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Klaus Täubert (Berlin)

Kurt Tucholsky und Klaus Mann.
Zur Beziehung / Nichtbeziehung

Ich habe in eine Romanfortsetzung
Kläuschens hineingesehn.
Das ist nicht nur Pappi,
das ist vor allem maßlos schluddrig [...]

K. T. an Hedwig Müller, 2.12.1934
Im Garten gelesen Tucholsky:
“Das Lächeln der Mona Lisa”.
(Ja, der kannte sich aus!)
K. M., Tagebuch, 12.VII. 1935

 

Im Sommer 1924 vermittelt der Musikrezensent der Berliner Wochenschrift Die Weltbühne, Klaus Pringsheim (1883-1972), ihrem Herausgeber Siegfried Jacobsohn, mehrere kleine Prosa-Skizzen eines - vorgeblich – Unbekannten. Jacobsohn prüft, was ihm da in handschriftlicher Form vorliegt, und entscheidet sich mit einem: “Aber bitte erst einmal tippen!” zur Annahme der Texte. Diese Arbeiten  - “Arthur Rimbaud” , “Ueber Georg Trakl” , “Kaspar Hauser” und über Huysmans’ “Là-bas” -  sind dann freilich, als sie zwischen September 1924 und April 1925 erscheinen, mit “Klaus Mann” gekennzeichnet und Oheim Pringsheim, darauf angesprochen, mochte noch in seinem Todesjahr nicht billigen, wie der Neffe da seinen Rat anonymer Autorenschaft unterlaufen und Siegfried Jacobsohn um Preisgabe und Nennung seines Namens gebeten hatte , konträr zu seiner autobiographischen Darstellung im Wendepunkt. Dort nämlich unterstellte aus dem Abstand vieler Jahre Klaus Mann dem Redakteur Jacobsohn die Entdeckung der Urheberschaft und mithin die Enttarnung seines literarischen Debüts. Eine Unwahrheit  - und “Berater” Pringsheim, der doch den “entscheidenden ersten Schritt” in dieser “Karriere [ge]lenkt” hatte, begriff schnell, dass Klaus Mann erst später [...] fühlen sollte, “wieviel er sich selbst damit verdorben” hatte.

Der knapp 18jährige Klaus Mann (1906-1949) hatte zum Zeitpunkt seiner ersten Weltbühnen-Veröffentlichung sein literarisches Debüt bereits hinter sich gebracht, war von Stunde an ein willkommener Mitarbeiter der Ullstein- und Mosse-Agenturen und noch vor Jahresfrist als eigenständiger Autor einer Novellensammlung  im kontroversen Gerede. Die Art, wie dieser frühreife, jugendlich-unjugendliche Autor einen ganzen “verderbten” Themenkatalog - Homosexualität, Prostitution, bald auch euphorisches Suchtbekenntnis -  leicht und mit großer Selbstverständlichkeit literarisch auszuarbeiten sich anschickte, musste provozieren. Und sie musste beispielsweise einen Schriftsteller wie Kurt Tucholsky reagieren lassen. Tucholsky, anderthalb Jahrzehnte älter als Klaus Mann, im privaten Umgang ein homme à femmes, als Literat ein gänzlich unverstellter, psychologisch erhellender und aufhellender Kopf, mag zunächst aus der sprachlich-artifiziellen “neusachlichen”, der ihm “hohl” scheinenden, keinem echten Hintergrund abgerungenen Prosa des Jungen seine Ablehnung bezogen haben. Hier schrieb ihm nicht Hamsun, nicht Jack London oder Hans Fallada. Für Kurt Tucholsky ließ sich in dieser Prosa kein Herzklopfen hören. Obgleich sich mutmaßlich ihre Wege nie gekreuzt haben dürften, ist von Beginn an eine auch persönliche Abneigung gegen Klaus Mann unterschwellig immer latent. Sie hat selbst im Exil, das bei Thomas Manns Ältestem doch eine erstaunliche Metamorphose menschlichen und literarisch-aktivistischen Verhaltens freisetzt, bei Tucholsky weiterhin nur Ironie  - bestenfalls! - zu implizieren gewusst.

Im Sommer 1924, offenbar als Reaktion auf Klaus Manns unterdessen erschienene Rimbaud- und Trakl-Aufsätze hin, hatte Tucholsky in einem privaten Brief an Jacobsohn von der “Epigonenhaftigkeit” des neuen Weltbühnen-Mitarbeiters gesprochen und Jacobsohn hatte das Wort aufgenommen und seinen “liebsten Mitarbeiter” umgehend wissen lassen:

“Klaus Mann ist 17 Jahre alt. Wenn er jetzt ‚epigonenhaft‘ wirkt, so ist das bei diesem Alter vielleicht nicht verwunderlich. Entweder bleibt er es oder schreibt sich frei. Ich war mit 17 Jahren ein Konglomerat von Mauthner, Schlenther und Harden. Hätte man mich nie gedruckt, so hätt’ ich mich nie frei geschrieben. K. M. wird sich entweder frei schreiben oder Epigone bleiben. Im ersten Fall hab ich ihm genützt, im zweiten weder dem Blatt noch der Literatur einen allzu großen Schaden zugefügt.”

Der Brief spiegelt ein schönes Beispiel unvoreingenommener Meinung wider, selbst unter der Berücksichtigung, dass S. J. sich bei seinem Mitarbeiter Pringsheim ein wenig ins Wort genommen fühlen musste.

Kurt Tucholsky war freilich nicht “bestechlich”. Auch nicht durch derart geäußerte Sätze. Stattdessen entzündete sich sein frech-fröhlicher Sarkasmus am “Ersten Buchhaltungskonzipisten [...] Herrn Thomas Mann”, dem er ein “Dienstzeugnis” ausstellt, ihn (immerhin!) “bestens” empfehlend. Das ist im März 1925 und als im September Klaus Mann ihn aus Berlin adressiert und um ein Treffen in Berlin bittet (“Es wäre nett, wenn Sie mich anriefen oder mir eine Karte schrieben.”), dürfte Kurt Tucholsky darauf kaum eingegangen sein. Ein weiterer Annäherungsversuch des nun vielbeschäftigten, vielpublizierenden Klaus Mann an den Rheinsberg- und Fromme Gesänge-Autor ist nicht belegt. Tucholsky, der mit Klaus Mann doch das Bewusstsein um die Abhängigkeit eines bürgerlich-gesellschaftlichen Seins teilte, in dem beide ihre Wurzeln hatten, blieb damit die Erfahrung einer Begegnung erspart, der sich Willy Haas, Herausgeber der Literarischen Welt , ein Halbjahrhundert später nachgerade noch mit Abscheu erinnerte .

Zwischen 1928 und 1931 hat sich unzweifelhaft Tucholskys Eindruck vom lauten, landauf, landab die Presselandschaft des Reiches beschäftigenden Klaus Mann noch vertieft. Seine Ablehnung kommt nun unter den Namen, die er so variabel dem Thema gemäß einzusetzen weiß, einher. Da referiert Peter Panter über das kaum mehr wegzudenkende Auftreten der Generations- und Autorengruppe, die in Klaus Mann ihren Spiritus rector gefunden zu haben meint:

“Denn, was sich da als ‚heutige Generation‘ aufkakelt, ist gar keine. Da ist das Loch, das der Krieg gerissen hat: eine Generation fehlt. Ein Repräsentant wie etwa Erich Ebermayer ist überhaupt nichts – nur unbegabt und unjung, und leicht verschmockt sind sie fast alle. Man braucht nicht gleich auf das Niveau Klaus Manns herunterzusteigen, der von Beruf  jung ist und von dem gewiß in einer ernsthaften Buchkritik nicht die Rede sein soll [...]”

Das ist deutlich. Ein Jahr darauf, im Februar 1929, schreibt sich Kaspar Hauser mit “Die lieben Kinder” ein ganzes Glossen-Konvolut vom Herzen, die immer öffentliche Betriebsamkeit der Mann und Wedekind (Pamela), Sternheim (Klaus und “Mops”) und Hauptmann (Benvenuto) hochironisch bündelnd. “Klaus Mann”, heißt es dort beispielsweise lustig, “hat sich bei Verabfassung seiner hundertsten Reklamenotiz den rechten Arm verstaucht und ist daher für die nächsten Wochen am Reden verhindert”. Zuvor allerdings erfährt der Leser auch: “Benvenuto Hauptmann hat sich von Klaus Mann wieder scheiden lassen, weil ihm die normalen Neigungen seiner Frau Braut vor der Hochzeit nicht bekannt gewesen sind.” Verfremdet zwar und um den Effekt vordergründiger Witzigkeit spielt Tucholskys Kaspar Hauser hier auf die erotischen Neigungen beider Glossen-Protagonisten an, gibt sie dem “Paragraphen”, schließlich der Lächerlichkeit preis. Erstaunlich: der in erotischen Fragen “aufgeklärte”, hier spottende Kurt Tucholsky schreibt in seiner  Weltbühne  neben den bekennenden Homosexuellen Kurt Hiller und Hans Siemsen, sitzt neben Bruno Vogel und wiederum Hiller seit 1926 der Gruppe Revolutionärer Pazifisten (GRP) vor ...

Reaktionen Klaus Manns auf Tucholskys Frozzeleien liegen nicht vor. Doch ist es im Januar 1931 Erika Mann, die auch namens ihres Bruders Klaus den “Sehr verehrten Herrn Tucholsky” bittet, ihnen die Abdruckerlaubnis für einen Aufsatz über Monte Carlo zu erteilen, den “zu besorgen, und, baldmöglichst, nach München, Poschingerstraße 1” zu schicken, sie ihn freundlichst anmahnt . Kurt Tucholsky ist jedenfalls dieser Aufforderung nachgekommen. Sein Prosastück findet sich wieder in dem  Buch von der Riviera der Piper-Reihe  Was nicht im Baedeker steht, das Klaus und Erika Mann als Verfasser nennt. Ende gut, alles gut? Nun, auch im Falle dieser neuerlichen  - und letzten - Kontaktaufnahme seitens der “lieben Kinder” existiert kein Antwortschreiben Tucholskys. Die Geste allein hätte ihm künftiges Stillschweigen implizieren lassen müssen, woran ihm nicht gelegen war.

Im April desselben Jahres zitiert Ignaz Wrobel ungebrochen genüsslich aus dem Traktat “Erziehung zur Freiheit” einen Satz des Autors Frank Thieß: “Was Klaus Mann erlaubt ist, darf nicht Edschmid erlaubt sein, denn er hat sich nicht nur an den Vordergründen zu ergötzen, sondern um die Perspektiven zu wissen und an der Ordnung des Chaotischen beteiligt zu sein.”  Tucholsky mag die Namenskombination Edschmid / Klaus Mann gefallen haben, zwei Namen, die er beide zuhauf in der Weltbühne  der Lächerlichkeit zieh. Hier sind sie ihm zudem gut genug, gegen Thieß auszusagen, wenn er nämlich zusätzlich das Bonmot bemüht: “ Die deutsche Sprache, hat Börne einmal gesagt, zahlt in Kupfer oder Gold. Er hat das Papier vergessen.”

Die Weimarer Republik neigt sich ihrem Ende zu, da tritt Klaus Mann “spontan” der Gruppe Revolutionärer Pazifisten Kurt Hillers bei oder schließt sich ihr doch als Sympathisant an. Praktisch gewinnt er damit die größtmöglichste Nähe zu Tucholsky – aber Tucholsky lebt in Paris oder Schweden und hat zu diesem Zeitpunkt Deutschland hinter sich gelassen, ein “aufgehörter Schriftsteller”, der im Augenblick der politisch wegdriftenden Ersten Republik, ein spätes Rencontre mit Klaus Mann beinahe noch hätte erleben dürfen. Im Kreis der Ernst Toller und Walter Mehring, Helene Stöcker und Alfred Goldschmid, der Hiller und Richard Huelsenbeck, Rudolf Leonhard und Walter Karsch, Eugen Brehm und Alfons Steiniger hätten der “kleine dicke Berliner” (Kästner) und der von diesem schon einmal als “Klausa Mann” titulierte, sich abseits persönlicher Befindlichkeiten vielleicht doch auf einen Konsensus in personalibus einigen können. Gewünscht freilich hätte sich Tucholsky eine solche Begegnung eher nicht. Und doch gab es durchaus literarische Gemeinsamkeiten, gab es die fanatische Verehrung für Knut Hamsun, die Bewunderung für Franz Kafka, von dem Tucholsky ahnte, dass er “ [...] in den Jahren, die nun seinem Tode folgen, wachsen [wird]”  und Klaus Mann vermerkte nur wenige Jahre später, dass die “actual effects of his works have been more intense and lasting then that of many a literary sensation of the day” und dass seine Art des Schreibens “young writers on both sides of the Atlantic” inspiriert und beeinflusst hätte. Ein Satz wie der von Tucholsky geäußerte, dass Kafka “[...] Bücher geschrieben [habe], einige wenige, unerreichbare, niemals auszulesende”  wäre von Klaus Mann mit Emphase und Begeisterung aufgenommen worden. Hier waren Liebesgeständnisse geprägt, die mit denen Klaus Manns synchronisierten. So wie beide d’accord gewesen sind, als es um den großen Norweger ging, Hamsun, den Erzähler und gleichwohl auch um Hamsun, den politisch so unzuverlässigen, schwachen Charakter, den beide sich aus ihrem Herzen zu reißen hatten. Vielleicht sind mit diesen beiden Autoren die stärksten Übereinstimmungen zwischen dem zuletzt desillusionierten “Alten” in seinem schwedischen Exil und dem immer stärker mit hellsichtigen Einschätzungen auf sich aufmerksam machenden Jungen erwähnt. Sie zeigen symptomatisch das Untergehen des einen an der Zeit auf, und im anderen Falle das Erstarken des anderen an eben dieser.

Klaus Manns überlebensgroßes literarisch und moralisches Vorbild, André Gide, hat dagegen Tucholsky nichts bedeutet. “[...] das gäbe”, schreibt der 1931 unisoni über die Autoren Paul Claudel, Robert Musil und Gide, ließe man ihn auf diese Autoren “los”, “ein rechtschaffenes Unglück. Ich verstehe sie nicht; sie sagen mir nichts; ich weiß gar nicht, was ihre Schriften zu bedeuten haben.” Über François Mauriacs Roman Le Jeune Homme hatte er notiert: “Die Welt besteht nicht aus jungen Bürgersöhnen, die Zeit, Geld und Raum haben, über ihre unsterblichen Seelen nachzudenken, sondern aus jungen Leuten, die Geld verdienen müssen, Brot, Kleidung. Und diese Generation hat andre Sorgen, andre Ideale, andre Schmerzen.” Ein auswechselbarer Satz, der ihm stellvertretend durchaus auch die laxe Lebenseinstellung und Orientierungslosigkeit der jungen und jüngsten deutschen Literaturgeneration zu charakterisieren schien.

Der so früh exilierte und öffentlich schweigsame - privat dafür umso beredtere, äußerst mitteilsame -  Kurt Tucholsky observiert weiter negierend das Bemühen Klaus Manns, in seiner Amsterdamer Zeitschrift Die Sammlung eine Initiative gegen den Furor teutonicus zu entwickeln. Angesichts vorangegangener Publikationen außerhalb der Reichsgrenzen erkennt er: “Anstatt ein gutes Journal zu gründen, gründet sich jeder seins, und natürlich werden sie alle miteinander eingehen.” Er bezeichnet den Sammlung-Herausgeber als “blödsinnig”  und das Periodicum als “unlesbar”. Hatte er sich - in absentia – vom Sowjetischen Allunionskongress in Moskau versprochen, Carl von Ossietzkys würdigend zu erinnern, nimmt er, als exakt dies ein Jahr später in Barcelona geschieht, lediglich mit zwei kargen Sätzen dazu Stellung: “Der Pen-Club hat in Barcelona eine Resolution angenommen. Nun müssen sie doch bald alle sein.”  Der Redner aber, der auf der Schlusstagung dem Kongress eine Protestnahme unterbreitet, in der die sofortige Freilassung von Ossietzky, Ludwig Renn und Berthold Jacob gefordert wurde, war Klaus Mann. Die überzogene Art  - wie Tucholsky hier Noten nach links und rechts austeilt – belegt sich auch durch sein Abgeschnittensein und seinen offenbaren Mangel an Präsenz in Fragen exilatorischer Wirksamkeit innerhalb seines Gastlandes, das Rücksichten einfordert. Und das, wie Österreich 1935, der  Sammlung gegenüber leicht eine Sperre verhängt und den binnen-europäischen Absatzmarkt der Zeitschrift zusätzlich dezimiert. Solche leicht ergänzbaren Beispiele weisen nach, wie schwierig die Frage “guter Journals(gründung)” sich in den Gaststaaten stellte. Kurt Tucholsky, der selbst jahrelang ein mit Zensur häufig befasster Frankreich-Autor gewesen ist, hat, als er von der “unlesbaren ‚Sammlung‘” spricht, noch drei Wochen zu leben und durfte sich sagen, “das Seine getan”, nichts, wie Klaus Mann erkennt, “unversucht gelassen [zu haben] vor dem Unheil, das er schaudernd sah”. Und das zu bekämpfen er zuletzt nur noch Negativ-Wertungen übrig hatte..

 An Erika Mann vergibt Tucholsky das Prädikat “dumm” , wiewohl er ihre Pfeffermühlen-Tätigkeit nie in Augenschein genommen hat. “Sicherlich schwach”, schreibt er über ihre Leistungen und “[...] maßlos schluddrig, hingesudelt, wahrscheinlich diktiert oder doch hingerotzt, mit dummen deutschen Modewörtern, ganz schlecht” , den ersten Roman Klaus Manns im Exil. Flucht in den Norden heißt er, den der erbarmungslose Privat-Rezensent in Schweden, fern eines “gestaltenden Künstler(tums)” ausmacht.

Und Klaus Mann? In seinem Lebensbericht Der Wendepunkt (1952) findet Kurt Tucholskys Name sich überhaupt nur ein einziges Mal  - und peripher -  erwähnt. Die spät geöffneten Tagebücher Klaus Manns verzeichnen den Tod in Schweden ohne weiteren Kommentar. Erst anlässlich jenes letzten Briefs Tucholskys an Arnold Zweig gestattete Klaus Mann sich den Hinweis: “Man tröstet sich: er war krank.”  Die polemische Retourkutsche anspannen zu lassen, ist dem Chronisten nie in den Sinn gekommen. Durch und durch Literat, der er war, schätzte er dafür die Meriten des Verstorbenen zu hoch. Bis auf einen leicht rätselhaften Satz hat er sich allerdings auch nicht einmal inhaltlich-kritisch zum Werk Tucholskys geäußert. Der Satz aber, den er im Sommer 1935 seinem Tagebuch anvertraut und der den Respekt für den nun Toten wenigstens einmal ahnen lässt, hatte geheißen: “[...] gelesen Tucholsky: “Das Lächeln der Mona Lisa” (Ja, der kannte sich aus!)”.

Zuletzt, 1939, für sein amerikanisches Buch Escape to life, widmet Klaus Mann dem Verstorbenen dann doch zwei ganze Seiten und gibt seiner weiträumigsten Auseinandersetzung mit Tucholsky moderat Raum. Psychologisch deutend, unterstellt er ihm das “Angstmotiv” des Emigranten und erkennt eine “tiefe, völlige Depression nicht ohne pathologische Einschläge, die übrigens auch physische Ursachen gehabt haben mögen.” Er diagnostiziert aus dem Abstand dreier Jahre, “[...] daß sich hier einer zu weit nach vorne gewagt” hätte und es schließlich, so der im Umgang mit Barbituraten Erfahrene gegenüber seinem Bruder Golo vermittels “diese[r]  Menge Schlafmittel [...] halt getan [habe]”. Das allerdings war schon der genaue Ausblick auf den Akt des eigenen, immer von Hypothesen begleiteten (Frei-)Todes in Cannes.

Das Ende beider Leben flankieren Texte, die von politischen Enttäuschungen und Verzweiflungen bestimmt scheinen. Tucholsky wählte sich dafür die private, Klaus Mann die öffentliche Form. Stellt sich für den zurückgezogenen Exilanten in Schweden eine andere Möglichkeit der Aussage erst gar nicht, so entspricht sie doch ganz und gar seiner privatim stets diskreten Haltung. Sein Text, im Konsens gelesen mit dem Brief an Mary Tucholsky , lässt dann doch keinen Zweifel darüber aufkommen, dass hier ein Leben nicht weiter geführt sein möchte und einen finalen Punkt zu setzen gewillt ist. Klaus Mann hingegen fordert nach einer ganzen Serie von vorausgegangenen und dilettantisch-missglückten Suizid-Versuchen ein kollektives Verständnis und Mittun heraus, die eigene Person dabei nur ganz indirekt am Ausgangspunkt positionierend. Dass beider Belege relativistisch angelegt sind, dass “Politik” hier als Vorwand für doch ungleich profanere Gründe steht, scheint verständlich. Aber fraglich bleibt doch, wie sehr dies beiden auf der Bewusstseinsebene verständlich wurde. So hat Tucholsky, seine wirtschaftliche Disposition überdenkend, eine Konsequenz gefasst und hatte in Südfrankreich Klaus Mann, verirrt in diese “künstlichen Paradiese”, aus ihnen nicht mehr herausgefunden.

Berührt hatte Tucholsky in seinem bald öffentlich bekanntwerdenden Brief an Arnold Zweig  fast ausschließlich die “Judenfrage”, d.h. das Versagen der deutschen “Judenheit”. Nicht zu erkennen vermochte er “Selbstkritik” und “Selbsteinkehr” unter den jüdischen Emigranten, wie er ganz allgemein den “Referenten im Propagandaministerium [...] sich grinsend langweilen (sah), wenn er das Zeug liest”. Mit “Zeug” benannte Tucholsky komplex die Produktionen der Exil-Literatur, die er ja überdies für “ungefährlich” stets gehalten hatte. Über Klaus Mann hinaus wirft er ihren Vertretern vor, noch immer “dieselben Bücher”, “dieselben Reden”, “dieselben Gesten” wie in den Weimarer Zeiten zu handhaben. Dicht an der Rolle des “Selbsthassjuden” (Kurt Hiller) vorbei, bedeutet Tucholsky dem Zionisten Zweig, “daß das Judentum [...] besiegt” sei,  dass es “(nicht) kämpft”, dass ihm seine “Befreiung [...] durch die französische Revolution, also von Nicht-Juden, geschenkt” worden sei. Was sich, wie er bilanziert, nun “rächt”.

Geschickt wie Tucholsky diesen Brief an seinen Empfänger kaschiert – “[...] mit Ihnen [zu] sprechen, das wird immer ein kleines Fest sein”  - enthält er in sich schon genügend an Merkmalen einer (intellektuellen) Verabschiedung. Der  um den 20.11.1935 geschriebene Brief an Mary Tucholsky komplettiert ihn  und ließ die Ahnung zum Beschluss werden.

Vierzehn Jahre später gibt sich Klaus Mann in seinem Aufsatz “Europe’s Search for a New Credo” seiner Verzweiflung hin. Anders als nach dem Debakel um seine New Yorker Zeitschrift Decision , sieben Jahre zuvor, transponiert hier der Kosmopolit seine Befindlichkeiten aufs Lager europäischer Intellektueller. Stellvertretend für ihn führen sie einen von ihm verlorengegebenen Kampf. “Jüdisches” wird von ihm nicht reflektiert, wohl aber, was sich da zwischen den Zeilen herausliest, die Sehnsucht auf die “guten”, die kämpferisch-hoffnungsvollen, die Jahre des Exils.

Was Tucholsky 1935 als belanglos abgetan hatte, die Artikulation von Literatur gegen die Oppression eines diktatorischen Staates, schätzte Klaus Mann zwar selbst im realistischen Ausblick von 1949 nicht gerade als “entscheidend”  ein, gesteht ihr dennoch eine “verantwortungsvolle Rolle” zu, die er als ein “historisches Kapitel”  bewertet wissen will. Im März 1949 sind dem Schreiber von “Europe’s Search for a New Credo” die so guten Jahre des Anti-Hitler-Kampfes lange vergangen, entwerten sich ihm immer mehr ewig gültig geglaubte Maximen, stellt er schließlich die Glaubensfrage der europäischen Intellektuellen zur Diskussion und fordert auf die Irritation hinter dieser Frage als Credo, “die Völker [...] aus ihrer Lethargie [aufzuschrecken]” , ihren kollektiven Selbstmord heraus.

Der Freitod Kurt Tucholskys hatte zwangsläufig in den folgenden Kriegs- und Nachkriegsjahren Nachfolger gefunden – Klaus Mann ist ein Beispiel dafür. Seinem eigenen Aufruf “absoluter Verzweiflung” wiederum ist niemand gefolgt. Wie auch ...? Er selbst hatte seinem “Turning Point” das Rilke-Wort “O Herr, gib jedem seinen eigenen Tod!” vorangestellt. Allein daran hatte er geglaubt, kaum aber wirklich daran, individuelle Negation durch ein kollektives Pathos steigern zu können. Was die beiden so unterschiedlichen Männer auch am Ende nicht verband, folgert sich aus der suizidalen Entscheidung: Die Verzweiflung, die sich Kurt Tucholskys letztem Akt zugrunde legen lässt, bleibt stets spürbar. Während fraglos Klaus Mann mit seinem möglicherweise doch eher zufälligen Tod durchaus zufrieden gewesen sein dürfte.