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Jochen Reinert (Berlin)

Wo Tucholsky Mona Lisa lächeln ließ

"Und nächsten Sommer macht, wenn Gott ihm Gesundheit gibt, eine Reise nach Schweden, mit Malzen, wie?" (UL, 29.8.1928, 508). Die vorsichtige Anfrage in Kurt Tucholskys letztem Kivik-Brief von 1928 an seine Frau Mary war berechtigt: Tatsächlich zog er im Sommer darauf nach Schweden - aber mit Lottchen.

Über die verschiedenen Etappen der Flucht Kurt Tucholskys nach Norden wissen wir heute sehr viel mehr als noch vor zehn Jahren. Das gilt für seinen ersten Skandinavien-Aufenthalt 1927 im dänischen Mogenstrup Kro wie für den langen Sommer 1929 rings um Schloß Gripsholm und für seine letzten Jahre in Hindås. Doch über jene Sommerreise 1928 ins schonensche Kivik nahe Simrishamn war bisher wenig bekannt - wiewohl sich Tucholsky offenbar hier endgültig für Schweden entschied.

Die Quellenlage ist nicht eben üppig. Nur ein einziges Feuilleton, "Heimweh nach den großen Städten" (GW 6, 1928, 202-205), und einige wenige Bemerkungen in den Briefen an Mary lassen jene sechs Wochen an der schwedischen Ostsee in groben Umrissen erstehen: Am 20.Juli 1928 reiste er von Hamburg via Malmö nach "Kvasa Solbad, Kivik (Skone)". Und am 29.August teilte er Mary mit, er werde in zwei Tagen Kivik Richtung Hamburg verlassen. Der Absender "Kvasa Solbad" könnte bedeuten, daß er dort nach seiner Kur im Sanatorium Dresden-Loschwitz vor allem auf Besserung seiner Gesundheit aus war. Tatsächlich berichtet er von "[...] Phosphor, Fasten, Fruchtsalz [...]" (UL, 26.8.1928, 506).  Aber zumeist saß er an der Maschine, schrieb für Weltbühne, Vossische und AIZ, komponierte den Sammelband Das Lächeln der Mona Lisa. Obwohl er seinen Kolumbus-Roman nicht in den Griff bekam, war er's zufrieden: "Hier ist quantitativ enorm viel gekommen - [...]" (UL, 29.8.1928, 508), berichtete er Mary.

Wer heute in Kivik nach dem "Sonnenbad Kvasa" sucht, hat es schwer. Selbst Ortschronist Sten Andersson wußte damit zunächst nichts anzufangen. Doch ähnliches habe es in den 20ern schon gegeben, allerdings unter dem Namen "Kiviks luftbad". Beim Vergleich der verschiedenen Ortsangaben stellte sich heraus: Kein Zweifel, es handelt sich um das gleiche Projekt. "Das Sonnen- und Luftbad", heißt es in einem Werbeprospekt für das "Freiluftbad Kivik", "wird von Männern und Frauen, wenn sie einen Luftanzug anlegen, gemeinsam genossen, aber Frauen können dies auch - so gewünscht - ohne Bekleidung in einem für sie reservierten, abgeteilten Sonnengarten tun." Das Badeleben werde im übrigen "mit Gymnastik, Ballspielen, Singspielen und Volkstanz kombiniert."

Die im damaligen Schweden einzigartige Anstalt war 1923 von dem Freiluft-Enthusiasten A. Rosenberg aus Skara gegründet worden. Offenbar gab es auch Verbindungen zu ähnlichen Einrichtungen in Deutschland. In einem weiteren Werbeblatt aus dem von Sten Andersson aufgebauten Ortsarchiv z.B. ist "Alfred Bilz, Leiter des Freiluftbades und Sanatoriums Schloß Lössnitz, Dresden" als Modell in der für Kivik vorgeschriebenen Badekleidung abgebildet. Womöglich hat Tucholsky bei seinem Sanatoriumsaufenthalt in Dresden von der Kiviker Oase gehört ...

Von "Kiviks luftbad" ist indes nichts anderes erhalten geblieben als jene Werbeprospekte. Anderssons Koautor der Ortschronik Boken om Kivik , der Verleger Inge Gärsgård, hat sich ganz in der Nähe ein schmuckes Fachwerkhaus gebaut, kann aber das Freiluftbad auch nicht genau lokalisieren. Es hatte offenbar nur eine gering ausgebaute Infrastruktur. Der Werbeprospekt zeigt ein Badehäuschen am Eingang, viele der Badegäste lebten in Zelten, andere in einem Pensionat oder anderen umliegenden Häusern.

Aber wo hatte Tucholsky damals seine Bleibe? Beate Schmeichel-Falkenberg notierte in ihrem Beitrag "Und ich sehne mich so nach dem Norden" für den Katalog der Zürcher Tucholsky-Ausstellung 1990: "Er mietete ein schlichtes Holzhäuschen in Kivik in der südlichen Provinz Schonen und lebte dort in einer Freiluftkolonie, [...]." (Gustav Huonker (Hg.): Kurt Tucholsky. "Liebe Winternuuna, liebes Hasenfritzli." Ein Zürcher Briefwechsel. Zürich: 1990, S. 111.). Doch nach Gärsgårds Informationen existierte nur das eine in dem Prospekt abgebildete hölzerne Badehäuschen. Und dies bescheidene Obdach habe Henric Åkesson, der umtriebige schwedische Obstbaupionier, im Garten des nahegelegenen Åkessonschen Stammsitzes aufgestellt. Just da könnte auch mehr über Tucholsky zu erfahren sein ...

Dort ging wie verabredet die Türe des stattlichen Anwesens auf und eine freundliche Fünfzigerin trat aus dem Schatten eines riesigen Walnußbaums. Tucholsky? Da wußte Gunhild Åkesson bestens Bescheid. " Ja, er hat hier einen Sommer gewohnt und geschrieben, in den beiden vorderen Zimmern des Hauses", sagte die derzeitige Herrin auf Karakås ohne Zögern und bestätigte damit auch jenen Satz Tucholskys in seinem ersten Kivik-Brief an Mary: "[...] ich habe zwei kleine Zimmer in einem Häuschen, [...]" (UL, 25.7.1928, 496) und: "Die Leute hier sind rührend." (UL, 29.8.1928, 507). Das einstige Badehaus der 20er Jahre, das sie mir zeigte, ist nicht größer als eine Gartenlaube.

Doch Gunhild Åkesson hielt noch eine andere Neuigkeit parat. In einem unweit gelegenen Haus, in das sich "Apfelkönig" Henric Åkesson aufs Altenteil zurückgezogen hatte, verbrachte damals die junge Deutsche Margot aus der weitverzweigten Åkessonschen Verwandtschaft ihren Urlaub. Und Tucholsky habe sie damals viele Male zu Spaziergängen abgeholt - eine weitere Affäre des Meisters mit den 5 PS?

"Das ist schon denkbar", meinte die in Hamburg lebende Tochter der damals in Berlin wohnenden 25jährigen Krankenschwester Margot Deilke, "doch darüber hat man zu unserer Zeit nicht gesprochen." Sie weiß indes von jener ungewöhnlichen Urlaubsbekanntschaft ihrer Mutter, die Tucholsky danach aber nicht wieder getroffen habe, auch Briefe oder Widmungsexemplare seien nicht vorhanden ...

Keine dramatische Love-Story, aber immerhin hat Tucholsky seinen Kiviker Luft-Kurschatten in "Heimweh nach den fremden Städten" verewigt: "Alles, alles kann man entbehren. Die Literatur: schwer; den Whisky: schon schwerer; Lisa, Musch, Mara, Margot: am schwersten [...]" (GW 6, 1928, 205).

 


WWW-Erstveröffentlichung: 24.01.1997