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Horst Schwiemann:

Aus Kurt Tucholskys Plattenschrank

"Hat süße Platten. ,Nolaë heißt ein - na, er wird ja hören", schreibt Kurt Tucholsky am 8.September 1928 aus Malente an sein "liebes Malzen". In seinen Plattenbesprechungen - was sage ich- -hymnen in der Weltbühne wurde er schon ausführlicher. "Nun machen sies so ziemlich alle nach - Tucholsky in der ,Weltbühneë besprach als erster eine Platte.

Es war die von Jack Smith interpretierte ,Ceciliaë", schreibt Hans Reimann im Juni-Heft 1928 des Stachelschweins. S e i n e Rezensionen erstreckten sich aber auf etwa vier Seiten je Heft, pro Platte über vier bis acht Zeilen. Im Querschnitt, vom Zwiebelfisch bis zum Blauen Heft wurden nun auch Schallplatten besprochen.

Tucholsky hat mit Begeisterung, und sehr einfühlsam auf Grund seiner hohen Musikalität, seine geliebten Schellacks besprochen und in einem Gedicht über "Nola"auch sein Grammophon nicht vergessen:

    Platten bewahren alle Strömungen auf,
    die sie jemals trafen.
    Die hellen Herbstnächte sind entfloh'n
    Erinnerung, du süßes Grammophon.

Da hat nun im September 1997 die Firma ARCHIPHON eine wunderschön aufgemachte CD herausgebracht, mit dem alliterierenden Titel

    T h e o b a l d T i g e r s T r i c h t e r
    ...aus Kurt Tucholskys Plattenschrank...

Den Untertitel kann man nicht so ganz wörtlich nehmen, denn die originalen Schellacks aus Tucholskys Besitz sind offenbar verschollen - jedenfalls befinden sie sich nicht in seinem Nachlaß.
Aber er hat in seinen Besprechungen meist sehr konkrete Hinweise gegeben, so daß man wußte, welche Pressungen ihm vorlagen. In einem Fall hat er das offensichtlich nicht getan, da haben sich die Herausgeber für d i e Aufnahme entschieden, die Tucholskys Charakterisierung am ehesten entsprachen.

Es gibt hier eine Auswahl von 22 Aufnahmen ( dabei 2 Doppelnummern ) mit 16 Interpreten, 5 englisch/amerikanischen, einem belgischen und 10 deutschen. Die meisten der Namen sind den Tucholsky-Freunden bekannt. Aber nun kann man sie hören und mit den in dem ausgezeichneten, der CD beigegebenen booklet abgedruckten Tucholsky-Texten nachschmecken.

Ich nenne ein paar Namen: natürlich Jack Hylton und die Revellers, der flüsternde Bariton Jack Smith, Sophie Tucker mit "Virginia" (hat sich Tucholsky von Sophie Tuckers "A jiddische Mama" bei "Mutterns Hände" inspirieren lassen ? ) sowie Curt Bois, Paule (Graetz), die Waldoff viermal, Rudolf Nelson und seine Frau Käthe Erlholz, Kate Kühl, Otto Reutter, Fritzi Massary --- und als große Überraschung Gussy Holl , die von Tucholsky Verehrte und Angebetete, in einer Aufnahme von 1911.

Da ist ein Traum von mir in Erfüllung gegangen, ich habe mir immer gewünscht, ihre Stimme zu hören und höre sie hier zum ersten Mal. Nach Leimbach (*) gab es nur 6 Aufnahmen von ihr, drei davon mit der Musik von Friedrich Hollaender. Nun wird man sofort unbescheiden und hätte sich Aufnahmen aus ihrer "Schall-und- Rauch"-Zeit , etwa "Zieh Dich aus, Petronella! ..." oder Walter Mehrings "If the man in the moon ...", gewünscht. Aber das gab es wohl nicht ( mehr ).
Diese älteste Aufnahme auf der Scheibe mit einem Text von Otto Reutter, "Das gefährliche Alter" , ist natürlich mit den technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit aufgenommen und klingt, mit viel Patina, wie aus dem Trichter. HiFi- Gewöhnte werden da vielleicht ihre Schwierigkeiten haben. Aber wer Ohren hat zu hören...

Ein Leckerbissen ist eine Version von Richard Wagners "Oh you my sweet evening star!" von dem belgischen Pianisten Clément Doucet im Viervierteltakt gespielt. Tucholsky: die Parodie rückt das Werk des großen Sachsen erst richtig zurecht, hier ist die wahre Gestalt, und Parodie war nur das Original.

*

Das Konzept zu dieser CD stammt von Gerhard Zeyen, der Titel ist von Alan Lareau, University of Wisconsin Oshkesh, USA, von dem auch eine Tucholsky-Discographie beim Deutschen Literaturarchiv Marbach in Vorbereitung ist. Ihm ist auch die Aufnahme von Käte Erlholz und Gussy Holl in diese CD zu verdanken. Und die hübsche Grafik stammt von Adrian Cornford.


Von Archiphon sind weitere Trouvaillen zu erwarten, u.a. über Mischa Spolianski. Hier werden für Liebhaber von Chansons, die diesen Namen noch verdienen, und des Cabarets viele (Wieder-) entdeckungen möglich.

Fußnote

(* ) Leimbach: Tondokumente der Kleinkunst und ihre Interpreten 1898 - 1945 Göttingen 1991 zurck

 

Die ARCHIPHON - CD ist ein Produkt des Vereins für musikalische Archiv-Forschung und zu beziehen über MusiContakt GmbH, Heuauerweg 21 D-69124 Heidelberg Tel.: 6221/78 50 11-12 Fax 783 422.

Der Verein für musikalische Forschung e.V. hat die Anschrift: Großherzog-Friedrich-Straße 62. D-77694 Kehl/Rhein. Tel.+ Fax 49 - 7851/2306. Im Web: http: // w w w. home.T-online. de/ home/ archiphon.unger

 

 

WWW-Erstveröffentlichung: 13.04.1998