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Viktor Otto (Berlin)

Mutmaßungen über "Rhedo"

In Heft 19 der Tucholsky-Blätter stellte Klaus Täubert beiläufig die Frage, ob es sich bei dem Weltbühne-Mitarbeiter, der sich hinter dem Pseudonym "Rhedo" verbarg, nicht vielleicht um Kurt Tucholsky handeln könnte(*1).

In den letzten Jahren ist wiederholt der Versuch unternommen worden, pseudonym in der Weltbühne erschienene Texte Tucholsky zuzuschreiben: Es wurde behauptet, daß der unter dem Nom de guerre "Hugo Grotius" operie-rende Verfasser der Artikelserie "Die Justiz" mit Tucholsky identisch sei. Doch ist es inzwischen gelungen, den wirklichen Autor zu eruieren.(*2)

Die vielen in der Weltbühne verwendeten und bisher nicht entschlüsselbaren Pseudonyme bereiten Spekulationen den Boden. Auch im Fall "Rhedo" beflü-geln fehlende Hinweise auf den Verfasser die Phantasie. "Rhedo" schrieb zwar nur zweimal für Die Weltbühne (*3), doch ist er im Konkurrenzblatt Das Tage-Buch regelmäßig vertreten.

Im zweiten Artikel für die Weltbühne, der im September 1932 erschien, kari-kiert "Rhedo" den fanatischen Patriotismus der Japaner. Zu Beginn des selben Jahres hatte er im Tage-Buch das Verhalten Japans im Mandschurei-Konflikt als barbarisch gegeißelt. "Rhedo" nahm dem mandschurischen Kriegsschau-platz die beruhigende Ferne, indem er das bestialische Verhalten zum ubiqui-tären Gesetz der Kriegskunst erhob:

"Wenn ein Mann von annähernd normalem Durchschnitt in eine Uniform ge-steckt, dressiert, mit Handgranaten und einem Dutzend Schlagworten verse-hen auf ein Schlachtfeld gebracht und dort gegen ähnlich präparierte Men-schen losgelassen wird, so benimmt er sich in der Regel wie ein Vieh." (*4)

Reichswehrminister Wilhelm Groener reagierte auf diesen ersten Absatz des "Rhedo"-Artikels mit einer Strafanzeige gegen den verantwortlichen Redakteur Kurt Reinhold, da er die Reichswehr beleidigt sah (*5). Erst wenige Monate zuvor hatte Groener gegen einen anderen Publizisten Strafantrag wegen Beleidigung des deutschen Militärs gestellt: Ossietzky als Herausgeber der Weltbühne er-hielt eine Vorladung, da er Tucholskys Artikel "Der bewachte Kriegsschau-platz" mit dem bis heute gerichtsnotorischen Satz "Soldaten sind Mörder" ver-öffentlicht hatte (*6). Zu einem Prozeß gegen Das Tage-Buch ist es wohl nie ge-kommen. In der Presse ist jedenfalls kein Hinweis auf ein gerichtliches Nach-spiel zu finden.

Für den Verfasser des pseudonym erschienenen Artikels sollte der Vorfall aber noch Jahrzehnte später als Beleg für demokratische Tugenden gelten: Der Arzt und Schriftsteller Friedrich Josef Hoder schrieb 1947 in seinem Antrag auf Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft:

"Neben meiner medizinischen praktischen und wissenschaftlichen Tätigkeit bin ich auch als belletristischer und politischer Schriftsteller hervorgetreten. Meine Romane sind im Verlag Henry Burmester, Bremen, erschienen. Ausserdem habe ich eine sehr grosse Anzahl politischer und unpolitischer Essays veröf-fentlicht. Ich war Mitarbeiter des ‘Sozialdemokrat’ und der ‘Tribüne’ Prag, des ‘Blauen Heftes’ unter Max Epstein, Berlin und Paris, des ‘Tagebuch’ unter Leopold Schwarzschild und der ‘Weltbühne’ unter Kurt Tucholsky und K. Ossietzki [sic] in Berlin. Alle diese Zeitschriften waren sozialistisch und demokratisch und von führendem Rang. Wegen eines im Tagebuch erschienenen Artikels unter dem Titel "Bei den anderen" wurde ich von dem damaligen Reichswehr- minister General Gröner [sic] wegen Beleidigung der Reichswehr unter Ankla-ge gestellt, ein Angriff, der seinerzeit in der liberalen Presse grosses Aufsehen erregte. Ich wurde ferner von der nationalen wie von der nationalsozialisti-schen Presse wiederholt auf das schärfste angegriffen und später wurde mein Pseudonym von der Gestapo gesucht. Ich arbeitete unter dem Decknamen ‘Rhedo’. Dank der Geheimhaltung seitens der verschiedenen Schriftleitungen wurde ich aber nicht gefasst (*7). Von meinen Büchern wurde ein Roman von der Nazizensur wegen amerikafreundlicher Tendenz verboten, die übrigen im Kriege wegen des gleichen Vorwurfs an der Neuauflage verhindert (*8). Sie er-schienen unter meinem richtigen Namen und unter dem Pseudonym Peter Hausen." (*9)

Die "amerikafreundliche Tendenz" bestand wohl hauptsächlich im Genre, das Hoder bediente: Er schrieb Kriminalromane ­ nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder unter dem als Pseudonym genutzten Anagramm "Rhedo". Hoders Einbürgerungsantrag hatte Erfolg: Er eröffnete in Klagenfurt eine Arztpraxis, und noch heute lebt sein Sohn in der gleichen Stadt.

Friedrich Josef Hoder alias "Rhedo" starb 1979 im hessischen Hünfeld (*10).

Fußnoten:

1)Vgl. Klaus Täubert: "Über Walter Kaul ­ und einen Brief Kurt Tucholskys". In: TB 19, 1997, 5.

2) Vgl. Antje Bonitz, Viktor Otto: "Zur Artikelserie ‘Die Justiz’ und ihrem Verfasser. ‘Kommissar Piesecke’ löst den Fall Hugo Grotius". In: TB 16, 1996, 20-24.

3) Rhedo: "Tunney und Aljechin". In: WB 40, 4.10.1927, 539f.; Rhedo: "Patriotismus". In: WB 38, 20.9.1932, 442.

4) Rhedo: "Bei den anderen". In: Das Tage-Buch 4, 23.1.1932, 153.

5) Vgl. u.a. "Tagebuch der Zeit". In: Das Tage-Buch 12, 19.3.1932, 427f.; "Antworten. Reichswehrminister Groener." In: WB 13, 29.3.1932, 499.

6) Vgl. hierzu Michael Hepp, Viktor Otto (Hrsg.): "Soldaten sind Mörder". Dokumentation einer Debatte 1931-1996. Berlin 1996.

7) Hoders Behauptung, von der Gestapo verfolgt worden zu sein, ist wohl eine leichte Übertreibung. Wenn man bedenkt, wie inkonsequent und zum Teil dilettantisch die Gestapo selbst gegen bekannte NS-Gegner wie Tucholsky vorging, ist die Suche nach einem nicht aufgelösten Pseudonym eher unwahrscheinlich.

8) In den Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums von 1938-1941 findet sich kein Eintrag zu Hoder, Rhedo oder Peter Hausen, was aber nicht heißen muß, daß Hoder bei der Publikation seiner Bücher nicht Schwierigkeiten mit den NS-Behörden hatte.

9) Friedrich Josef Hoder an die Landesregierung Kärnten, 1.2.1947, zitiert nach einer Kopie, die dem Verfasser vorliegt. Der brieflichen Vita ist ferner zu entnehmen: "Ich bin am 11.2.1900 in Schlackenwerth, Bezirk Karlsbad, Böhmen, damals Österreichisch Ungarische Monarchie, geboren, mein Vater war Staatsbeamter bei der K. u. k. Bezirkshauptmannschaft in Karlsbad. Ich bin verheiratet und Vater eines Kindes [zu diesem Zeitpunkt 10jährige Tochter].

Ich habe das Staatsrealgymnasium in Karlsbad und die Medizinische Fakultät der Deutschen Universität in Prag absolviert und an der letztgenannten Universität mein Doktordiplom erworben.

Ich war Assistent am Hygienischen Institut der Deutschen Universität in Prag, ferner an der Medizinischen Klinik in Prag, war weiterhin tätig an Deutschen Universitäten und habe mich schliesslich in Karlsbad als Balneologe und Kurarzt niedergelassen.

Ich bin Balneologe, daneben Bakteriologe und Hygieniker, habe eine grosse Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten in führenden fachwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht [...] und ausserdem mehrere wissenschaftliche Bücher geschrieben, die im Verlag Gustav Fischer, Jena, erschienen sind. [Es folgt eine Aufzählung von drei Titeln.] Alle diese Bücher sind in der Fachpresse glänzend besprochen worden.

In Karlsbad hatte ich eine bedeutende Kurpraxis und gehörte auf Grund meiner grossen Erfahrung zu den bekanntesten Ärzten."

Keine Erwähnung in der Vita findet Hoders Anstellung als wissenschaftliches Mitglied und kommissarischer Leiter des Hygienischen Instituts in Bremen von 1935 bis 1938 (vgl. Bescheinigung der Landesgesundheitsverwaltung Bremen vom 3.3.1949, gez. Dr. Greul, Präsident). Hoder verschwieg diese Anstellung in leitender Position, da er wohl negative Auswirkungen auf die Einbürgerungsentscheidung befürchtete. Zum einen blieb Hoder nur kommissarischer Leiter und wurde nicht ins Beamtenverhältnis überführt, da ihm eine unredliche Abrechnungspraxis nachgewiesen wurde (vgl. Oberverwaltungsinspektor Rolfes an den Präsidenten der Gesundheitsbehörde Dr. Stade, 5.2.1946), was selbst Reichs-innenminister Wilhelm Frick erzürnt haben soll (vgl. Staatliches Personalamt an den Senator für die innere Verwaltung Laue, 16.3.1936) ­ und was Hoder 1945 zu einer politisch motivierten Hetze gegen seine Person umzudeuten versuchte (vgl. Hoder an den Präsidenten des Landesarbeitsamtes Bremen G. Haider, 29.10.1945), zum andern erforderte eine so hohe Position auch politische Zuverlässigkeit: Hoder war nach 1933 Mitglied der NSDAP sowie Politischer Leiter (vgl. Der Regierende Bürgermeister an den Reichsstatthalter in Oldenburg und Bremen, 31.1.1936), um ­ wie er sich später recht hilflos zu rechtfertigen versuchte ­ der Aufforderung der Sozialistischen Parteien zu folgen und "soviel als möglich zersetzend gegen den Nazismus wirken zu können" (Hoder an Haider, a.a.O.). Da Hoder bereits ein Jahr später die österreichische Staatsbürgerschaft beantragte, ist davon auszugehen, daß ihm die angestrebte Bewilligung der Niederlassung als praktischer Arzt in Bremen nicht erteilt wurde. Wahrscheinlicher Grund für die anzunehmende Ablehnung waren wohl die früheren Unstimmigkeiten am Hygienischen Institut (vgl. Rolfes an Stade, a.a.O.). Erst nach dem gescheiterten Versuch in Bremen wird Hoder erwogen haben, aus Karlsbad, wo er nach Ende des Zweiten Weltkrieges weiterhin praktizierte, nach Klagenfurt zu gehen.

10)Für Hinweise bzw. die Überlassung von Dokumenten danke ich Michael Hepp, Franz Hoder sowie Dr. Asmus Nitschke vom Staatsarchiv Bremen.