Reihen Beitragsmarken tragen die Stempelaufdrucke “1928” und “1930”. Auf der rechten Ausweisseite links ist die Jahreszahl “34” jeweils handschriftlich aufgetragen worden. In der äußersten rechten Spalte fehlen Jahreseinträge ganz. Beitragsmarken für die Jahre 1929 sowie 1931 bis 1933 enthält der Logenpaß nicht.

      Abbildungstext

      Quittungsabschnitt mit Erhalt von vier Quartalsmarken für die Begleichung von Tucholskys Jahresbeitrag 1928; datiert 16.Oktober 1928 und unterschrieben vom Trésorier der Loge,

      Br .·. Jérôme Carlos.

       

  • 2. Dokumente: Drei Brieftexte
  • a) 18-Zeilen-Brief des Beamtenratmitglieds Dominique Nizzola der Loge “l’Effort” aus der rue Eugène Fournière Nr. 2 in Paris 18 an Kurt Tucholsky; datiert 1.März 1935.
  • b) 21-Zeilen-Brief von D.Nizzola an Kurt Tucholsky; datiert 6.April 1935.
  • c) Zweiseitiger 34-Zeilen-Brief von D. Nizzola, entweder als Sekretär oder als Kassenwart der Pariser GOdF-Loge, an Kurt Tucholsky; datiert 25.April 1935.
  • Den 6.April 1935
  • Mein lieber Freund,
  • anbei werden Sie den auf die Pariser “Crédit Lyonnais” [-Bank] ausgestellten Scheck über einhundert Francs finden, der weder durch das Postscheckamt in Paris noch bei der Zentralkasse der “Crédit Lyonnais” [-Bank] eingelöst werden konnte, [und zwar] aus folgendem Grunde: falsch ausgefüllt, kein Empfängername. Demzufolge sehe ich keinen anderen als den Auftraggeber selbst, der [diese Angelegenheit] regeln könnte. So bitte ich Sie, mir eine internationale Postscheckanweisung auf das Postscheckkonto [No.] 267.79 Paris, Herrn D. Nizzola, 2 rue Eug[ène] Fournière auszustellen. (Entscheidung der Loge.) Was Ihren geschätzten Brief angeht, so bin ich durchaus der gleichen Ansicht, und ich hoffe, daß uns zukünftige Ereignisse nicht allzu recht geben. Ich denke, daß sich Ihre Gesundheit angesichts des kommenden schönen Wetters bessert und daß ich trotz allem die Freude haben werde, Sie hier in Paris zu sehen, denn das, was droht, erscheint mir so schlimm und furchtbar, daß ich [im Grunde doch] nicht an einen solchen Rückschritt der denkenden Menschheit glaube; es wäre zum Verzweifeln und wir würden leben wie die Wilden.
  • Mit freundlichen und brüderlichen Grüßen, trotz allem
  • ..? .·. DNizzola
  • Den 25. April 1935
  • Mein sehr lieber Bruder Tucholsky,
  • endlich kann ich Ihnen den Empfang des zugunsten der “Crédit Lyonnais” [-Bank] ausgestellten Schecks der Skandinavischen Bank bestätigen.
  • Beim Postscheckamt zur Überweisung auf mein Konto abgegeben. Eröffnet für die Erfordernisse des Schatzmeisters der Loge.
  • Ich habe 12 Tage gewartet, bevor diese Formalität geregelt wurde; deswegen frage ich Sie, ob es Ihnen in Zukunft nicht möglich wäre, die Zusendung per internationaler Postanweisung mit folgender Anmerkung auf das Pariser Postscheckamt vorzunehmen:
  • Überweisung auf das Postscheckkonto 267.79 Paris Herrn D. Nizzola 2 rue Eug[ène] Fournière; das würde alles vereinfachen und [bürokratische] Schritte vermeiden [helfen].
  • Nun, mein lieber Freund, was denken Sie über die Geschehnisse? Sie laufen ein wenig konfus ab; die jungen Leute  - selbst sie -  sind aus dem Gleichgewicht; die Menschen und die Dinge sind wie die Natur; und die Vulkane tragen dazu bei; alles [ist] in Aufruhr.
  • Na ja! So schnell werden wir den gesicherten Frieden nicht erleben.
  • Anbei werden Sie die 4 Beitragsmarken für 1934 finden.
  • Mit freundlichen und brdl. Grüßen
  • Ihr ergebener DNizzola