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Gunther Nickel (Stuttgart) und Renke Siems (Freiburg):
Tucholskys publizistische Strategie
in einer fragmentierten Öffentlichkeit

Zum Neufund eines frühen Tucholsky-Textes

I. Vorbemerkung

Tucholsky verkaufte seine Texte häufig mehreren Publikationsorganen. Aus Briefen an Mary Gerold ist bekannt, daß er mit der professionellen Vermarktung seiner Artikel schließlich die Agentur "14 Federn" beauftragt hat. Die unten annoncierten Dubletten sind für diese Mehrfachverwertung Beispiele; sie ergänzen die Tucholsky-Bibliographie von Antje Bonitz und Thomas Wirtz. (Antje Bonitz/Thomas Wirtz: Kurt Tucholsky. Ein Verzeichnis seiner Schriften. Marbach 1991)

Der im folgenden dokumentierte Artikel "Aus den Tagen von Sedan", am 7. Januar 1912 im Prager Tagblatt veröffentlicht, scheint auf den ersten Blick nur der Erstdruck eines Textes zu sein, der bislang lediglich als Vorwärts -Veröffentlichung vom 9. Januar 1912 bekannt war. (Vgl. GW E2, 1912, 21-23) Tatsächlich handelt es sich jedoch trotz gleicher Überschrift und gleichen Gegenstandes &shyp; eines Romans von Camille Lemonnier &shyp; um zwei völlig eigenständige Texte.

Da Tucholsky auch schon zu dieser Zeit denselben Artikel in verschiedenen Publikationsorganen unterzubringen vermochte, entfällt die zunächst naheliegende Vermutung, daß er als Newcomer genötigt war, jedem Blatt Originalbeiträge zu liefern (wie etwa Siegfried Jacobsohn an Zeitungen, für die er neben der Schaubühne bzw. Weltbühne Kritiken schrieb, zunächst keine arbeitssparenden Varianten oder gar Dubletten sandte (Vgl. dazu die demnächst erscheinende kommentierte Jacobsohn-Bibliographie in: Gunther Nickel: Siegfried Jacobsohns Die Schaubühne/Die Weltbühne und ihr ästhetisches Programm. Opladen 1996). Die aufwendige Doppelbearbeitung dieser Rezension &shyp; die ja fast eine Eigenwerbung darstellt: Lemonniers Roman ist von Tucholskys Freund Kurt Szafranski ausgestattet worden und erschien im Verlag von Axel Juncker, der im selben Jahr Rheinsberg herausbrachte &shyp; ist also anders begründet.

Durch die Ausdifferenzierung der spätkapitalistischen Gesellschaft ist schon zu Vorkriegszeiten ihr öffentlicher Ausdruck stark fragmentiert: Die gesellschaftlichen Antagonismen lassen in Verbund mit dem massenmedialen Aufschwung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker gesellschaftliche Gruppen auf den publizistischen Markt drängen, die von der Idee der bürgerlichen Öffentlichkeit ausgeschlossen gewesen waren. Hierdurch wird die Vorstellung einer volonté générale endgültig ideologisch; an deren Stelle tritt eine Medienlandschaft, die in vielfältige und kaum durchlässige Teilbereiche zerfällt &shyp; der Abonnent der Kreuz-Zeitung wirft keinen Blick in den Vorwärts, ebenso liegen bei der Leserschaft des Türmers und der Sozialistischen Monatshefte wohl kaum nennenswerte Überschneidungen vor. Peter Panter reflektiert diese Situation später in "Die Inseln" (GW 7, 1929, 118-123) und kann dabei aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, denn Tucholskys publizistisches Profil ist gekennzeichnet durch eine phänomenale und oft kritisierte Anschlußfähigkeit an verschiedenste Diskursfelder: Er schreibt gleichzeitig im Vorwärts und in der Schaubühne, im Pieron und in der Freiheit, in der Dame und in der AIZ.

Die Mechanismen solcher Fähigkeit zum Überspringen von Diskursschranken lassen sich nun bei "Aus den Tagen von Sedan" en miniature beobachten. Bei den Dubletten liegen ja durchweg recht verwandte Diskursfelder vor, am deutlichsten in einem Fall wie "Schildkröte Kamilla", denn Frankfurter Zeitung und Prager Tagblatt sind beides bürgerlich-demokratische, assimiliert-jüdische Blätter. Dagegen stehen sich hier das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie und eben ein bürgerliches Blatt aus der K.u.K.-Monarchie gegenüber, weshalb die Romanrezension aus schreibstrategischen Gründen in zwei differente Texte zerfällt.

Zunächst ist unmittelbar einsichtig, daß Tucholsky in einem auslandsdeutschen Blatt das von Lemonnier behandelte Thema des deutsch-französischen Krieges anders angeht als in Deutschland selbst. Dies hat eine charakteristische Folge: Im Prager Tagblatt wird der ästhetische Wert des Buches uneingeschränkt herausgestellt. Der einzige Tadel fällt auf eine von Tucholsky so gesehene künstlerische Inkonsequenz, dem Einbruch des Ethischen am Romanende. Dieser Blick auf das Artistische blendet damit alle Problemlagen aus, die sich dem Vorwärts-Schreiber stellen. Dieser attestiert dem Buch zwar ebenso einen künstlerischen Rang, auch einen daraus springenden Tendenzwert, wischt aber beides &shyp; "was nützt das alles" &shyp; resignativ vom Tisch. Es sei eben "nur" Kunst, und die eigentliche Wirksamkeit beginne jenseits davon in der praktischen Arbeit, dem Krieg den Krieg zu erklären. Im sozialdemokratischen Zentralorgan fließen daher auch die praktischen Bedürfnisse der nationalen Arbeiterbewegung in die Rezension ein, die man in einem bürgerlichen Auslandsblatt verständlicherweise vergeblich suchen wird.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund ist das gespannte Verhältnis der Arbeiterbewegung zum Pazifismus. Die Antikriegspropaganda der Arbeiterorganisationen ist in einer Kapitalismuskritik begründet und findet dort auch ihre Waffen &shyp; die Generalstreiksparole. Die sich stärker aus bürgerlichen Schichten rekrutierende damalige Friedensbewegung untermauerte ihren Pazifismus dagegen verstärkt aus ethischen Quellen. Diese Spannung spiegelt sich in den vorliegenden Texten in der scharfen Kritik an Bertha von Suttner im Vorwärts, die im Prager Tagblatt zurückgeschraubt wird.

Diese Zwiespältigkeit &shyp; Distanz zur Kunst im Vorwärts, Akzeptanz der Kunst im Prager Tagblatt &shyp; wird um so eigentümlicher, wenn man bedenkt, daß hierdurch in zwei Teile zerschnitten wird, was Tucholsky später in einem Konzept von Satire und Propaganda zusammenführt. Die im Prager Tagblatt gewürdigte ästhetische Leistung Lemonniers, das Abstraktum "Krieg" der Vorstellungskraft wieder aufgeschlossen zu haben, ist genau die Leistung, die Tucholsky 1925 in einem Brief an George Grosz vom kommunistischen Satireblatt Der Knüppel fordert:

    "Ich habe mir hier wieder eine Menge Assiette au beurre gekauft, und ich muß Ihnen schon sagen, daß dieses durchaus bürgerliche Witzblatt tausendmal frecher, witziger, schärfer und einprägsamer ist, als alles, was ich bei uns bisher gesehen habe. Warum? Weil die Leute instinktiv begriffen haben, daß eine begriffliche Satire überhaupt Quatsch ist. Um die Korruption der bürgerlichen Presse zu kennzeichnen, ist die Übertragung des rein literarischen Gedankens: Presse = Fusel absolut ungeeignet. Drei Reservoire mit den Aufschriften: Lüge, Haß und Verrat &shyp; das ist leer, Abstraktion, prägt sich nicht ein. Die Assiette au beurre hat immer begriffen, daß am meisten dasjenige Eindruck macht, was man mit den Sinnen wahrnehmen kann." (AB 1, 11.3.1925, 166 f.)

Das ist kein Einzelfall, denn bereits 1920 analysiert Ignaz Wrobel das politische Kino unter einem ähnlichen Blickwinkel (Vgl. GW E1, 1920, 168-172.) und noch 1930 kritisiert Peter Panter Wilhelm Stapel mit einer gedanklichen Variante der hier im Prager Tagblatt zitierten Erzählung "Das Eisenbahnunglück" Thomas Manns. (Vgl. GW E2, 1930, 401.)

Die Aufspaltung dieses Konzepts im vorliegenden Fall zeigt aber vielleicht auch einen inhaltlichen Zweifel an. Das Abstraktum "Krieg" ist beim Krieg 1870/71 auf der deutschen Seite ja nochmal abstraktifiziert, denn "Sedan" ist als Chiffre in das Nationalimago der Reichsgründung eingebettet (Vgl. dazu GW E2, 1912, 36 f. und GW E 2, 1913, 55).. Insofern ist es vielleicht nicht zufällig, daß ein Franzose diesen Roman geschrieben hat. Allerdings mag es so scheinen, daß Tucholsky ihm an ästhetischer Anerkennung zuviel zollt, daß vielmehr das Abstraktum des modernen Krieges sich für den persönlichen Erfahrungsschatz nicht mehr aufschließen läßt. Walter Benjamin beobachtet dies später rückblickend auf den Ersten Weltkrieg:

    "Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, daß die Leute verstummt aus dem Felde kamen? nicht reicher &shyp; ärmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre später in der Flut der Kriegsbücher ergossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkwürdig. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper." (Walter Benjamin: Der Erzähler. Betrachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. Gesammelte Schriften Band II.2, Frankfurt/M. 1990, 438-465, hier: 439).

Dieser Prozeß dehnt sich zunehmend auf die gesamte gesellschaftliche Realität aus und wird von Brechts Bemerkung aus dem Dreigroschenprozeß kommentiert: "Eine Fotografie der Kruppwerke oder der A.E.G. ergibt beinahe nichts über diese Institute. Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht." (Bertolt Brechts Dreigroschenbuch, Band 1. Frankfurt/M. 1973, 135.). Insofern ist die diskursiv begründete Aufspaltung dieser Rezension indirekt ein Spiegel für die Widersprüchlichkeit von Tucholskys Engagementkonzeptionen insgesamt, deren er mehrere immer wieder neu variiert, probiert und gegebenenfalls verwirft. (Vgl. dazu Renke Siems: Distinktion und Engagement. Kurt Tucholsky im Licht der "Feinen Unterschiede". Oldenburg 1995, 139-215.)

II. Bislang nicht bekannter Tucholsky-Text

Kurt Tucholsky: "Aus den Tagen von Sedan". In: Prager Tagblatt, 37. Jhg., Nr. 6 vom 7. Januar 1912, Morgen-Ausgabe, S. 24.

III. Bislang nicht bekannte Tucholsky-Nachdrucke zu Lebzeiten

Theobald Tiger: "Die Musik kommt". In: Prager Tagblatt, 38. Jhg., Nr. 280 vom 12.10.1913, Morgen-Ausgabe, S. 9 [= Bonitz/Wirtz, D173]

Kurt Tucholsky: "Die Schildkröte Kamilla oder Was soll das alles". In: Prager Tagblatt, 38. Jhg., Nr. 301, 2. November 1913, Morgen-Ausgabe, S. 9 [nicht in Bonitz/Wirtz; der Text ist jedoch seit Hans-Harald Müllers Rezension dieser Bibliographie im Rheinischen Merkur vom 1. Mai 1992 bekannt]

Kurt Tucholsky: "Die Massary". In: Prager Tagblatt, 38. Jhg., Nr. 332 vom 3.12.1913, Morgen-Ausgabe, S. 8 [= Bonitz/Wirtz, D198]

Kurt Tucholsky: "Pallenberg". In: Prager Tagblatt, 39. Jhg., Nr. 102 vom 15.4.1914, Morgen-Ausgabe, S. 7 [= Teildruck von Bonitz/Wirtz, D82)

IV. Dokumentation

Aus den Tagen von Sedan.
(
Roman von Camille Lemonnier, Verlag Axel Juncker, Berlin.
Umschlagzeichnung von Kurt Szafranski).

Bert[h]a von Suttner, die zu diesem Buch ein Vorwort geschrieben hat, hat ganz richtig erkannt, mit welchen Mitteln Lemonnier einen so großen Effekt auf den Leser ausübt. Sie schreibt:

    "Bazeilles . . . Sedan . . . Es ist eine alte, durch den Geschichtsunterricht eingeprägte Denkgewohnheit, solche Ortsnamen, an die sich eine Kriegserinnerung knüpft, eigentlich nicht mehr als Ortsnamen aufzufassen, sondern als die Symbolisierung großer Ereignisse und heftiger Gefühle von Ruhmesstolz oder Rachezorn. Man spreche das Wort Sedan aus und hunderttausend Deutsche sind dabei siegesfreudig &shyp; hunderttausend Franzosen schmerzlich grollend &shyp; bewegt, und die Schüler und Schülerinnen der ganzen Welt hören in den zwei Silben den historischen Klang."

    "Es entschwindet der Vorstellung", schreibt sie, "daß es ein Stückchen Erdboden ist, mit ein paar Häusern drauf, wo zwei unglückselige Häuflein Menschen einander zerfleischten . . ."


Aber das ist nicht nur mit Sedan so, sondern mit dem ganzen Begriff ["]der Krieg["]. Das Wort "der Krieg" ist ein geschlossenes Gefäß, das von Hand zu Hand gereicht wird, ohne daß einer den Deckel aufzumachen wagt. Wir haben alle auf der Schule die Worte "Schlacht", "Sieg", "Niederlage" niemals begriffen. Es hat wohl nur wenige unter uns gegeben, die sich diese Dinge jemals aus dem abstrakt gehaltenen Lehrbuch in eine Art Wirklichkeit übersetzten. Das nun hat Lemonnier getan: Er löste die großen Phrasen "Rückzugsschwenkungen", "Eilmärsche", "Divisionslager" in Bilder auf. Er arbeitete rückwärts, er analysierte, was chauvinistische Schwadroneure synthetisch zusammengefaßt hatten. Man kann den Krieg nicht grausamer bekämpfen, als indem man in kleinen, faßbaren Bildern zeigt, wie er auf den Einzelnen gewirkt hat. "Die Truppen verwüsteten das Land". Das ist nichts, darunter kann man sich nichts vorstellen. Selbst die Worte "Trümmerhaufen", "Feuersbrunst", "Schutt", "rauchende Ruinen" sind Schlagworte geworden, die ein bildhaftes Denken nicht mehr aufkommen lassen. Das vermeidet Lemonnier auch. Aber wie rührend ist es, wenn einer sagt: "Nein, wenn man bedenkt, meine Herren, daß Bazeilles vor kaum einem Monat noch ein hübsches kleines Oertchen war, wohin man am Sonntag von Sedan aus spazieren ging, wir Sedaner, wir kannten es alle." Wir Sedaner &shyp; wir haben nie gewußt, daß es so etwas gibt, langsam fangen wir an[,] uns die Wirkungen eines solchen Eingriffs wie des Krieges in kleine bürgerliche Verhältnisse, in unser Leben, vorzustellen.

Und so folgt Bild auf Bild in diesem Buch, ich will sie nicht aufzählen, man lese sie selbst, mit fast übermenschlicher Kraft hat Lemonnier, der Franzose, sein Urteil unterdrückt. Der Künstler Lemonnier hätte es ganz und gar tun sollen (und nicht, wie am Schluß den Krieg vom ethischen Standpunkt aus verwerfen sollen.) Gerade diese Objektivität ist es, die das Buch so wertvoll macht, nur ein Künstler konnte die Dinge so nebeneinander sehen.

In welchem Gegensatz stehen hie[r]zu die deutschen Kriegsbücher aus der Zeit. Nichts gesehen, nichts erlebt &shyp; Thomas Mann sagt einmal: "Der Mann hatte kein Eisenbahnunglück, sondern den Zeitungsbericht über einen Eisenbahnunfall erlebt." So sind diese Bücher.

Dieses Buch aber hält die Mitte zwischen der Suttner und Andrejew (Das rote Lachen). Die Suttner verdammt vom bürgerlichen Standpunkt aus den Krieg und läßt die papiernen Figuren ihrer Entrüstung Leitartikel reden: Sie hat zweifellos das Verdienst[,] den einzelnen Mann im Krieg zum ersten Male beobachtet zu haben. Der Russe bewertet den Krieg rein ethisch, aber mit einem so ungeheuren Pathos, mit einer so fabelhaften Kenntnis der Dinge, die er so nebenbei hinwirft, daß sogar seine banausischen Gewalthaber diesen Fackelwurf verspürten und ihn nach Sibirien schickten. Lemonnier hält die Mitte. Hier liegt einer der seltenen Fälle vor, in denen die Tendenz eines Buches (zum großen Teil) unbeabsichtigt aus den künstlerischen Absichten erwuchs.

      Kurt Tucholsky (Berlin).